Es ist fast auf die Minute genau ein Jahr her, da lief das Zebra über die Ziellinie am Viadukt und blickte die Zielgerade hinunter. Wo bleibt nur die Giraffe? 2018 wiederholt sich das Bild. Max Paschke wartet im Zielraum, doch diesmal nicht auf seinen kurzfristig erkrankten Bruder, sondern auf die Ersatz-Giraffe. Michael Ade trabt durchs Ziel. Nicht nur der „Stadionsprecher“ wird auf ihn aufmerksam. Während des gesamten Streckenverlaufs erhalten die beiden besonders viele Zurufe, die sie natürlich motivieren und antreiben, wie sie nach dem Rennen erzählen. Vor allem über die vielen begeisterten Kinder sind sie glücklich. Wegen des vor dem Rennen üblen Nieselregens nicht in die Kostüme zu schlüpfen, war für die beiden Läufer keine Option. „Ob ich nur von innen oder auch außen nass werde, ist eh egal“, meinte Max Paschke. Ade, der zum ersten Mal im Kostüm gerannt ist, bestätigt: „Es ist seeeehr warm da drin.“

Limonaden-Quartett

Ganz Ähnliches ist von den vier Limonadenflaschen zu vernehmen. Rannten sie im letzten Jahr noch als Duo, ist Tobias Welz, Mit-Gründer eines Bietigheim-Bissinger Getränke-Unternehmens, in diesem Jahr mit drei Kollegen als Quartett am Start. „Mein Kostüm ist recht stabil, das schlenkert gar nicht“, erzählt Stefan Weis, Sieger unter den Flaschen, „man kann darin erstaunlich gut laufen. Das hatte ich mir schlimmer vorgestellt.“ Das liegt womöglich daran, dass er in einer Flasche 2.0 steckt. Denn während Welz die ersten Prototypen noch selbst genäht hat, wurden die beiden neuen Kostüme professioneller hergestellt, wie er erzählt. Nächstes Mal wollen sie als Sixpack antreten. „Aber Ziel ist natürlich, dass wir die Kiste vollkriegen“, sagt Tobias Welz und grinst. Stefan Weis witzelt: „Alle zehn Minuten als Flasche bezeichnet zu werden, ist doch schön.“ Im Ziel gratuliert Pippi Langstrumpf im Doppelpack.

Auch Graf Dracula und seine Vampir-Gefährtin bewältigen die 11,1 Kilometer, genauso wie zwei Läufer vom Bissinger Skiclub, die nostalgische Uralt-Skianzüge auf einem Basar abgestaubt hatten und mit Skibrille durch Bietigheim rasen.

Stimmungsvoller Hexenkessel

Kreative gibt’s allerdings nicht nur unter den Sportlern. Auf Höhe Hillerschule beispielsweise haben es sich vier Herren in ihren Anglersesseln bequem gemacht, unweit entfernt scheppern Kuhglocken. Die Fußgängerzone – und besonders der Bereich am Rathaus – ist wieder aufs Neue ein stimmungsvoller Hexenkessel. Nahe der EgeTrans-Arena hauen ein paar Zuschauer auf Spielzeugtrommeln, die einen kleinen Vorgeschmack auf das geben, was alljährlich am Unteren Tor auf die Athleten wartet: das Drummerteam, das mit seinem ohrenbetäubenden, rhythmischen Gepolter die immer müder werdenden Läufer auf die Zielgerade trägt.

Ganz in der Nähe haben sich Nuriya Turan-Acat und Nurcan Tuz-Turan eingerichtet. Mit ihren zusammen fünf Kindern feuern die beiden Schwestern aus Bietigheim-Bissingen Freunde und Arbeitskollegen vom Streckenrand aus an. Wie unzählige andere Fans haben sie sich mit den Klatschstangen der BZ ausgerüstet. „Der Regen stört uns nicht“, versichert Turan-Acat, „dann trinken wir halt was Warmes.“

Aus dem Ausland anreisen, nur, um am Bietigheimer Silvesterlauf teilzunehmen? Nicht nur, aber auch. Tobias Lübeck steht am Streckenrand und feuert den Mann an, der sicherlich zu jenen mit dem weitesten Anfahrtsweg zählt: Von Nantes in Südfrankreich nach Bietigheim-Bissingen sind es ziemlich genau 1000 Kilometer. „Wir kennen uns schon seit mehr als 20 Jahren“, erzählt Lübeck, oft hätten sie gemeinsam Silvester gefeiert. „Ich habe dieses Jahr keine Lust, da eine Stunde durchzuorgeln“, meint Lübeck mit Blick auf den 11,1 Kilometer langen Lauf, doch sein französischer Freund hat sich zum ersten Mal die Startnummer an den Bauch gepinnt.

Wiederholungstäter dagegen ist Alexander Peppel. Zum dritten Mal geht er in Bietigheim-Bissingen an den Start. „Ich bin schwer begeistert, was hier auf die Beine gestellt wird“, lobt der Mann, auf dessen neongrünem Lauf-Shirt ein ungewöhnlicher Gruppenname prangt: „Team Mittagstisch Gipfelstürmer“. Der Bietigheim-Bissinger geht in der Mittagspause mit einem Arbeitskollegen regelmäßig zum Joggen statt zum Schlemmen. „Wir haben das Glück, dass das möglich ist“, erzählt Peppel. Der Zusatz „Gipfelstürmer“ stehe dafür, dass sie auch die anstrengenden Weinberge nicht verschmähten, erläutert Peppel. Für den Silvesterlauf 2019 will er seinen Trainingspartner unbedingt motivieren, auch im Ellental an den Start zu gehen.