Museum Die Bunker sind wieder offen

Der Museumsbunker Brandhalde in Bissingen ist am 1. Juli wieder geöffnet.
Der Museumsbunker Brandhalde in Bissingen ist am 1. Juli wieder geöffnet. © Foto: Julia Schweizer
Bietigheim-Bissingen / Rena Weiss 26.06.2018

Die Sirenen ertönen: ein Luftangriff auf Bietigheim. Für die Anwohner der Altstadt bis zum Bahndurchlass hieß das: ab in den Luftschutzstollen an der Gaishalde. Erst ab April 1944 wurde der Stollen in den Muschelkalkfels getrieben, erzählt Norbert Prothmann, und zwar von Zwangsarbeitern aus dem Durchgangslager am Bahnhof.

Zwangsarbeiter trieben Stollen

Prothmann ist zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit beim Arbeitskreis Bunkerforschung, der dem Geschichtsverein Bietigheim-Bissingen angegliedert ist. Der Arbeitskreis kümmert sich sowohl um den Luftschutzstollen, als auch um den Museumsbunker Ro 1 in der Bissinger Brandhalde. Dreimal im Jahr sind beide Bunker der Öffentlichkeit zugänglich und am Sonntag, 1. Juli, ist es von 11 bis 17 Uhr wieder soweit. Ebenfalls am 1. Juli wird auf dem Bahnhofsplatz um 11 Uhr ein Mahnmal für die Zwangsarbeiter des Zweiten Weltkriegs der Öffentlichkeit präsentiert (die BZ berichtete). Von 1942 bis 1945 bestand im Laiernwald hinter dem Bahnhof ein Durchgangslager für Zwangsarbeiter. Etwa 200 000 Menschen vor allem aus Osteuropa wurden von hier aus als Arbeitskräfte in ganz Südwestdeutschland verteilt. Auch in Bietigheim-Bissingen selbst wurden Zwangsarbeiter in Firmen, Handwerks- und Gewerbebetrieben, in der Landwirtschaft und in der Verwaltung eingesetzt. Von mindestens 4000 Personen kennt man Namen und Einsatzorte.

Einer dieser Einsatzorte war der Luftschutzstollen Gaishalde. „Die Stadt hat sich morgens Zwangsarbeiter am Bahnhof geholt und sie abends wieder zurückgebracht“, sagt Norbert Prothmann. Deswegen unterstütze der Verein das Mahnmal der Stadt. Zwölf solcher Stollen hatte es in Bietigheim und Bissingen damals gegeben, doch nur der Gaishalde-Stollen ist für die Öffentlichkeit zugänglich. Viele wurden eben auch zerstört, sagt Prothmann. Der größte Luftschutzstollen in Bietigheim wurde ab Frühsommer 1944 in der Wobachstraße errichtet. Mittlerweile dient er Fledermäusen als Biotop, so Norbert Prothmann. Beim Bau dieser Stollen musste es schnell gehen. „Man hat zu diesem Zeitpunkt keinen Wert mehr auf Komfort gelegt, sondern nur aufs Überleben“, sagt Prothmann. Im Gaishalde-Stollen hat es Platz für 500 Personen, die Hälfte davon sind Sitzplätze auf einfachen Holzbänken. Ansonsten habe es damals kein Licht, kein Wasser und keine Toilette gegeben.

Besser ausgestattet, war hingegen der Museumsbunker Ro 1 in der Bissinger Brandhalde. Bereits in den 1920er-Jahren begangen die Planungen für die sogenannte Neckar-Enz-Stellung im Raum Bietigheim-Bissingen, als Antwort auf den Vertrag von Versailles. Doch bis 1933 blieb die sogenannte Bunkerlinie an Neckar und Enz nur auf dem Papier. „Doch dann sollten sie schnell umgesetzt werden“, erzählt Prothmann. 1935 wurde mit dem Bau begonnen. Bis Anfang 1938 wurden für die Neckar-Enz-Stellung 450 Bauwerke errichtet, deren strategische Aufgabe die Abwehr eines Angriffs von Westen gewesen wäre, um eine Abtrennung Süddeutschlands vom Reichsgebiet zu verhindern.

Der Brandhalde-Bunker ist einer der wenigen noch unzerstört erhaltenen Bunker der Neckar-Enz-Stellung, so Prothmann. „An der Rommelmühle beispielsweise ist eine Ruine eines gesprengten Bunkers“, ergänzt er. Doch der Brandhalde-Bunker ist vollständig rekonstruiert und zeigt die Originalausstattung von 1938 anhand zahlreicher Exponate. Die Ausstellung veranschauliche die defensiven Überlegungen der Wehrmacht in den 1930er-Jahren. Zusätzlich erklären Schautafeln das grundlegende Konzept der Neckar-Enz-Stellung.

„Wir haben stark darauf geachtet, dass es detailgenau rekonstruiert wurde“, erklärt Prothmann. Die Ausstellungsstücke, darunter auch Waffen-Attrappen, stammen aus privaten Sammlungen der Vereinsmitglieder. „Wir mussten alles selbst zusammentragen“, sagt Prothmann. Informationen zu den benachbarten Bunkern und Maßnahmen zur Sicherung von Geländeabschnitten, Straßen und Ortschaften im Bereich der Verteidigungslinie ergänzen die Rekonstruktion und liefern so einen plastischen Einblick in einen Teil des Bissinger Stellungs-Abschnitts mit ausführlicher Darstellung der Größe, Beschaffenheit und Bewaffnung der Bauwerke, sowie ihre Verteilung und Anzahl.

Der Arbeitskreis Bunkerforschung widmet sich seit 1999 der Dokumentation und dem Erhalt der Überreste dieser historischen Anlagen.

Info Sowohl der Luftschutzstollen als auch der Bunker sind am Sonntag, 1. Juli, von 11 bis 17 Uhr geöffnet. Eintritt ist frei. Der Arbeitskreis empfiehlt am Parkplatz der Firma Parker (unterhalb des Grotztunnels) zu parken. Von dort ist der Fußweg ausgeschildert. Der Stollen liegt neben der B 27 im Fels unter der katholischen Kirche Sankt Laurentius an der Bushaltestelle Auwiesenbrücke. Parkmöglichkeiten gibt es nach Angaben des Veranstalters auf dem Aldi-Parkplatz in der Wobachstraße.

www.arbeitskreis-bunkerforschung.de

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