Bietigheim-Bissingen Der abgewählte Sozialdemokrat Thomas Reusch-Frey in der Wahlnachbetrachtung

Thomas Reusch-Frey sitzt bis Ende April noch für die SPD im Landtag.
Thomas Reusch-Frey sitzt bis Ende April noch für die SPD im Landtag. © Foto: Helmut Pangerl
Bietigheim-Bissingen / JULIA SCHWEIZER 15.03.2016
12,7 Prozent landesweit, nur etwas mehr im Wahlkreis Bietigheim-Bissingen, Verluste von mehr als zehn Prozent im Vergleich zu 2011. Ein Opfer des SPD-Debakels ist Thomas Reusch-Frey, der es nicht mehr in den Landtag geschafft hat.

"Meine Zeit im Landtag ist aus", das war eine der ersten Reaktionen von Thomas Reusch-Frey, als er am Sonntag die Hochrechnungen und Prognosen für seine SPD gesehen hatte. Doch auch am Tag danach ist bei ihm, dem künftigen Ex-Abgeordneten, der Schreck noch deutlich spürbar.

Herr Reusch-Frey, was sagen Sie nun, mit einem Tag Abstand, zu Ihren Wahlergebnissen?

REUSCH-FREY: Ich habe mir in der Zwischenzeit die Ergebnisse angeschaut und bin noch immer geschockt. Vor allem, wenn ich mir die Werte für die AfD anschaue. Im Wahllokal in der Agentur für Arbeit gab es dort für sie 94 Stimmen (24,9 Prozent) - für die SPD nur 33.

Was glauben Sie, woran liegt dieser große Zuspruch?

Das liegt am Thema Flüchtlinge, das ist ablesbar. Dort, wo es größere Flüchtlingsunterkünfte gibt, wie in der Gustav-Rau-Straße, haben besonders viele AfD gewählt. Ebenso im Wahllokal Pro Seniore, wo eher die sozial Benachteiligten in der Riegelbebauung wohnen und in der Nähe Flüchtlinge in einer Sporthalle untergebracht sind. Natürlich suchen die Menschen ein Ventil, oder eine Möglichkeit, mit der sie Protest ausdrücken wollen. Aber ich bin ja nicht derjenige, der die Zuwanderung nach Bietigheim-Bissingen steuern kann. Es wird leider nicht differenziert, wer verantwortlich ist.

Hätte die SPD klarer die Zusammenhänge zur Bundes- oder EU-Politik kommunizieren müssen?

Das ganz sicherlich. Wir haben auch versucht, zwei Pole bei diesem Thema darzustellen. Etwa, dass wir Sozialpolitik machen für Flüchtlinge und auch die sozial Schwachen im Blick haben. Oder dass es in den Schulen die Vorbereitungsklassen gibt, deshalb aber keine einzige Unterrichtsstunde für die anderen Kinder ausfällt. Das ist leider nicht beim Wähler angekommen.

Haben Sie das auch schon im Wahlkampf gespürt?

Ich habe viel auf das persönliche Gespräch gesetzt, bin von Haustür zu Haustür gegangen. Da war es oft unheimlich schwierig, das Gespräch auf eine sachliche Ebene zu bringen. Viele sagten "Schauet, dass ihr die Flüchtlinge wegbringt!" Da ist eine differenzierte Reflektion kaum möglich, und man ist irgendwie auch machtlos. Mich hat das ganze Thema sehr aufgerieben, und ich habe oft auch sehr schlecht geschlafen deshalb.

Wenn das Thema Flüchtlinge so bestimmend war und die SPD darunter litt - wie wird es dann mit der Partei weitergehen? Denn ein Ende ist ja kaum absehbar.

Manche Menschen sagen, der Aufschwung der AfD sei nur vorübergehend, wie damals bei den Piraten. Aber ich denke, die kulturelle und interreligiöse Integration wird zum Dauerthema werden und wir brauchen einen langen Atem. Das Thema wird nicht so schnell aus den Schlagzeilen verschwinden. Es ist ja auch die Frage, ob wir eine Versachlichung in die Flüchtlingsdebatte bekommen und wie wir den Zuzug begrenzen können. Aber welche Folgen das für die SPD künftig hat, kann ich nicht sagen. Wir haben auch viele Stimmen an die Grünen verloren. Es stellt sich die Frage: Was ist, wenn die Grünen keinen Kretschmann mehr haben?

Rechnen Sie mit personellen Konsequenzen bei der SPD?

Ich denke schon, dass das Wahlergebnis in personeller Hinsicht diskutiert werden muss. Nils Schmid hat gesagt, er mache sich nicht vom Acker. Dennoch: Das Ergebnis muss man jetzt in Ruhe analysieren. Denn die SPD kann ja auch gewinnen, das hat die Wahl in Rheinland-Pfalz gezeigt. Wir haben eben keine starken Anziehungspunkte wie Malu Dreyer oder Winfried Kretschmann. Wir haben nur die Sogwirkung in Richtung Niederlage. Das war ein richtiger Aderlass, wenn ich mir die Liste der künftigen SPD-Abgeordneten ansehe.

Wie geht es nun mit Ihnen weiter?

Ich lasse den heutigen Tag noch zur Verarbeitung vergehen. Am Abend ist dann Sitzung der Landtagsfraktion, und bis Ende April läuft noch die Legislaturperiode. Ich werde mich in den nächsten Tagen bei meinem Arbeitgeber, dem Oberkirchenrat, melden. Bei mir geht's weiter im Pfarrberuf. Ich habe diesen schönen Beruf erlernt, in den ich zurückgehen kann und werde. Auf jeden Fall war die Zeit im Landtag eine sehr interessante und spannende, die ich nicht missen möchte.

Hochburgen und Täler der Trauer in Bietigheim-Bissingen

Ergebnisse Das beste Ergebnis in der Stadt hat Thomas Reusch-Frey mit 22 Prozent in Bissingen geholt, im Wahllokal in der Waldschule. Dort lag er an dritter Stelle, nur knapp hinter CDU-Mann Fabian Gramling (23,3). Deutlicher Sieger: der Grüne Daniel Renkonen (32,9), der in fast allen Wahllokalen am besten abschnitt, teils mit deutlichem Abstand. Im Buch gab es dagegen ein SPD-Debakel: 8,75 Prozent im Wahllokal in der Agentur für Arbeit, der Sieger war die AfD mit 24,9 Prozent. Nicht viel besser lief es für die SPD im Wahllokal Kiga Lugstraße: 10,11 Prozent.

Meinung Bestürzt zeigte sich OB Kessing. Das Ergebnis 2011 sei schon nicht gut gewesen für seine SPD, das aktuelle dann "brutal". Sorge bereite ihm die AfD (der diesjährige "Tsunami für die CDU"). "Ich habe das Gefühl, dass sich die Republik verändert - aber nicht zum Besten."

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