Untermberg / Christiane Rebhan  Uhr

Es war keine erholsame Nacht für Helga Schlobach, das sieht man der eigentlich vital wirkenden Frau an. Mitten in der Nacht wacht die Untermbergerin oft auf, ihre Zähne zittern, die Beine sind unruhig, ihr ganzer Körper – besonders der Kopf – steht unter enormem Druck. Eine Vibration, ein rhythmischer Brummton, raubt ihr den Schlaf. „Im Liegen spüre ich es am meisten.“

Dann steht sie auf, nimmt eine Schmerztablette oder läuft draußen durch die Nacht, bis sie das Geräusch nicht mehr wahrnimmt. Aber der Schlafmangel nagt an ihrer Konsistenz. Die Untermbergerin gehört zu den Menschen, die unter dem Brummton-Phänomen leiden. Seit März dieses Jahres ist man zum Beispiel in Leinfelden-Echterdingen der Lärmbelästigung auf der Spur. Dort hatten sich 70 Betroffene gemeldet (wir berichteten). Tieffrequenter Schall kann beispielsweise durch Transformatoren oder Pumpen verursacht werden. Das Umweltbundesamt spricht hier von Geräuschbelastung. Auf der Internetseite des Umweltbundesamtes heißt es zum tieffrequenten Schall und Infraschall: „Infraschall liegt definitionsgemäß zwischen 0,1 und 20 Hertz, tieffrequenter Schall unterhalb von 100 Hertz. Als Infraschall bezeichnet man Luftschallwellen unterhalb des menschlichen Hörbereiches.“

Helga Schlobach hört den Ton und sie spürt ihn. Um den Ursprung ihres Leidens zu finden, hat sie natürlich auch einen Arzt konsultiert. Tinnitus konnte der Doktor ausschließen, denn auf Reisen ist die 73-Jährige beschwerdefrei. Auch sonst haben die Tests nichts ergeben, die Frau ist gesund.

Deshalb hat sie sich an weitere Stellen gewandt: Den Betreiber der Leitungsanlage, die in 240 Metern Entfernung am Eigenheim der Schlobachs vorbei läuft. Für die Leitung, über die Höchstspannung von 380 Kilovolt fließt, ist Transnet BW zuständig. Die EnBW-Tochter hat im September 2015 den Korona­effekt, Vibrationen und elektromagnetische Felder vor Ort gemessen. Das Ergebnis: „Rund um die Leitungsanlage werden alle Grenzwerte eingehalten und die Emissionen, die die Leitung verursacht, haben in über 200 Metern Abstand keine Relevanz mehr.“ Aus Datenschutzgründen sei das Protokoll der Messung nicht einsehbar, so die Leiterin der Unternehmenskommunikation.

Die Abteilung für Immissionsschutz des Ludwigsburger Landratsamts hat sich ebenfalls mit der Sache beschäftigt, aber: „Die von der Bürgerin vermuteten Ursachen haben sich als unzutreffend erwiesen.“ Auch in der Bietigheim-Bissinger Stadtverwaltung ist das Problem bekannt. Laut Pressesprecherin Anette Hochmuth habe man sich bereits an den Bund gewandt, da der Ton nicht lokalisierbar war und die DIN-Richtlinien zum Lärmschutz um die tieffrequenten Töne erweitert werden müssten. „Wir haben nur wenig Handhabe. Die Betroffene müsste hierfür einen Spezialgutachter beauftragen“, heißt es aus der Stadt Bietigheim. Für Helga Schlobach fielen dementsprechend hohe Kosten an, die sie selbst tragen müsste. Bei der Stadt Leinfelden-Echterdingen tritt hingegen die Erste Bürgermeisterin Eva Noller für die Brummton-Geplagten ein. „Diese Menschen sind keine Spinner. Sie haben schon selbst viel Geld ausgegeben, damit in ihr Leben wieder Ruhe einkehrt“, begründet sie ihr Engagement.

In etwa einem Kilometer Luftlinie zum Wohnort der Betroffenen in Untermberg steht die Biogasanlage der Leonhardshöfe Sachsenheim. Auch dort hat die 73-Jährige schon nach der Quelle des Brummtons gesucht – fündig wurde sie nicht. Inzwischen spricht sie nicht mehr mit den Nachbarn über ihr Leiden, hat Angst als „nicht ganz richtig im Kopf“ angesehen zu werden. Ein Mann vom Gewerbeaufsichtsamt riet ihr: „Ziehen Sie doch um.“ Aber einen alten Baum verpflanzt man nicht, die Schlobachs hängen an ihrem Zuhause, der Garten – direkt an der Bissinger Straße – ist liebevoll gepflegt. Im Garten empfindet die Frau das Geräusch als weniger anstrengend. „Ich muss wohl irgendwie damit fertig werden“, sagt die Rentnerin. Die Lärmbelastung raubt ihr Kraft, dadurch ist sie weniger belastbar. Weiterkämpfen wird von durchwachter Nacht zu Nacht schwerer.