Bietigheim-Bissingen BZ-Postkartentag: Heute wird die Sammlung "Karl Stehle" versteigert

Bietigheim-Bissingen / JÖRG PALITZSCH KERSTIN HÖLZEL 18.10.2013
Postkarten gehen in die ganze Welt und werden gesammelt. So kommt am heutigen Freitag im Auktionshaus Gärtner die Sammlung "Stehle" unter den Hammer, ein Konvolut mit exakt 52 955 historischen Exemplaren. Dabei hat sich die E-Card längst etabliert.

Wer glaubt, das Verschicken von Postkarten sei altmodisch, der irrt. Der Aufruf an die Leser der Bietigheimer,- Sachsenheimer und Bönnigheimer Zeitung, uns ihre schönste Karte zu schicken, löste eine Flut aus. Ein Besucher brachte über 200 Exemplare in die Redaktion, eine Karte schöner als die andere. Gleichzeitig ist die hohe Teilnahme nach dem Aufruf der schlagende Beweis dafür, dass viele Menschen immer noch an der alt hergebrachten Postkarte hängen - und sammeln. Die eingeschickten Karten zeigen Fern- und Heimweh in einem.

Einer der eifrigsten Sammler von Post- und Ansichtskarten war der jüngst verstorbene Karl Stehle, der schon als Student der Geschichte 1968 eine Sammlung mit dem Schwerpunkt "Die Ansichtskarte als Spiegel der Politik im Alltag" aufbaute. Entstanden ist eine umfangreiche Dokumentation, die die Ansichtskarte zum geschichtlichen Dikument erhebt.

Christoph Gärtner, Chef des gleichnamigen Auktionshauses aus Bietigheim-Bissingen, kannte Karl Stehle mehr als 25 Jahre, beide hatten einen intensiven Kontakt. So kam eine Zusammenarbeit zustande, die am heutigen Freitag ihren Höhepunkt erreicht. Ab 17 Uhr kommt die Sammlung von Stehle bei Gärtner unter den Hammer. Herzstücke dieser Sammlung sind sieben sogenannte Lose, die eine unwiederbringliche Dokumentation von Politik und Zeitgeschichte darstellen. Angeboten werden die Lose nur im Paket, einzelne Karten kann man also nicht ersteigern.

Aufgeteilt ist die Hauptsammlung in sechs Themen: "Die Geschichte der Ansichtskarte" umfasst insgesamt 2.500 Exemplare und geht bei der Auktion mit 10.000 Euro an den Start. Mindestens 15.000 Euro muss jemand bieten, der die Sammlung "Erster Weltkrieg" ersteigern möchte. Angeboten werden dazu über 19.000 Karten.

Die Karten-Sammlung zum Thema "Nationalsozialismus" kommt gar auf 24.000 Exemplare, der Startpreis dafür liegt bei 150.000 Euro. 1.900 Ansichtskarten zeigen Synagogen, jüdische Gebräuche und Antisemitismus der letzten 100 Jahre. Alle Karten werden zu Beginn der Versteigerung des Loses mit 10.000 Euro ausgerufen. Eine üppige Sammlung mit 24.400 Exemplaren stellt das Los "Deutsche Geschichte" dar. Angefangen mit Motiven aus der Steinzeit, gibt es Ansichtskarten über Kaiser Barbarossa und die Wikinger. Das Startgebot liegt bei 20.000 Euro. Ein weiteres Themengebiet ist "Bismarck", das sich auf 1.355 Ansichtskarten niederschlägt. Das Mindestgebot liegt bei 2.000 Euro. Mindestens 8.500 Euro muss man bieten, wenn man Besitzer von 5.700 Karten zum Thema "Arbeiterbewegung" werden will.

Abgerundet wird das Angebot durch Einzellose, die zum Teil schon mit einem Gebotspreis von 100 Euro starten - also durchaus erschwinglich sind. Während sich diese Lose an Sammler und private Liebhaber richten, hofft Gärtner bei den Hauptteilen der Sammlung auf Museen und Archive, um den kulturhistorischen Schatz von Karl Stehle zu wahren.

Während bei der Auktion ausschließlich historische Karten angeboten werden, hat sich im Internet die E-Card oder auch digitale Postkarte längst etabliert. Sie ist elektronisch, praktisch, gut. Im Netz findet sich eine Masse an Anbietern, bei denen Nutzer sich auf der Homepage das passende Motiv zu jedem erdenklichen Anlass aus einem riesigen Sammelsurium aussuchen können. Darunter gibt es auch Karten mit animierten Motiven und wieder andere, auf denen kleine Clips oder gar ganze Filme abgespielt werden. Für Kreative, denen das nicht reicht, gibt es die Möglichkeit, Karten selbst zu gestalten: Individualisieren ist hier das Zauberwort. Dabei können eigene Sprüche auf der elektronischen Grußkarte verfasst und auch das Wunschmotiv selbst fotografiert und auf der Karte platziert werden. Am schnellsten geht das mit einer passenden App auf dem Smartphone.

Ist die richtige Karte erst einmal gefunden, geht der Rest ganz schnell: Name und E-Mail-Adresse des Empfängers und Absenders eintragen, dann die Nachricht an den Adressaten verfassen, abschicken - fertig. Das hat viele Vorteile: Beispielsweise, wenn man mal einen Geburtstag verschwitzt hat und es längst zu spät ist, eine Karte auf dem herkömmlichen Weg abzuschicken. Dann ist mit ein paar Klicks die Gratulation schnell versandt. Vorausgesetzt, der Empfänger hat einen E-Mail-Account. Und es spart Kosten, denn im Vergleich zur normalen Postkarte, für die man den Karten-Preis plus 45 Cent Porto bezahlt, ist der Versand einer E-Card meist kostenlos.

Einen Haken hat das Ganze für Nostalgiker trotzdem. Während Postkarten gesammelt werden und die Wände oder den Kühlschrank zieren können, verschwinden E-Cards oft in den Tiefen des E-Mail-Postfachs oder werden gleich ganz gelöscht.

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