100 Jahre Frauenwahlrecht Die erste Frau im Gemeinderat

Bietigheim-Bissingen / Frank Ruppert 10.11.2018

Vor 100 Jahren änderte sich die rechtliche Stellung der Frau in Deutschland grundlegend. Nachdem sich bereits im Sommer 1918 der militärische Zusammenbruch im Ersten Weltkrieg abgezeichnet hatte, revoltierten im November die Matrosen in Kiel und leiteten damit den endgültigen Sturz der Monarchie ein. Am 9. November rief Philipp Scheidemann die Republik aus. Wenige Tage später stellte der Rat der Volksbeauftragten am 12. November 1918 in einem Aufruf „An das deutsche Volk“ sein Regierungsprogramm vor. Ein wichtiger Teil davon war die Proklamation einer großen Wahlrechtsreform, die auch das Frauenwahlrecht enthielt.

Von den politischen Veränderungen war in Bietigheim zunächst nur wenig zu spüren, schreiben Stephanie Eble und die stellvertretende Leiterin des Stadtarchivs Bietigheim-Bissingen, Sonja Eisele, in ihrem Aufsatz „Stets zur Zierde und der Allgemeinheit zum Vorteil“, der in der Reihe Blätter zur Stadtgeschichte erschienen ist. Beide befassen sich darin vor allem mit Luise Kämpf, der ersten Bietigheimer Gemeinderätin. Erst am 17. Dezember 1918 sei im Gefolge der November-Ereignisse ein Arbeiter- und Bauernrat gewählt worden, der sich mit dem Stadtschultheißen Mezger und der Gemeindevertretung um die Lösung der dringlichsten kommunale Aufgaben kümmerte.

Luise Kämpf wurde am 27. September 1879 in Bietigheim, unweit des Rathauses in der Zwingerstraße 2, als Luise Rapp geboren. Über ihre Jugend und beruflichen Werdegang ist wenig bekannt. Nach den Recherchen von Eble und Eisele heiratete sie mit 22 Jahren am 3. Mai 1902 den aus Mundelsheim stammenden Karl Gottfried Kämpf, der im selben Jahr von Oberriexingen nach Bietigheim zog. Das Paar wohnte dann bei Luises Mutter und Stiefvater in der Zwingerstraße. Zwischen 1903 und 1913 bekam Luise Kämpf vier Kinder, allerdings erreichten nur zwei das Erwachsenenalter.

Wie sie zur SPD kam und was sie motivierte, für den Gemeinderat 1919 zu kandidieren, lässt sich laut Eble und Eisele nicht mehr genau rekonstruieren. „Durch ihren Mann war sie in die Bietigheimer Arbeiterbewegung und die SPD eingebunden“, haben die Historikerinnen herausgefunden. Karl Kämpf war unter den Gründern der 1899 ins Leben gerufenen Ortsgruppe des Holzarbeiterverbands, 1906 war er Mitbegründer des Arbeitergesangvereins „Vorwärts“, und bei der Gemeinderatswahl 1908 war er einer von vier SPD-Kandidaten (die Partei konnte damals kein Mandat erringen).

Die ersten Kommunalwahlen nach dem Zusammenbruch der Monarchie fanden in Bietigheim am 25. Mai 1919 statt. Um die 18 Sitze kämpften 50 Kandidaten auf vier Listen. Darunter war aber nur eine Frau: Luise Kämpf für die SPD. „Vier Tage vor der Wahl erschien in der Zeitung die Bekanntmachung der Wahlvorschläge: Luise Kämpf, Drehers Ehefrau, kandidierte an zweiter Stelle für die SPD, die mit 14 Kandidaten antrat. Frau Kämpfs aussichtsreiche Position macht deutlich, dass man sie als ernsthafte Bewerberin betrachtete“, schreiben Eble und Eisele.

779 Stimmen für eine Frau

Kämpf wurde schließlich mit 779 Stimmen für drei Jahre in den Gemeinderat gewählt. Zum Zeitpunkt ihrer Wahl war sie 39 Jahre alt, so die Historikerinnen: „Das kommunalpolitische Engagement von Luise Kämpf konzentrierte sich von Anfang an auf den sozialen Bereich. Gleich in der ersten Sitzung wurde sie als Mitglied in einen Ausschuss zur Verteilung von Bettwäsche berufen.“ Sie wurde auch in die Wohnungs- sowie in die Krankenhauskommission berufen und war in zwei Schulräten vertreten. Nach dem großen Brand in Bietigheim vom 1. auf den 2. August 1921, der 21 Familien obdachlos machte, organisierte Kämpf unter anderem mit Martha Röser gemeinsam die Sammlung und Verteilung der notwendigsten Dinge.

Kämpf kandidierte 1922 nicht erneut für eine Amtszeit, warum ist unklar. Stattdessen trat – allerdings erfolglos – Röser für die Partei DDP an. Es sollte bis 1959 dauern, bis mit Charlotte Kiessling (FDP) wieder eine Frau am Ratstisch in Bietigheim Platz nehmen konnte. Kämpf und ihre Familie wanderten 1934 wegen der zunehmenden Repressalien gegen Sozialdemokraten in die USA aus. Dort starb die erste Gemeinderätin Bietigheims nur drei Jahre später mit 58 Jahren an Krebs.

Der lange Weg zum Frauenwahlrecht

1850
In den meisten deutschen Staaten wird Frauen die Mitgliedschaft in politischen Vereinen verboten. Sie dürfen sich nur in „unpolitischen Vereinen“ betätigen. Frauen schließen sich trotzdem ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Gruppen und Vereinen zusammen, um sich für Frauenbelange und Frauenrechte einzusetzen.

1891
Die SPD nimmt auf ihrem Erfurter Parteitag die Forderung nach dem Frauenstimmrecht in das Parteiprogramm auf. Clara Zetkin spricht vor den Delegierten über die proletarische Frauenbewegung.

1908
Mit der Aufhebung des Preußischen Vereinsrechtes am 15. Mai 1908 fällt das Verbot der Mitgliedschaft für Frauen in politischen Parteien.

1911
Am 19. März findet der erste Internationale Frauentag, organisiert von Clara Zetkin und Käthe Duncker, statt. Dieser Tag wurde von den sozialdemokratischen Frauen als Kampftag für das Frauenwahlrecht eingeführt.

1918
Im Oktober 1918 forderten 58 deutsche Frauenorganisationen in einem Schreiben Reichskanzler Max von Baden dazu auf, dem Verlangen der Frauen nach einem Wahlrecht zu entsprechen. In der Hauptstadt Berlin versammelten sich mehrere tausend Menschen und forderten das sofortige Stimmrecht für die Frauen.

1919
Die Wahl zur verfassunggebenden Nationalversammlung vom 19. Januar 1919 war die erste, an der Frauen als Wählerinnen und Gewählte teilnahmen. Über 80 Prozent der wahlberechtigten Frauen gaben ihre Stimme ab. Es kandidierten 300 Frauen. Von den insgesamt 423 Abgeordneten zogen 37 Frauen in die Nationalversammlung ein. bz

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