Neuanfang Das Erbe der Schwester fortsetzen

Bettina Halbmann mit ihrem Sohn. Die Bietigheimerin beginnt mit 44 Jahren eine Ausbildung als Kinderpflegerin.
Bettina Halbmann mit ihrem Sohn. Die Bietigheimerin beginnt mit 44 Jahren eine Ausbildung als Kinderpflegerin. © Foto: Richard Dannenmann
Bietigheim-Bissingen / Rena Weiss 08.08.2018

Mit 44 Jahren eine Ausbildung anzufangen, einen derartigen Neuanfang trauen sich nicht viele Menschen. Für Bettina Halbmann aus Bietigheim-Bissingen ist es jedoch beruflich gesehen der einzige Weg. Die gelernte Zahnarzthelferin möchte nicht mehr in ihrem alten Beruf arbeiten, sondern Kinderpflegerin werden. Zwar habe sie bereits als Tagesmutter und auch als Erzieherin in Bietigheim gearbeitet. Doch benötigt sie für eine neue Stelle in diesem Bereich nun eine abgeschlossene Ausbildung als Kinderpflegerin.

Arzthelferin wird Tagesmutter

„Ich wollte das Erbe meiner kleinen Schwester fortführen“, erklärt Halbmann den Werdegang von einer Zahnarzthelferin zur qualifizierten Tagesmutter. Ihre Schwester ging diesem Beruf nach, verstarb aber 2006 und Bettina Halbmann trat in ihre Fußstapfen. Zunächst begann die Mutter eines damals noch dreijährigen Sohnes mit nur einem Tageskind. Während sie in ihrem Beruf aufblühte, stoß sie privat auf einige Stolpersteine. „Als Tagesmutter gestaltet sich die Wohnungssuche sehr schwierig“, sagt sie über die Zeit, als sie sich durch die Scheidung von ihrem Mann 2012 eine neue Wohnung suchen musste. Mit ihren Nachbarn, als sie noch in Ludwigsburg gelebt hat, sei ihre Tätigkeit immer ein Problem gewesen. „Ich bin viel mit den Kindern raus gegangen. Darauf habe ich meinen Schwerpunkt gelegt“, sagt sie, „von den Kindern hat man nie großartig Geschrei gehört.“ Dennoch seien die zu Hochzeiten sechs Tageskinder für die Nachbarn störend gewesen, wie sie Bettina Halbmann mitteilten. Auch deswegen habe sie immer wieder nach Räumen gesucht, in denen sie eine Großtagespflegestelle errichten konnte. Doch ohne Erfolg, bis sie nach Bietigheim kam.

Denn für die 44-Jährige war das kein Grund aufzugeben oder gar mit ihrer Tätigkeit aufzuhören. „Ich habe immer die Pflegeerlaubnis erweitert, weil es mir zu wenige Kinder waren“, sagt sie mit einem Lächeln im Gesicht und fügt hinzu, dass sie es liebt, von Kindern umgeben zu sein und diese in ihrer Entwicklung zu begleiten. Ihr jüngstes Kind war drei Wochen alt und das älteste dreieinhalb Jahre alt. Über den Tagesmutterverein in Ludwigsburg stoß sie auf Räumlichkeiten, in denen sie gemeinsam mit Dagmar Andersen und Anette Mühleck 2014 das Kindernest Sonnenkäfer in Bietigheim eröffneten. Durch Differenzen im Erziehungsstil trennten sich die Wege der drei Tagesmütter. „Mein Schwerpunkt war Emmi Pikler“, sagt Halbmann, „das Konzept setzt auf Selbstständigkeit. Da gab es für die Kinder klare Regeln und das passte Anette und Dagmar nicht“, fasst es die 44-Jährige zusammen.

„Jetzt stand ich ohne Job da“, erzählt sie und erklärt, dass sie schweren Herzens mit ihrem alten Beruf ihren Lebensunterhalt verdienen musste. „Über eine ehemalige Kollegin, mit der ich damals gelernt habe und immer noch Kontakt habe, bekam ich eine Stelle bei ihr in der Praxis – nach 14 Jahren Auszeit“, sagt sie immer noch etwas ungläubig. „Ich habe mich da aber wieder rein gekämpft, auch für meinen Sohn.“ Doch als Schwangerschaftsvertretung war auch diese Stelle nicht von Dauer. In einer neuen Stelle wurde sie bereits in der Probezeit gekündigt und gesteht sich selbst ein: „Ich habe es einfach nicht mehr auf die Reihe bekommen. Es hat sich über die Jahre so viel geändert.“ Auch ihre Asthma-Erkrankung hinderte diesen beruflichen Werdegang, da die Desinfektionsmittel und Bohrerbäder immer wieder Anfälle auslösten, erzählt die gebürtige Ludwigsburgerin. „Ich wusste, ich kann als Zahnarzthelferin nicht mehr weitermachen.“

Der Beruf Zahnarzthelferin sei nie wirklich ihr Traumberuf gewesen, sagt Halbmann. „Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man als Zahnarzthelferin nicht wertgeschätzt wird.“ Doch eine Umschulung zur Kinderpflegerin wurde lange Zeit vom Arbeitsamt nicht genehmigt. Die forderten eine Reha, damit Bettina Halbmann weiterhin in ihrem erlernten Beruf arbeiten könne. „Ich habe meine Kinder so vermisst und ich wollte das irgendwie schaffen.“ Denn die Freude, mit denen Kinder auf Menschen zugehen und fantasieren, fasziniere Halbmann und sie freut sich daran, auf jedes Kind individuell einzugehen.

Neuanfang mit 44

Doch als Tagesmutter könne sie nicht mehr arbeiten, weil sie zu ihrem neuen Mann zieht und die Wohnung nicht genug Platz biete. Doch ihre Hartnäckigkeit und Entschlossenheit zeigte Erfolg: Die 44-Jährige beginnt im September eine Ausbildung zur Kinderpflegerin. „Ich habe einen Schulplatz und auch einen Kita-Platz. Darauf freue ich mich sehr.“

Nun muss sie zwei Jahre lang die Schulbank drücken und ein Jahr lang ein Praktikum absolvieren. „Ich habe Angst, dass ich die Ausbildung nicht gut abschließe“, sagt sie auf ihr Alter und den Neuanfang angesprochen. Weil sie eben merke, dass sie nicht mehr so lernt, wie eine 16-Jährige. „Aber ich bin eine Kämpferin“, sagt sie und hofft, es gut zu schaffen. „Meine Schwester hätte es auch geschafft“, mit dieser Motivation geht sie an die neue Aufgabe heran.

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