Schon mal etwas von den sogenannten Raunächten gehört? Das sind zwölf Nächte, zwischen Weihnachten und den Jahreswechsel, erklärt Märchenerzählerin Stefanie Keller. „In diesen Nächten soll man besonders auf seine Träume achten“, sagt sie. Denn jede der zwölf Nächte steht für einen der zwölf Monate im neuen Jahr, so der Brauch. Um diese heiligen Nächte drehen sich viele Geschichten und Märchen, von denen Keller in einer ihrer Märchenwanderungen erzählt.

„Schlaf und Träume dienen in Märchen gerne als Lösung eines Problems oder Helfer“, erzählt die Metterzimmernerin. So auch in dem jüdischen Märchen „Der Schatz unter dem Ofen“. „Einmal träumte der arme und bedürftige Rabbi Eisig ben Jekel aus Krakau, dass er nach Prag gehen und dort unter der Brücke, die zum Königspalast führt, graben soll, weil dort für ihn ein großer Schatz bewahrt sei“, heißt es in dem Märchen. Als der Rabbi an der Brücke ankommt, trifft er auf einen Polizisten. Dieser lacht den Rabbi aus, weil er seinem Traum nachgeht, erzählt ihm aber von seinem eigenen Traum: „Mir wurde in meinem Traum geraten, nach der Stadt Krakau zu gehen, in das Haus eines Juden namens Eisig ben Jekel einzutreten, unter dem Ofen zu graben und dort einen teuren Schatz hervorzuholen.“ Eisig ben Jekel kehrte nach Hause zurück und fand seinen Schatz bei sich zu Hause.

In Japan ist das gleiche Märchen unter dem Titel „Die Brücke Mizokai“ bekannt. Hier träumt ein Kohlenbrenner von guten Nachrichten, die ihm auf einer Brücke mitgeteilt werden. Auch er folgte seinem Traum und fand doch sein Glück im eigenen Heim. Immer wieder findet Stefanie Keller Parallelen zwischen Märchen verschiedener Länder. „Das hat auch schon Jung gesagt“, erzählt Keller, „Märchen sind Ausdruck eines kollektiven Bewusstsein und Träume, die des individuellen Bewusstseins.“ Carl Gustav Jung war ein Schweizer Psychiater und Begründer der analytischen Psychologie.

So arbeiten Märchen immer auch mit gewissen Archetypen und Symbolik. Oft ist es ein Traum einer anderen Zukunft, die die Hauptfiguren antreibt. „In Märchen muss die Hauptfigur raus gehen“, betont Stefanie Keller, „zu Hause hätte sich nichts verändert.“ Ähnlich verhielt es sich bei der Märchenerzählerin selbst: „Ich hatte schon lange den Traum Märchenerzählerin zu werden, doch erst als ich letztes Jahr gekündigt wurde, habe ich meinen Traum verwirklicht“, erzählt sie der BZ. Ohne Kündigung, so sagt Keller, hätte sie den Schritt womöglich nie gewagt. „Wie oft ist es so, dass wir unser Glück verschlafen“, sagt die Märchenerzählerin, „auch im Märchen ist das so.“

Das passiert auch zwei Brüdern im Märchen „Die weiße Taube“. Sie sollten über einen Birnbaum wachen, doch schlafen dabei ein. Erst der jüngste, „der Dummling“ blieb wach und entdeckte eine Prinzessin in Gestalt einer weißen Taube.

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