Wunsch Der letzte Haarschnitt

Heike Thieme (rote Haare) ist seit mehr als 20 Jahren Frisörin. Hier gibt sie Kunden einen Workshop zu Stylingmöglichkeiten mit dem Glätter.
Heike Thieme (rote Haare) ist seit mehr als 20 Jahren Frisörin. Hier gibt sie Kunden einen Workshop zu Stylingmöglichkeiten mit dem Glätter. © Foto: Heike Thieme
Bietigheim-Bissingen / Rena Weiss 20.08.2018

Hallo, eine unserer Patientinnen der Palliativstation wünscht sich einen Haarschnitt.“ „Tut mir leid, wir sind völlig ausgebucht.“ So ähnlich wird es sich abgespielt haben, als Pflegerinnen der Palliativstation im Krankenhaus Bietigheim-Vaihingen den letzten Wunsch einer Patientin erfüllen wollten und zwei Tage lang verschiedene Friseursalons anriefen, ohne Erfolg. Bis sie bei Stefan Librale anriefen. Der sagte ohne Zögern ja, bat jedoch seine Mitarbeiterin Heike Thieme den Termin zu übernehmen.

Über das Nein der anderen Friseure ist Thieme entsetzt und könne dies nicht verstehen. Doch vermutet sie, dass viele nicht mit dem Thema Tod konfrontiert werden wollen. „Aber der Tod gehört zum Leben dazu“, sagt die 40-Jährige. Auch ein voller Terminkalender ist für die Friseurin kein Grund, zum letzten Wunsch einer sterbenden Frau Nein zu sagen. Eine gemeinnützige Organisation, die letzte Wünsche erfülle, sei bei den Pflegekräften schon im Gespräch gewesen. Doch nach einem kurzen Telefonat mit der Station war für Heike Thieme klar, dass es schnell gehen muss. An ihrem freien Samstag fuhr sie mit ihrem gesamten Equipment zur Station. „Letztlich war es mir so sogar lieber, denn ich wollte mir Zeit nehmen für sie“, sagt die Friseurin und ergänzt scherzhaft, „dann hat der Haarschnitt meines Freundes halt warten müssen.“

Haare waren ihr Leben

Als sie erfuhr, dass die Patienten früher Friseurmeisterin war, konnte sie den Wunsch nach einem neuen frischen Schnitt noch besser verstehen, erzählt die Mutter zweier Söhne der BZ. „Haare waren ihr Leben“, sagt sie. Heike Thieme könne gut nachvollziehen, wie die ehemalige Friseurmeisterin denkt. „Mir war klar, wie wichtig es ihr war. Sie hat sich und ihrer Familie bis vor kurzem noch selbst die Haare gemacht“, erzählt die Friseurin, die seit mehr als 20 Jahren in diesem Beruf tätig ist. Diese Verbindung zur Patientin spornte Heike Thieme noch mehr an, eine besondere Leistung zu erbringen.

Nur wenige Tage nach dem Besuch Thiemes verstarb die Patientin. Für die 40-Jährige bleibe diese Erfahrung und die herzliche kurze Bekanntschaft lange in Erinnerung, sagt sie. „Das hat mit uns beiden einfach so sein müssen“, sagt die Friseurin, „auch mein Chef ist davon überzeugt, weil ich ebenso für meinen Beruf brenne, wie sie es tat.“

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