Schwerpunkt Busverkehr „Busfahren ist Schwerstarbeit“

Bietigheim-Bissingen / Gabriele Szczegulski 05.09.2018

Busfahrerin Gudrun Dalke (57) zuckt nicht mit der Wimper. Ihr Vorgesetzter – und Ehemann –, der Fahrmeister der Firma Spillmann, Thomas Makowiec, hat ihr an diesem Morgen den 18 Meter langen Gelenkbus zugeteilt. „Viele meiner Kollegen fahren diesen riesigen Bus nicht gerne, ich schon“, sagt die Busfahrerin. Obwohl sie zugibt, dass sie bei ihrer ersten Fahrt vor sechs Jahren mit dem Gelenkbus Respekt hatte, als sie ganz alleine in den Riesenbus gesetzt wurde. „Ich musste damals durchs Buch fahren, danach war ich schweißgebadet“, sagt die Fahrerin, die an diesem Tag die Linien 551 und 552 bedient, die vom Buch über den Sand, den Bahnhof und die Innenstadt nach Metterzimmern beziehungsweise Sachsenheim fahren.

Es ist selten geworden, erzählt Dalke, dass sie Linienbus fährt. Weil sie eine gute Fahrerin ist, so Thomas Makowiec, fährt sie mittlerweile zu 90 Prozent Reisebus. Zum Busfahren ist sie gekommen, weil „ich so gerne Bus fuhr und selbst auch am Steuer sitzen wollte“. 7500 Euro habe der Busführerschein gekostet und bei Spillmann habe sie sofort anfangen können. „Busfahrer sind Mangelware“, sagt Makowiec. An diesem Tag, an dem ich ihr über die Schultern schauen darf, fährt sie also den großen Gelenkbus. Helfen kann ich nichts, ich darf auch meine Fragen erst stellen, wenn Dalke grade nicht fährt. „Es ist schon Schwerstarbeit, durch die engen und zugeparkten Straßen der Wohngebiete zu jonglieren“, sagt Fahrmeister Makowiec.

Bevor Gudrun Dalke zur Haltestelle Berliner Straße, dem Beginn der Strecke, fahren kann, muss sie ihren Bus untersuchen. Sie entdeckt über dem hinteren Rad eine Macke im Lack. Thomas Makowiec fotografiert den Schaden, so dass die Löchgauerin später nicht dafür verantwortlich gemacht werden kann. Dalke überprüft, ob genügend Diesel, Kühlwasser und Öl vorhanden sind. Technische Kenntnisse gehören zu ihrer Arbeitszeit. „Wir unterscheiden zwischen Arbeits- und Lenkzeiten“, erklärt Makowiec. Bei Spillmann, so betont der Fahrmeister, werde allerhöchsten Wert auf die Arbeitsgesetze sowie die Sicherheit gegeben. Alle Angestellten würden nach Tarif bezahlt.

„Ja, ich werde oft angesprochen, wie ich es mich trauen könnte, als kleine Frau so einen großen Bus zu fahren, aber mit Körpergröße hat das Busfahren wenig zu tun“, sagt sie. Dass sie als Frau in einem Männerberuf mit Vorurteilen zu tun habe und oft nicht ernst genommen werde, gibt sie unumwunden zu. „Neulich schrie mich ein Mann an: Sind Sie als Frau zu blöd, den Fahrplan einzuhalten?“, sagt sie. Ab und zu muss sie auch einen Betrunkenen, der sie belästigt, darauf verweisen, dass er drei Möglichkeiten habe: sich ruhig hinzusetzen, den Bus zu verlassen oder sie rufe die Polizei.

Von der Schwerstarbeit kann ich mich gleich überzeugen. Der Linienbus fährt mitten durch enge Wohngebiete, die an und für sich mit den engen Straßen für Busse nicht vorgesehen sind. Doch der Bus, so Dalke, soll so nah wie möglich an die Menschen, und die wohnen nun mal nicht an großen Straßen. Parkende Autos sind kein Problem für die Busfahrerin, aber wenn Mülltonnen auf der Straße stehen, oder Autos sowie Wohnmobile aus den Parkplätzen in die Straße hereinragen, ist es eine regelrechte Jonglierarbeit, die Dalke vollbringen muss. In der Sucystraße muss sie auf einer Wendeplatte im Kreis herum, parkende Liefertransporter stören den Wenderadius des Gelenkbusses, da ist Fahrvermögen von Nöten. Gudrun Dalke bleibt ruhig, während ich hinter ihr schon ins Schwitzen gerate, wie sie am Lenkrad schuften muss.

Die Wartezeit hat Folgen: Das Display zeigt 5,5 Minuten Verspätung an, die die Fahrerin sofort per Funk an den Fahrmeister weitergibt, der nachfolgende Busse unterrichten kann. „Wir sind schon sehr eng getaktet. Auf der Strecke nach Bönnigheim ist das nicht so eng, weil man weiß, wie oft es Stau auf der Löchgauer Straße in Bietigheim gibt“, sagt sie. „Ich verstehe nicht, warum es dort keine Busspuren gibt, das würde sicher so manchen Autofahrer ermutigen, Bus zu fahren, wenn wir am Stau vorbei fahren könnten“, kritisiert sie. „Der Verkehr in Bietigheim bricht jeden Tag vier Stunden komplett zusammen, zwischen 6 und 8 Uhr und zwischen 16 und 18 Uhr“, erklärt sie.

Wohl der Fahrgäste

Ich beobachte, dass es Gudrun Dalke vor allem um das Wohl ihrer Fahrgäste geht. Das sei, so sagt sie, auch ein Grund, warum Spillmann-Geschäftsführer Bülent Menekse gerne Frauen einstelle. „Er sagte mir einmal, dass Frauen bedachter fahren, was für die Fahrgäste besser sei und dass sie hilfsbereiter sind“, sagt sie. Familienunfreundliche Fahrzeiten und unplanmäßige Einsätze aber seien die Gründe, warum Frauen den Beruf nicht ergreifen. Dalke lässt sich auch vom Zeitdruck nicht davon abhalten, mit der Abfahrt zu warten, bis alte Damen oder Kinder sitzen. Drei Kameras zeigen ihr, was um ihren Bus herum passiert, und, ob jemand den Hinterausstieg passiert hat, bevor sie die Türe schließt. Als sie in Metterzimmern fahrplanmäßig neun Minuten warten muss, lässt sie den vierjährigen Berkin auf den Fahrersitz steigen. Der kleine Junge fährt öfter mit seinem Opa die ganze Runde vom Wohngebiet Sand mit, „weil Berkin so gerne Bus fährt und Busfahrer werden will“, sagt der Großvater.

Am Kronenzentrum funkt Dalke ihre Kollegen an, ob ihr ein Bus auf der Kronenbergstraße entgegenkommt. „Mit einem Gelenkbus rückwärts zu fahren, ist schwierig“, sagt sie. Zweimal fährt sie an diesem Tag die Strecke, dann muss sie zum Betriebshof in der Gustav-Rau-Straße, denn nachmittags warten Senioren, die sie zum Kaffeetrinken fahren muss.

Daten der Spillmann-Omnibusgesellschaft

Die Firma Spillmann wurde 1928 gegründet und hat eine eigene Busflotte und ein Reisebüro. Das Unternehmen übernimmt den Öffentlichen Personennahverkehr der Stadt Bietigheim-Bissingen, außerdem bietet es Omnibusreisen an.

60 Fahrer beschäftigt Spillmann, darunter 5 Frauen. Der Fuhrpark umfasst 25 Solobusse, 5 Gelenkbusse, 3 Kleinbusse und 6 Reisebusse. Lenk- und Ruhezeiten der Fahrer sind streng geregelt.Der Gelenkbus Mercedes Citaro hat eine Länge von 18 Metern, ist 2,55 Meter breit, hat 43 Sitzplätze, 103 Stehplätze und zwei Rollstuhlplätze, sowie jede Menge Platz für Rollatoren. Er fährt mit 360 PS und hat mehrere Kameras.

Die Firma Spillmann hat eine eigene Werkstatt. Jeder Bus bekommt nach 15 000 Kilometer eine kleine Wartung, nach 60 000 eine große und nach 90 000 Kilometern wird alles untersucht. Nach zirka acht Jahren werden die Linienbusse ausgetauscht. sz

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