Reportage Die „Blauen Engel“ Bietigheim-Bissingens

Bietigheim-Bissingen / Von Michaela Glemser 20.01.2018

Er hat schon beim Jahrhundert-Hochwasser der Elbe in der sächsischen Stadt Pirna 2002 Sandsäcke geschleppt, er war am Schutz der internationalen Staatschefs beim NATO-Gipfeltreffen in Baden-Baden beteiligt, er hat aber auch im Landkreis Ludwigsburg viele Male Hilfe geleistet wie zuletzt beim Einsturz eines Teils der Stadtmauer in Oberriexingen (die BZ berichtete). Jörg Schulze ist seit mehr als 20 Jahren Mitglied beim THW-Ortsverband Bietigheim-Bissingen. „Schon in der Jugendgruppe hat mich der Teamgeist und der Einsatz der Technik beim THW fasziniert. Alle Mitglieder, egal welcher Herkunft, ziehen an einem Strang“, lobt er. Später hat er seinen Wehrersatzdienst beim Technischen Hilfswerk (THW) absolviert, wurde Truppenführer, anschließend Leiter der zweiten Bergungsgruppe und schließlich Ortsbeauftragter in Bietigheim-Bissingen.

Schulze habe damit, nach eigenen Aussagen, die klassische Laufbahn eines THW-Mitglieds absolviert. Mehr als 80 000 Helfer arbeiten bundesweit beim THW, wobei 99 Prozent davon ehrenamtlich tätig sind. „Bei uns in Bietigheim-Bissingen gibt es nur Ehrenamtliche“, betont der Ortsbeauftragte. Die Aktiven haben derzeit 40 Einsatzkräfte zwischen 18 und 56 Jahren. Darunter sind sechs Frauen. In der Jugendgruppe werden 18 Mädchen und Jungen ab 16 Jahren auf ihre Grundausbildung vorbereitet. Zudem gibt es noch die ‚Minis‘: „Die 15 Kinder ab sechs Jahren lernen spielerisch die unterschiedlichen Aufgaben des THW kennen“, erklärt Jörg Schulze.

Am 25. Oktober 1969 wurde der THW-Ortsverband in Bietigheim-Bissingen gegründet. Im Kreisgebiet gibt es nur noch eine weitere Ortsgruppe in Ludwigsburg. „Daher kommen unsere Mitglieder auch nicht nur aus Bietigheim-Bissingen, sondern aus der gesamten Umgebung, sogar aus Stuttgart und Schorndorf“, erklärt Schulze. Der Wegfall der allgemeinen Wehrpflicht 2011 hätte einst einen starken Rückgang der Mitgliederzahlen bewirkt. „Inzwischen sind wir wieder ganz zufrieden“, macht der Bietigheimer deutlich.

Die vielen Einsatzkräfte der sogenannten „Blauen Engel“ stehen den Menschen nach Katastrophen und Unglücken, Unwettern und im Bevölkerungsschutz zur Seite. Sie sind im Rahmen einer Bundesbehörde beim Innenministerium organisiert, aber auch weltweit rund um den gesamten Erdball aktiv.

Dieter Fleischmann aus Oberstenfeld beispielsweise kann schon auf einige Auslandseinsätze zurückblicken. Der Schirrmeister oder Gerätewart des Ortsverbands Bietigheim-Bissingen hat bereits Hilfstransporte nach Russland begleitet oder die Trinkwasserversorgung in einem Flüchtlingslager in Afrika aufgebaut. „Dabei gab es viele emotionale Erlebnisse. Als ich zum Beispiel die Kinder von der Sperrzone nach dem Atomunglück von Tschernobyl sah und wusste, dass sie nicht mehr lange zu leben haben“, berichtet er. Das Leid in Afrika hautnah mitzuerleben, sei ebenfalls prägend gewesen. „Da habe ich es wieder richtig zu schätzen gelernt, wie gut es mir in Deutschland geht“, betont Fleischmann, der sich seit 30 Jahren beim THW engagiert.

Am Stützpunkt der Ortsgruppe Bietigheim-Bissingen in der Carl-Benz-Straße hat er viel zu tun. Dort ist er nicht nur für die Instandhaltung des stattlichen Fuhrparks mit einem 18-Tonnen-Laster zuständig, sondern auch für die Wartung der zahlreichen technischen Geräte. „Beispielsweise können wir eine mobile Brücke über Wasser errichten, die sogar ein LKW befahren kann. Vor Ort haben wir die Ausrüstung für eine Brückenlänge von 20 Metern. Die Brücke ist aber beliebig verlängerbar“, beschreibt der Bietigheimer Ortsbeauftragte Jörg Schulze.

Ein Hebekissen, das ein Gewicht von 40 Tonnen in die Höhe wuchtet, ein mobiler Stromerzeuger mit einer Leistung von 50 Kilovoltampere und einem sieben Meter hohen Lichtmast, 60-Kilowatt-Feldheizgeräte, Stahl­seile, Bohrhammer und andere Werkzeuge lagern ebenfalls in der Feldhalle.

Im Mittelpunkt der Halle steht aber die Feldküche mit ihren großen Behältern und dem riesigen Schöpflöffel. „Unsere Feldküche kann bis zu 250 Personen mit Nahrung versorgen. Bei einfachen Gerichten können wir damit sogar noch mehr Menschen verköstigen. Dafür zuständig sind die Mitglieder unseres Trupps für Logistik und Verpflegung, die natürlich nicht nur die Feldküche bei den Einsätzen vor Ort betreuen, sondern auch für die nötige Materialbeschaffung verantwortlich sind“, erörtert Schulze.

Zudem gibt es in Bietigheim-Bissingen noch eine Fachgruppe für Wassergefahren, die auf Boote zurückgreifen kann, sowie zwei Bergungsgruppen. „Sie werden bei uns scherzhaft als mobile Werkzeugkisten bezeichnet, denn sie müssen mit den unterschiedlichen technischen Geräten sehr gut umgehen können. Daher sind beim THW Menschen mit einem technischen Grundwissen besonders gefragt“, sagt Schulze.

Der Ortsbeauftragte der „Blauen Engel“ kann aber auch Fachkräfte anderer Ortsverbänden im ganzen Land anfordern. Ruft eine Kommune, die Feuerwehr oder die Polizei das THW zur Hilfe, sondiert in der Regel erst ein Fachberater die Lage vor Ort und stellt fest, welche Gerätschaften und Einsatzkräfte benötigt werden. „Er teilt dies dem Stützpunkt vor Ort mit oder bei größeren Einsätzen den Verantwortlichen der THW-Geschäftsstelle in Stuttgart, bei der auch hauptamtliche Mitarbeiter beschäftigt sind und die benötigten Fachkräfte landesweit angefordert werden, berichtet Schulze, „Innerhalb von 30 Minuten können die ersten Einsatzkräfte am Ort des Geschehens sein.“

Aber das THW hilft nicht nur bei Sturmfluten und Hochwasser, bei Orkanen, Dürreperioden und Erdbeben, bei Tsunami-Katastrophen oder Grubenunglücken. In den vergangenen Jahren war die Organisation immer häufiger in Sicherheitskonzepte involviert, die Gefahren vorbeugen sollen. „Erst an Silvester haben wir bei der Ausleuchtung des Schlossplatzes in Stuttgart geholfen. Auch beim Silvesterlauf in Bietigheim-Bissingen sowie alljährlich beim Pferdemarkt sind wir im Einsatz. Für neue Gefahrenlagen gibt es auch spezielle Schulungen, um die Situationen besser erfassen und wahrnehmen zu können“, erklärt Jörg Schulze.

Innerhalb des THW findet derzeit bundesweit eine Umstrukturierung statt. „Während bisher der Schwerpunkt eher auf der Bergungsleistung unserer Einsatzkräfte lag, liegt künftig der Fokus auf dem Schutz kritischer Infrastrukturen“, erläutert Schulze. Das sind Einrichtungen und Anlagen, die von großer Bedeutung für das Allgemeinwesen sind, wie zum Beispiel die Strom- und Wasserversorgung, Transport- und Verkehr oder die Informationstechnologie.

Zweimal im Monat trifft sich der THW-Ortsverbands zu Übungen. Dabei erproben die Frauen und Männer beispielsweise, wie sie ein Feldlager mit Zelten aufbauen, verpflegen und seine entsprechend notwendige Logistik auf die Beinen stellen können. „Unsere Einsatzoptionen sind so vielfältig. Dies macht den Reiz eines Engagements beim THW für mich aus“, betont Schulze, „aber natürlich auch das Wissen, dass ich einen Beitrag dazu leisten kann, Menschen zu helfen und ihre Not oder ihr Unglück etwas zu lindern.

Er erinnert sich noch genau, als er und seine Kollegen beim Hochwassereinsatz abends durch Pirna gelaufen sind. „Die Menschen kamen auf uns zu, um sich mit Tränen in den Augen für unseren Einsatz zu bedanken.“

Ursprung nach dem zweiten Weltkrieg

Das Technische Hilfswerk (THW) wurde am 22. August 1950 vom damaligen Bundesinnenminister Gustav Heinemann und Otto Lummitzsch, dem ersten Präsidenten des THW, aus der Taufe gehoben. In der Zeit des Wiederaufbaus Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg sollte eine Einrichtung zum Zivilschutz der Bevölkerung aufgebaut werden. Heute engagieren sich beim THW bundesweit mehr als 80 000 Helfer in 668 Ortsverbänden. Als Partner der Vereinten Nationen und der Europäischen Union ist das THW in mehr als 130 Ländern aktiv. Polizei, Feuerwehr, Katastrophenschutzbehörden, Kommunen, Länder oder Bund können die Hilfe des THW anfordern. mig

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