Was war, was kommt Der Napoleon von Bietigheim

Andreas Lukesch  sieht in Jürgen Kessing einen großen Mann.
Andreas Lukesch sieht in Jürgen Kessing einen großen Mann. © Foto: Andreas Lukesch
Bietigheim-Bissingen / Andreas Lukesch 18.08.2018

Jürgen Kessing ist Präsident des Deutschen Leichtathletikverbandes. Das war in diesen Tagen nicht zu übersehen, denn schließlich hatte der vor nicht allzu langer Zeit ins Amt gewählte Präsident das Sommermärchen 2018 zu verantworten, also die Wettkämpfe der Leichtathletik-EM in Berlin. Nun ist diese Kolumne bekanntlich die einzige in ganz Deutschland, die nie vergisst, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, an das zu erinnern, was leicht in Vergessenheit gerät. Der so gefeierte Kessing ist im Hauptberuf Oberbürgermeister von Bietigheim-Bissingen. Ja, liebe Mitbürger, er ist es immer noch, auch wenn Sie ihn vielleicht in der zurückliegenden Zeit eher im TV als vor Ort gesehen haben. Und man muss es ja auch zugeben: Angesichts der internationalen Dimension, die das Ehrenamt des Sportfunktionärs angenommen hat, wirkt der Posten des Rathauschefs einer schwäbischen Mittelstadt ziemlich mickrig, geradezu provinziell, um das schmutzige Wort einmal zu gebrauchen. Na gut, Kessing hat seine Präsidentschaft stets als nicht hinderlich für die Tätigkeit angesehen, für die er bezahlt wird, quasi als Wochenend- und Feierabendbeschäftigung, die ein durchorganisierter Verwaltungsmann wie er mal so eben nebenher erledigt. Aber jetzt, nach diesem Triumph von Berlin, nach diesen glücklichen Tagen in der Hauptstadt mit all den Höchstleistungen, den Sportlern und den vielen wichtigen Menschen, dem Scheinwerferlicht und dem ungezügelten Medieninteresse? Ist da der nächste Termin, der auf den Triumphator wartet, nicht vergleichbar mit Napoleons Verbannung auf die Insel Elba? Wie das schon klingt: Bürgergespräch mit dem Oberbürgermeister beim Arkadenfest des Sängerkranzes. Irgendwie klein, unwichtig. Ein Jürgen Kessing denkt doch jetzt in ganz anderen Dimensionen. Wahrscheinlich werden die Bietigheimer ihrem OB erst einmal erzählen, was der verpasst hat in seiner Heimatstadt. Zum Beispiel das Sommer-Open-Air unterm Viadukt, was allerdings auch irgendwie klein und unwichtig war. Möglicherweise denkt Kessing aber noch wehmütig an sein Berlin zurück und schmiedet wie Napoleon Pläne, um auszubrechen aus dem Kleinklein an Enz und Metter und um seine Leichtathleten zum am hellsten strahlenden Stern am deutschen Sporthimmel zu machen (wenn’s mit dem Fußball schon nicht klappt). Enden wie Napoleon will er natürlich nicht. Wir erinnern daran: Der erlebte sein Waterloo, um dann seinem Lebensende auf St. Helena entgegen zu dämmern.

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