Bietigheim-Bissingen China ist der wichtigste Markt

Ein Dürr-Mitarbeiter in einem Werk am Standort in Shanghai.
Ein Dürr-Mitarbeiter in einem Werk am Standort in Shanghai. © Foto: Dürr
MARTIN TRÖSTER 31.10.2015
Bei den Bietigheim-Bissinger Akademietagen geht es auch um die wachsende Rolle Chinas in der Welt. Für die Bietigheimer Firma Dürr, die unter anderem Autolackieranlagen herstellt, ist China bereits der wichtigste Markt der Welt.

Diese Zahlen sagen viel über die Bedeutung, des chinesische Marktes für die Bietigheim-Bissinger Firma Dürr: So stieg der Umsatz des Maschinen- und Anlagenbauers in dem Land von 83 Millionen Euro im Jahr 2005 auf 719 Millionen Euro im vergangenen Jahr. Auch die Versiebenfachung der Mitarbeiterzahlen unterstreicht die wachsende Bedeutung des chinesischen (Autohersteller-)Markts für die Schwaben: 2005 beschäftigte Dürr insgesamt 270 Mitarbeiter in China, mittlerweile sind es mehr als 2000.

Seit 30 Jahren produziert Dürr in China. "Ein Kunde von uns, Volkswagen, hat damals beschlossen, in China zu produzieren. Gemeinsam mit diesem Kunden ist man 1985 dorthin gegangen", sagt Unternehmenssprecher Mathias Christen.

Heute hat Dürr mit seinen Tochterfirmen vier Standorte in China, genauer: in Shanghai im Osten des riesigen Landes. "Wir sind in der Lage, in jede Provinz in China zu liefern. Selbst wenn ein Kunde in Westchina eine Autolackiererei baut, bekommen wir das dort hin." Die Kernkomponenten der Anlagen, zum Beispiel die Lackierroboter, kommen noch immer aus Deutschland.

Mittlerweile habe Dürr in China mehr Kompetenzen vor Ort aufgebaut, so dass die Produktion dort heute weit selbstständiger von Deutschland laufe als noch vor 30 Jahren. Nur wenige Deutsche arbeiteten an den chinesischen Dürr-Standorten, dafür "sehr viele, sehr erfahrene Chinesen", sagt Christen.

"Anfangs war China ein Markt unter vielen", sagt er. Derzeit ist China für die Bietigheim-Bissinger der größte und damit wichtigste. "27 Prozent unseres Geschäfts entfallen an China, gemessen am Auftragseingang." 2005 hat Dürr eine eigene Fertigung in China aufgebaut. "Auch 2008/2009, noch während der Weltwirtschaftskrise, haben wir viel in China investiert", sagt Christen. Bereits damals sei absehbar gewesen, dass China der größte Automarkt der Welt werden wird. "Nach der in China nur sehr kurzen Krise hatten wir unsere Kapazitäten ausgeweitet und konnten das stark wachsende Auftragsvolumen bedienen", sagt Christen.

Die Automobilproduktion ist in China enorm gewachsen. Ein Institut der Universität Duisburg-Essen geht außerdem davon aus, dass im Jahr 2018 gut 24 Millionen Autos im Jahr in China verkauft werden. Derzeit seien es noch knapp sechs Millionen Autos weniger. Ein Zeichen des wachsenden Wohlstandes.

"Mit dem jährlichen Wohlstandszuwachs legitimiert sich die Staatsführung", sagt Christen. Politisch gesehen hat China zwar ein kommunistisches System, aber es nutzt die Marktwirtschaft, um Wohlstand zu erzeugen. "Das System ist staatlich beeinflusst, aber faktisch ist es eine Marktwirtschaft", sagt Christen.

Es gibt zwei Modelle, in denen ausländische Unternehmen für gewöhnlich in China operieren (dürfen): Entweder als Partner in einem sogenannten "Joint Venture", bei dem sich der chinesische Staat zum Beispiel 50 oder 51 Prozent Anteile an einem gemeinsamen Unternehmen vorbehält. Oder, so wie Dürr samt Tochterunternehmen, als 100-prozentige ausländische Gesellschaft mit weit mehr Freiheit. "In anderen Branchen, an denen der Staat größeres strategisches Interesse hat, dominieren die Joint Ventures."

Was staatliche Einflussnahme angeht, gebe es laut Firmensprecher Christen im Alltag "keine Probleme, wir werden nicht benachteiligt und können effektiv arbeiten". Selbst die staatlichen chinesischen Autohersteller "treffen ja wie jedes andere Unternehmen der Welt ihre Entscheidungen wirtschaftlich".

So oder so: Der Markt China wird nicht nur für die deutsche Automobilindustrie immer wichtiger werden. "Eine Sättigung ist noch längst nicht erreicht", sagt Christen. Derzeit besäßen im Schnitt 1000 Chinesen 60 Autos. 1000 Deutsche besitzen über 500, 1000 US-Amerikaner über 700. "Das ist noch eine gewaltige Lücke", sagt Christen. Entsprechend stehen die Zeichen auf Ausbau: 2016 will Dürr in Shanghai-Qingpu einen sogenannten "Campus-Standort" mit 20 000 Quadratmetern Nutzfläche in Betrieb nehmen. Laut Christen handele es sich dabei um ein ähnliches Standort-Konzept wie in Bietigheim: "Produktion, Testzentren und Büros an einem Ort sowie kurze Wege."

Akademietage Bietigheim-Bissingen

Akademietage Das Motto der Akademietage 2015 am 3. und 4. November (Dienstag und Mittwoch) lautet "Weltordnung im Umbruch?". Unter anderem sprechen Universitätsprofessoren über die Stärke der Staaten Russland, China und USA. Veranstalter sind die Stadt, der Dachverband für Seniorenarbeit und die Schiller-Volkshochschule des Landkreises. Die Bietigheimer Zeitung unterstützt die Akademietage.

Karten übrig Die Karten für beide Vortragstage kosten 40 bis 50 Euro. Das Kontingent wurde noch einmal erhöht, es gibt also noch Karten, zu bestellen unter Telefon (07141) 1 44 16 66, per E-Mail unter info@schillervhs.de oder auf der Homepage der Schiller Volkshochschule. Wichtig: Bei der Anmeldung muss die Kursnummer angeben werden: 15B108106.

MART