Das Thema Hallenbad-Neubau bewegt die Bürger. Bei der Informationsveranstaltung der Verwaltung am Montagabend im MVB-Heim in Bissingen war kaum mehr ein Platz frei, einige verfolgten die Vorträge und die Diskussion im Stehen. Selten kämen so viele Menschen zu den Bürgerinformationen, stellte Oberbürgermeister Jürgen Kessing fest, der die Zahl der Anwesenden auf 200 bis 250 schätzte. Darunter auch viele Gemeinderäte. Sie erlebten eine kontroverse Diskussion, die aber im Großen und Ganzen fair blieb, auch wenn die Redebeiträge immer wieder teils mit Beifall, teils mit Zwischenrufen oder Gelächter quittiert wurden.

Undichtes Becken

Ziel Kessings war ein „Wissenstransfer“, um bei den Hallenbad-Plänen alle auf den gleichen Stand zu bringen. Er wies darauf hin, dass die Geschäftsleitung der Stadtwerke schon 2016 auf die Stadtverwaltung zugekommen sei, um festzustellen, dass das 1974 gebaute Bissinger Hallenbad saniert oder neu gebaut werden müsse. Thilo Dittmann, Leiter Bäder und Eishallen, verdeutlichte das anschließend anhand von Bildern von Elektrik, Filter und Lüftung. Das Becken sei inzwischen undicht, immer wieder laufe Wasser herunter. Aufgrund dieser Situation gebe es nur vier Alternativen, erklärte Kessing: Die Schließung, die Sanierung, den Abriss und Neubau an der gleichen Stelle oder einen Neubau an anderer Stelle, um einen nahtlosen Übergang zu schaffen.

Letzteres sei mit sechs Gegenstimmen im Gemeinderat beschlossen worden, so der OB, wobei die Gegenstimmen vor allem von denen gekommen seien, die ein Bad mit 50-Meter-Bahnen gewollt hätten. Doch auch mit der beschlossenen kleineren Lösung, einem Bad mit 25-Meter-Bahnen, habe das neue Bad eine um 60 Prozent größere Wasserfläche als das jetzige. Die Kosten belaufen sich auf 15 bis 16 Millionen Euro.

Der geplante Standort auf dem Ballkult-Gelände im Ellental bietet laut Dittmann viele Vorteile. Der Nutzwert sei optimal, weil es auch noch ein Kursbecken geben werde, eine Sauna mit Freibereich könne Beiträge zur Kostendeckung erwirtschaften. Beim Bissinger Bad betrage die Kostendeckung derzeit nur 18 Prozent (zum Vergleich: Beim Bad am Viadukt sind es 41 Prozent). Bei 69 000 Besuchern im Jahr „legen wir pro Gast 10 Euro drauf“, rechnete Dittman vor. Der gesamte Zuschussbedarf für die Bäder und Eishallen der Stadtwerke liegt laut OB Kessing bei über vier Millionen Euro pro Jahr.

Im Ellental könne man dagegen viele Synergieeffekte nutzen, etwa bei der Energieversorgung durch das Heizkraftwerk an der Berufsschule mit rund 80 Prozent erneuerbarer Energie, aber auch beim Personal. Erst recht, wenn irgendwann auch noch das Bad am Viadukt am Ende seiner Lebensdauer angelangt ist und stattdessen der Ellental-Neubau erweitert werden könnte, sodass dort eine große Bäderlandschaft entsteht. Wie das dann genau aussehen werde, lasse sich heute aber noch nicht sagen, meinte Kessing, der damit rechnet, dass das Bad am Viadukt noch zehn bis 15 Jahre genutzt werden kann.

Viele im Publikum wollten sich damit jedoch nicht anfreunden. Warum der Ernst-Silcher-Platz direkt neben dem jetzigen Bad nicht als Neubaustandort gewählt wurde, lautete eine Frage. Kessing wies darauf hin, dass dort die Gefahr eines sogenannten Jahrhunderthochwassers bestehe. Michael Grießer, der sich mit diesem Standort intensiv auseinandergesetzt hat, entgegnete, der Silcher-Platz sei höchstens von einem noch selteneren Extremhochwasser betroffen. Laut Andrea Schwarz, der Leiterin des Stadtentwicklungsamtes, würde die Fläche aber auch schon etwas in den Überflutungsbereich eines Jahrhunderthochwassers hineinreichen.

Und nach der Gesetzgebung des Bundes und des Landes herrsche in solchen Bereichen ein Bauverbot. Den Einwand, dass andere Gebäude in der Stadt in Enznähe noch viel gefärdeter seien, ließ die Stadtplanerin nicht gelten: In diesen Fällen gelte der Bestandsschutz, heute könne man dort nicht mehr bauen.

Ein Teilnehmer sagte, heutzutage sei baulich alles möglich, warum also nicht ein Neubau in Bissingen? Auch das Liederkranzhaus wurde als Standort vorgeschlagen. Ebenso wurde aus dem Publikum auf die Vereinigungsvereinbarung zwischen Bietigheim und Bissingen verwiesen. Darin heißt es, die öffentlichen Einrichtungen im Stadtgebiet „werden weder aufgehoben noch eingeschränkt, solange ein Bedürfnis für die Beibehaltung besteht“. Kessing erklärte dazu, dass ja wieder ein Neubau im Stadtgebiet geplant sei. Ziel des Zusammenschlusses sei es auch gewesen, zentrale Einrichtung an zentraler Stelle zu schaffen – eben im Ellental. Das neue Bad entstehe nicht weit weg von der früheren Gemarkungsgrenze.

Die Frage, was am jetzigen Badstandort in Bissingen passiere, wenn das Bad weg ist, konnte der Oberbürgermeister noch nicht beantworten. „Es existiert noch keine Planung.“ Die Stadt kalkuliere aber mit Grundstückserlösen von einer Million Euro.

Ein wesentlicher Kritikpunkt waren die weiteren Wege, die Bissinger Schüler künftig haben werden. Der Busverkehr, der das auffangen soll, verursache außerdem zusätzliches Kohlendioxid, war zu hören. Michael Bertet, Vorsitzender des Schwimmvereins Bietigheim und Lehrer an der Bissinger Waldschule, erklärte dazu, dass er mit seinen Schülern mit dem Bus schneller im Ellental wäre als zu Fuß im Bissinger Bad.

Martin Braun von der DLRG sagte, dass eine temporäre Schließung, die bei einer Sanierung nötig wäre, große Probleme mit sich bringen würde, da es keine Ersatzflächen gebe. „Für uns als Verein ist das keine Option.“

Den Vorschlag, das Freibad im Ellental während der Bauzeit provisorisch zu überdachen und ganzjährig zu nutzen, bezeichnete Kessing als energetische Katastrophe. Generell müsse man die Frage der Kosten im Auge haben. Die Stadt müsse sich das Bad dauerhaft leisten können. „Wir machen das nicht aus Jux und Dollerei“, so Kessing.

Unterstützung erhielt er von Dirk Staiger, dem früheren Vorsitzenden des Schwimmvereins. Die Stadt wolle 15 Millionen Euro für ein neues Bad ausgeben, während woanders Bäder geschlossen würden, hob dieser hervor. Zudem zahlten die Schwimmvereine „null Euro“ für die Benutzung.

Die weiteren Pläne der Stadt sehen vor, nach einer europaweiten Ausschreibung Mitte 2020 einen Generalplaner zu bestimmen, so Thilo Dittmann. Bis Mitte 2021 könnte der Baubeschluss für das neue Bad fallen, bei einer optimistischen Bauzeit von 18 Monaten könnte dieses 2023 fertig sein.