Der Bietigheimer Weg im Biomüll

ANDREAS LUKESCH 02.01.2016

In dieser Ausgabe geht der Blick nach vorn - und zwar mit dem satirischen Jahresausblick 2016:

Ende Januar hat sich der Winter doch noch erbarmt und beschert Bietigheim-Bissingen Neuschnee zur Eröffnung des neuen Krankenhaus-Parkhauses. Die luftige Bauweise ermöglicht es, die weiße Pracht auf jedem einzelnen Parkdeck zu genießen. Oberbürgermeister Jürgen Kessing zieht das erste Parkticket und bezeichnet die Fassade des Parkhauses als städtebaulichen Hingucker und Leuchtturm urbaner Verkehrsraum-Architektur. Nach einer Stunde ist die Eröffnungszeremonie beendet. OB Kessing zahlt bei der Ausfahrt 6,50 Euro Parkgebühr - ein Schnäppchen, wie er meint.

Im Rathaus wird unterdessen auch zu Beginn des neuen Jahres nach dem Bietigheimer Weg gesucht, der Verwaltung und Gemeinderat 2015 aus unerklärlichen Gründen abhanden gekommen war.

Vor dem Bürgerbüro in der Farbstraße bilden sich lange Schlangen. Wartende müssen zum Teil mehr als 20 Stunden in bitterer Kälte ausharren. Vor den Schaltern kommt es zu tumultartigen Szenen, weil stillende Mütter bevorzugt behandelt werden sollen. Von frustrierten Mitarbeitern wird das Bürgerbüro in Anlehnung an die Berliner Skandalbehörde in "Labiso" umgetauft. Die Asylbewerber in den nahen Wohncontainern haben Mitleid, kochen Tee für die Wartenden und wundern sich beim Anblick der chaotischen Zustände über die deutsche Bürokratie. Sie können nicht verstehen, warum wohlhabende Bietigheimer diese Strapazen auf sich nehmen und stundenlang anstehen, nur um einen Anwohnerparkausweis für das Krankenhausviertel zu beantragen.

Im Rathaus bleibt auf der Suche nach dem Bietigheimer Weg eine Inspektion des OB-Büros erfolglos.

Die Gebete des Bietigheimer Landtagsabgeordneten Thomas Reusch-Frey werden nicht erhört. Bei den Landtagswahlen kommt die SPD nur auf 14 Prozent, was einen Wiedereinzug des Sozialdemokraten in den Landtag verhindert. Die Nachricht wird in Bietigheim-Bissinger Kirchenkreisen mit Spannung zur Kenntnis genommen. Die Pfarrer der Stadt malen sich aus, was passiert, sollte der Theologe Reusch-Frey eine Rückkehr in den Kirchendienst erwägen. Ein Gottesmann schlägt in dem Zusammenhang drei hoch umstrittene Thesen an sein Kirchenportal: 1: Nach Stuttgart gegangen, Platz vergangen. 2: Meine Gemeinde kriegst du nicht. 3: Fahrradfahrer unerwünscht. Die Thesen werden von Politiker aller Parteien als überzogen kritisiert.

Reusch-Frey bietet an, bei der Suche nach dem Bietigheimer Weg mitzuhelfen.

Beim zweiten Gipfeltreffen im Rathaus zeichnet sich eine Entschärfung der angespannten Hallensituation für die Sportvereine ab. Aufgrund der Pannen bei der Ausgabe von Anwohnerparkausweisen herrscht weiter Verkehrschaos rund ums Krankenhaus. Das Parkhaus steht infolge dessen weitgehend leer, die Etagen drei und vier sollen nach Verstärkung der Außenwände als Turnhallen genutzt werden. Die CDU kritisiert, dass die Lösung für den Profisport ungeeignet und das Parkhaus nicht erstligatauglich sei. OB Kessing kontert: "Welche erste Liga?" Der Ex-Landtagsabgeordnete Reusch-Frey verkündet, den Bietigheimer Weg gefunden zu haben. Irgendein Witzbold muss versucht haben, ihn in der Biomülltonne des Bauhofs zu entsorgen.

Das Landratsamt will die Etagen drei und vier des Parkhauses am Krankenhaus beschlagnahmen, um dort Notunterkünfte für Flüchtlinge zu schaffen. Im Rathaus tagt ein Krisenstab unter der Leitung von Sportverbandschef Günter Krähling. Der macht klar, man werde die Parketagen notfalls mit Gewalt verteidigen. Das Landratsamt lässt sich schließlich auf einen Kompromiss ein. Auf dem ehemaligen Valeo-Gelände sollen anstelle von Hotel und Mehrfamilienhäusern Wohnheime für Asylbewerber im Stil südpolynesischer Pfahlbauten entstehen. OB Kessing sieht gleich mehrere Probleme gelöst. Er muss nicht verkünden, dass für das Gelände auch nach Jahren kein Hotelinvestor gefunden wurde. Zudem ist die Verkehrsanbindung kein Streitthema mehr, da Flüchtlinge keine Autos besitzen (später vielleicht mal zwei, aber jetzt noch nicht). Der Kompromiss wird von CDU-Fraktionsvorsitzendem Thomas Wiesbauer als Erfolg des Bietigheimer Wegs bezeichnet.

Nach nur zweimonatiger Bauzeit wird das Mühlwiesenzentrum eröffnet. Beobachtern fällt die Ähnlichkeit zum Parkhaus am Krankenhaus auf. Einziger Pächter ist eine in Süddeutschland weitgehend unbekannte Supermarktkette, die mit dem Slogan "Wir sind fit, das wird der Hit" für ihr Vollsortiment wirbt. Zur Eröffnung bekommen die Kameraden der benachbarten Feuerwehr 400 Kilo eingelegte Schweinenackensteaks zum Grillen geschenkt. Das Fleisch muss aber mit dem TLF 16 zur Weiterverarbeitung an einen befreundeten Gemeinderat überführt werden, da die Wehrleute auf ihrem Stützpunkt kein offenes Feuer entzünden dürfen. Der für das Fachmarktzentrum angelegte Kreisverkehr erhält den Namen "Bietigheimer Weg".

Die Gemeinde Tamm führt wieder Grenzkontrollen ein. Nachdem die Erweiterung des Gewerbegebiets Laiern bei der siebten Abstimmung im Bietigheimer Gemeinderat endgültig gescheitert ist, dürfen das Tammer Hoheitsgebiet nur noch Bietigheim-Bissinger betreten, die nachweislich keine Sympathien für die Fraktionen GAL, Freie Wähler oder FDP hegen. Bei CDU-Anhängern entscheidet die Einzelfallprüfung. Die SPD versucht über den Bietigheimer Weg Tamms Bürgermeister Martin Bernhard zum Einlenken zu bewegen, ohne Erfolg. Der Tammer Rathauschef kommentiert die Annäherung von SPD-Fraktionschef Müller mit den Worten: "Mit euch bin ich fertig."

Unbekannte kippen in der Nacht zum 7. August 18 000 Tonnen Bioabfall auf das Gelände der im Bau befindlichen Biomüllvergärungsanlage im Steinbruch Fink. Es dauert Tage, bis die "schändliche Tat" (Stadtwerke-Chef Kübler) entdeckt wird. Die Anwohner der Rommelmühle scheinen vorgewarnt zu sein und stellen rechtzeitig Geruchsdetektoren in die Fenster. Bei 45 Grad im Schatten schlagen die Geräte voll aus. Damit soll der Nachweis erbracht werden, dass Biomüll gesundheitsgefährdend ist, weil sensible Nasenschleimhäute gereizt werden können. Die Betroffenen protestieren mit Atemschutzmasken vor dem Rathaus, betonen aber auch, dass man grundsätzlich nicht gegen Biomüllvergärung sei. Eine Anlage in zehn Kilometer Abstand zur nächsten menschlichen Siedlung sei aber wohl eine Zumutung.

Der Bietigheimer Pferdemarkt muss erstmals ohne Pferde auskommen. Nachdem eine Klage der Tierschutzorganisation PETA vor dem europäischen Gerichtshof Erfolg hatte, dürfen keine dressierten, willenlose Tiere mehr bei Volksfesten zur Schau gestellt werden. Der Göckelesmaier-Festwirt bezieht die Anordnung fälschlicherweise auf sein Publikum und sagt den traditionellen Fassanstich ab. Hunderte orientierungslose Jugendliche irren am Eröffnungsfreitag durch die Stadt, um von Gastwirten Freibier zu erbetteln. Ihre verzweifelten "Jürgen, Jürgen"-Rufe verhallen ungehört in den Altstadtgassen. Der Tammer Bürgermeister Bernhard verfasst ein Dankesschreiben an PETA und notiert in seinem Tagebuch: "Nimm das, Bietigheim."

Die Sanierungsarbeiten an den Ellental-Gymnasien schreiten voran, müssen aber unterbrochen werden, nachdem eine Delegation der Unesco-Welterbekommission den Gebäudekomplex besichtigt. Ein Architektenkonsortium hatte eine Aufnahme des Schulbaus in die Welterbeliste beantragt, als bei der Sanierung der Heizungsanlage ein Winkeleisen aus der Renaissance im ehemaligen Kohlekeller aufgetaucht ist. Das Werkzeug stammt zwar aus dem Privatfundus eines 1977 pensionierten Oberstudienrats, die UN-Kommission wird beim Anblick der Ellental-Gymnasien aber dennoch stutzig und sieht in dem Betongebilde das markanteste Beispiel architektonischer Reduzierung auf uneingeschränkte Funktionalität nördlich der Alpen. Die Ellental-Gymnasien seien die vollkommene Abkehr von einer auf Schönheit und Harmonie ausgelegten Architektur der Vorkriegsjahre. Um in die Welterbeliste aufgenommen zu werden, darf an dem Gebäude nichts mehr verändert werden. Schulbürgermeister Joachim Kölz stoppt daraufhin die energetische Sanierung und lässt Handschuhe und Schals an die Schüler verteilen.

Das Sky-Hochhaus mit angrenzendem Parkhaus wird eröffnet. Bei letzterem fällt Beobachtern die architektonische Ähnlichkeit zum Parkhaus am Krankenhaus auf. Probleme gab es bei der Vermietung der oberen Stockwerke. Gemeinderat und OB erhöhen darauf den politischen Druck auf die Bietigheimer Wohnbau und erreichen, dass die oberen drei Stockwerke zu sozialem Wohnraum werden und so anstelle von drei wohlhabenden Singles insgesamt 16 einkommensschwache fünfköpfige Familien einziehen können. Die Wohnbau klagt, dass die nun zu errichtenden Fahrradabstellplätze die Gesamtkosten des Sky-Projekts verteuerten.

Im Bietigheimer Gemeinderat kommt es zu unappetitlichen Verbrüderungsszenen. Nachdem der in einer Biomülltonne arg gelittene Bietigheimer Weg von den Gemeinderäten Mehrle, Merkle, Müller und Wildermuth aufwändig restauriert wurde, entdecken die Volksvertreter eine neue Herzlichkeit. OB Kessing wird von CDU-Fraktionschef Wiesbauer als "ganz dicker Kumpel" bezeichnet. CDU und SPD versichern sich ewige Freundschaft, während die Freien Wähler der FDP versprechen, sie künftig zur Kenntnis zu nehmen. Einstimmig wird beschlossen, nur noch eine öffentliche Sitzung im Jahr abzuhalten und dort keine kontroversen Debatten mehr zu führen. OB Kessing ist sichtlich zufrieden, hat er sich doch zusichern lassen, dass ab sofort nicht mehr gegen die Vorschläge der Rathausspitze gestimmt werden darf. Der Tammer Bürgermeister Bernhard sieht darin die Aufforderung, die Erweiterung des Gewerbegebiets Laiern im Bietigheimer Gemeinderat ein achtes Mal abstimmen zu lassen. Die Grenzkontrollen werden bis dahin ausgesetzt.

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