BZ-Schulpreis Die Frage nach dem Warum

Bei dem Kooperationsprojekt der Schule Gröninger Weg, der Realschule im Aurain, der Initiative „Stolpersteinverlegung  in Bietigheim-Bissingen“ und des Stadtarchivs begleiteten Schüler die Stolpersteinverlegung szenisch durch einen „inneren Monolog“ sowie ein „fiktives Interview“, wie auch musikalisch durch einen Beitrag des Oberstufenchors.
Bei dem Kooperationsprojekt der Schule Gröninger Weg, der Realschule im Aurain, der Initiative „Stolpersteinverlegung  in Bietigheim-Bissingen“ und des Stadtarchivs begleiteten Schüler die Stolpersteinverlegung szenisch durch einen „inneren Monolog“ sowie ein „fiktives Interview“, wie auch musikalisch durch einen Beitrag des Oberstufenchors. © Foto: Realschule Aurain
Bietigheim-Bissingen / Rena Weiss 15.06.2018

Es wäre besser, wir leben gar nicht“, sagte ein Schüler der Schule Gröninger Weg im Buch zu seiner Lehrerin Melanie Dold-Haug. Grund dafür war das Projekt „Gestaltung und Umrahmung von Stolperstein-Verlegungen in Bietigheim-Bissingen“, das in Kooperation mit der Realschule im Aurain, der Initiative „Stolpersteinverlegung in Bietigheim-Bissingen“ und dem Stadtarchiv ins Leben gerufen wurde. Das Projekt belegte beim BZ-Schulpreis einen zweiten Platz.

Im Rahmen der Stolperstein-Verlegung behandelten die Schule für Geistigbehinderte und die Realschule über einen Zeitraum von fast zwei Jahren den Nationalsozialismus und die in Bietigheim registrierten Behinderten, von denen viele in der Tötungsanstalt Grafeneck umge­-
bracht worden sind.

„Für unsere Schüler war das Thema eine Herausforderung“, erklärt Dold-Haug, weil es sie damals auch hätte treffen können. Doch auch für sie als Lehrkraft sei es sehr bewegend, aber auch spannend, weil sich ihre Zehntklässler sehr intensiv damit befasst hätten. „Manche Fragen hatte ich nicht erwartet und konnte ich auch nicht immer beantworten“, erinnert sie sich an die Anfänge 2016. Es seien Fragen gewesen nach dem Glauben oder nach dem Grund für Behinderungen. „Warum wollte man uns damals nicht?“, soll ein Schüler gefragt haben, und welche Antwort könne man darauf schon geben, fragt sich die Sonderpädagogin Dold-Haug.

Gedanken über die Zukunft

Doch es seien Fragen, die auch heute noch gestellt werden. „Ich werde bei Ausflügen manchmal von Passanten gefragt, warum ich das denn mache“, sagt Dold-Haug, denn arbeiten können die Kinder nach der Schule ja nicht. „Im Laufe des Projekts haben sich meine Schüler auch Gedanken über ihre Zukunft gemacht“, sagt sie. Denn gerade auch durch den Nationalsozialismus gebe es nicht viele ältere Menschen mit geistiger Behinderung, die sich die Kinder als Vorbild nehmen könnten. Im zweiten Teil des Projekts – der zweiten Verlegung eines Stolpersteins – schlossen die Zehntklässler die Schule ab, und es nahmen Siebtklässler daran teil. „Deren Fragen waren nicht so tiefgreifend“, sagt die Lehrerin. Doch die Frage nach dem Warum wurde dennoch gestellt.

Insgesamt nahmen an beiden Verlegungen zehn Schüler aus den Klassen 7, 9 und 10 im Alter zwischen 12 und 17 Jahren und fünf Lehrkräfte der Schule Gröninger Weg und der Realschule Aurain teil. Felix Kron war einer dieser Lehrer. Er unterrichtet Deutsch und Geschichte an der Realschule. Neben dem Unterricht zum Nationalsozialismus begleiteten die Schüler für das Projekt die Stolpersteinverlegung in Gedenken an Opfer des NS-Terrors szenisch durch einen „inneren Monolog“ sowie ein „fiktives Interview“ als auch musikalisch durch einen Beitrag des Oberstufenchors.

Geschichte erleben

„Sonja Eisele und Christian Hofmann vom Stadtarchiv und Thomas Reusch-Frey kamen auf uns zu und fragten, ob wir die Verlegung begleiten wollen“, sagt Felix Kron. Reusch-Frey ist Mitglied der Initiative Stolpersteine in Bietigheim-Bissingen und „er hat sich diese Initiative zur Lebensaufgabe gemacht“, sagt Kron.

Seit fast 20 Jahren verlegt der 66-jährige Kölner Aktionskünstler Gunter Demnig Stolpersteine. Er lässt die kleinen Gedenktafeln aus Messing in den Boden ein. Sie erinnern an Menschen, die Opfer des Nationalsozialismus wurden. „Manchmal gibt es Kritik, weil die Steine in den Boden eingelassen werden und man darauf tritt“, sagt Kron. Doch für seine Schüler sei es die Möglichkeit, Geschichte zu erleben und nicht nur die Fakten im Unterricht zu pauken. „Dadurch haben sie realisiert: Hier bei uns, in unserer Stadt sind Menschen umgebracht worden“, sagt Kron.

Für die Zukunft hoffen Felix Kron und Melanie Dold-Haug auf weitere Projekte der Kooperationsklasse. Kron fügt hinzu, dass das Stadtarchiv noch weiter recherchiert und es vielleicht neue Stolpersteine geben werde. Zudem würde die Schule gerne eine Patenschaft für einen Stein übernehmen. „Das ist noch nicht in trockenen Tüchern, aber wir würden ihn dann pflegen und sauber machen“, erklärt der Deutsch- und Geschichtslehrer.

Über den zweiten Platz beim BZ-Schulpreis hätten sich alle Schüler sehr gefreut und seien stolz darauf, berichten beide Lehrer. Dold-Haug fügt hinzu: „Für meine Schüler ist es toll, dass sie sich auf einer Bühne präsentieren durften. Diese Möglichkeit haben sie nicht so oft.“

Info In den nächsten Wochen werden weitere Preisträger des BZ-Schulpreises vorgestellt.

Die Jury des BZ-Schulpreises meint:

Das Kooperationsprojekt erfüllt sämtliche Ansprüche an einen Träger des BZ-Schulpreises. Es bietet Schülern eine herausragende Möglichkeit, sich mit dem Nationalsozialismus anhand einer lokalen Biografie auseinander zu setzen. Der stadtgeschichtliche Bezug ist ebenso vorhanden wie ein praktisches Beispiel für den aktuellen Umgang mit den Schrecken der Gewaltherrschaft. Auch der Inklusionsgedanke wird über die Auseinandersetzung mit den Opfern und der Schulkooperation ersichtlich. Zudem können die erarbeiteten Materialien auch künftig im Unterricht eingesetzt und mit einem Besuch der Stolpersteine verbunden werden. Vorbildlich. bz

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel