BIETIGHEIM-BISSINGEN Das Sein der Stadt

BIETIGHEIM-BISSINGEN / ANDREAS LUKESCH 27.08.2016

Der Mensch besteht aus der Summe seiner Entscheidungen. Eine philosophische Erkenntnis, deren Inhalt letztlich für eine Welt voller Kontraste verantwortlich ist. Da gibt es zum Beispiel den auf Nachhaltigkeit ausgerichteten Drang zur Natur, zum Ursprünglichen, dem in der harmlosen Variante durch die Anpflanzung von bunten Blumenwiesen in Bietigheim-Bissingen nachgegeben wird und in der Hardcore-Ausprägung durch den professionalisierten Verzehr  von Insekten und anderem Kriechgetier  in Ludwigsburg (die BZ berichtete). Reine Geschmackssache, sagen Sie jetzt vielleicht zu Letzterem.  Man könnte auch sagen, es ist eines jeden freie Entscheidung, ob er einer Heuschrecke das weichgegarte Hirn durchbeißen möchte.

Von der individuellen zur  Mehrheitsentscheidung ist es nur ein kleiner Schritt, wobei  letztere stets durch die erste aufgehoben werden kann, mitunter sogar muss. Der Mensch ist frei (laut Sartre sogar in der Todeszelle). Will heißen: Wäre etwa die Biomüllvergärungsanlage in Bietigheim-Bissingen gebaut worden, hätten sich die Gegner des Bauwerks durch Wegzug dem Teufelswerk  entziehen oder sich zumindest überlegen können, wie sie diesem Einbruch in ihre Lebenswirklichkeit begegnet wären.

Die Problematik ist relevant, denn vor einer vergleichbaren Entscheidung stehen immer mehr Bietigheim-Bissinger, die von den Großstadt-Bestrebungen der Stadtplanung betroffen sind – womit wir wieder bei den Kontrasten wären. Denn während mühsam und mit großem zeitlichen Aufwand in der Bietigheimer Altstadt-Pfarrgasse Pflasterstein für Pflasterstein verlegt wird, stellt gleich nebenan ein gigantischer  Neubau in praktisch-moderner Klotzbauweise die schüchtern zusammengerückten Altstadt-Spitzgiebel  in den Schatten.

Schon die stückweise Entblätterung des Sky-Hochhauses hat die Frage aufgeworfen: Was will Bietigheim-Bissingen sein? Eine Mittelstadt mit der Skyline einer Megacity oder einfach ein expandierendes Ungetüm mit puppenstubenhaft konservierter  Vergangenheit, versteckt hinter zweifelhafter Kuh-Kunst? Wahrscheinlich beides. Schließlich haben auch Architekten und Stadtplaner stets ähnliche Rechtfertigungen für ihre mitunter sehr individuellen Entscheidungen. Es gelte, das Alte zu bewahren, ohne es im Neuen zu kopieren. Gerade der Kontrast, das Gegenüber schaffe die Spannung zwischen einst und jetzt, zwischen dem Prägenden zurückliegender Generationen und der daraus resultierenden Aktualität im Heute.  In diesem dynamischen Prozess liege der  Reiz einer auf Lebensqualität ausgerichteten modernen Stadtentwicklung.  

Manchmal werden Bauwerke aber auch nur deshalb immer größer und himmelsstrebender, weil sie so profitabler sind und Investoren ihre individuelle Entscheidung einfacher machen. Wem das zu profan ist, dem bleibt das sich harmonisch ins Altstadtbild fügende Kopfsteinpflaster. Und wem das immer noch nicht reicht, der findet Trost bei  Sartre-Freund und späterem Gegner Albert Camus: „Wenn es das Absurde gibt, dann nur im Universum des Menschen.“

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