Schwerpunkt Integration Die Debatte schadet Deutschland

Murat Gede, Vorsitzender DITIB Bietigheim-Bissingen.
Murat Gede, Vorsitzender DITIB Bietigheim-Bissingen. © Foto: Murat Gede
Bietigheim-Bissingen / Rena Weiss 04.08.2018

Die Debatte habe Deutschland geschadet, sagt Murat Gede. Er ist Vorstandsmitglied des Vereins DITIB – türkisch islamische Gemeinde zu Bietigheim-Bissingen. Ein Verein, der es sich auf die Fahne schreibt, politisch neutral zu sein – „auch wenn wir dafür kritisiert werden. Wenn wir etwas sagen, werden wir ebenfalls kritisiert“, erklärt Gede diese Einstellung.

Trotzdem werde in der Gemeinde Rassismus, Integration und in diesem Zusammenhang auch die Debatte um Fußballnationalspieler Mesut Özil diskutiert – teilweise auch gezwungenermaßen. Denn, wie Gede berichtet, als türkischstämmiger Deutscher werde man ständig darauf angesprochen. „Ich kann aus meiner Sicht sagen, dass ich es sehr traurig finde, wie alles abgelaufen ist“, sagt Murat Gede, „das zeigt, dass wir alle wohl doch nicht so frei sind, wie wir denken.“ Es sollte für jeden in Deutschland das Recht der Meinungsfreiheit gelten, findet Gede. „Ein Fußballer darf eine politische Meinung haben, das ist seine Sache.“

Zweierlei Maß

Doch scheinbar werde hier mit zweierlei Maß gemessen und erinnert beispielsweise an Beatrix von Storchs Aussage. Die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der AfD-Bundestagsfraktion sprach vom Schusswaffengebrauch gegen Flüchtlinge an der Grenze. „Das darf also geäußert werden?“, fragt sich Gede, „da kann Erdogan nicht mithalten.“ Auch der Umgang mit US-Präsident Donald Trump wird von Gede kritisiert: „Trump trennt Eltern und Kinder, das ist das Schlimmste, was man machen kann.“ Aussagen und Taten, die nicht im selben Ausmaß wie Mesut Özils Bild mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan diskutiert werden. Murat Gede könne noch mehr Doppelmoralbeispiele nennen: „Wir sollten uns überlegen, was das für einen Eindruck von Deutschland hinterlässt“, sagt der DITIB-Vorsitzende und kritisiert dabei auch die Medien. Es gebe einen deutlichen Rechtsdruck in Deutschland und von einer objektiven Presse könne man nicht mehr sprechen.

Auswirkungen habe diese Debatte aber auch auf Bietigheim-Bissingen und jeden Einzelnen. Ständig werden er und auch viele seiner Gemeindemitglieder darauf angesprochen. „Wir müssen quasi eine Meinung dazu haben. Die ganze Diskussion nervt.“ Durch die Debatte sei die Kluft zwischen Deutschen und Türken größer geworden. Auch stelle er sich nun die Frage, wann es ihn treffe, wenn es einen so gut integrierten Mann wie Mesut Özil getroffen hat. „Egal wie gut wir integriert sind, wir werden schnell doch wieder als Ausländer bezeichnet und angegangen“, sagt das DITIB-Vorstandsmitglied.

Dabei müsse jedoch folgende Frage gestellt werden: „Was bedeutet eigentlich ‚integriert’? Gibt es da eine Checkliste? Wenn ja, hätte ich diese gern“, sagt der Bietigheimer über eine fehlende einheitliche Definition des Wortes. Er frage sich, ob man beispielsweise eine bestimmte politische Meinung haben müsse, um integriert zu sein. Er sei integriert, sagt Murat Gede über sich: „Ich lebe in Deutschland, ich halte mich an die Gesetze und beherrsche die Sprache – das ist ein Muss.“ Deswegen ist er davon überzeugt, dass jeder so leben kann wie er es will – sofern er sich eben an die deutschen Gesetze hält. Doch Özil sei ein weiterer Beweis, dass diese Freiheit eben doch nicht für alle Menschen gelte.

Wäre Murat Gede an Özils Stelle gewesen, „wäre ich nicht zur Weltmeisterschaft angetreten“, sagt er und ergänzt, dass die gesamte türkische Gemeinde schon vorhergesehen habe, dass bei einem Scheitern der Nationalelf, Özil der Schuldige sein werde – egal wie absurd es klingen mag, einen Einzelnen für die Leistung einer gesamten Mannschaft verantwortlich zu machen. So könne der Bietigheimer auch Özils Rassismusvorwürfe verstehen, wenn er beispielsweise an die Pfiffe und Beleidigungen denkt, denen Özil und auch andere Spieler auf dem Spielfeld ausgesetzt sind.

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