Bietigheim-Bissingen Biogutvergärungsanlage am Waldhof: Anwohnern stinkt der Standort

Im Umfeld dieses Grünstreifens am Rand der Eselshütte soll der Biomüll des Landkreises vergärt werden.
Im Umfeld dieses Grünstreifens am Rand der Eselshütte soll der Biomüll des Landkreises vergärt werden. © Foto: Helmut Pangerl
Bietigheim-Bissingen / JULIA SCHWEIZER 27.08.2015
In Bietigheim-Bissingen soll eine Biogutvergärungsanlage entstehen. Bis es so weit ist, dauert es zwar noch - der Widerstand gegen den favorisierten Standort organisiert sich aber bereits.

Täglich mehrere Lastwagen mit stinkendem Biomüll auf der Löchgauer Straße? Eine große Biogutvergärungsanlage in einer beliebten Erholungslandschaft? In der Nähe der Eselshütte und eines Landschaftschutzgebiets? Der von den Betreibern (darunter die Stadtwerke Bietigheim-Bissingen) ins Spiel gebrachte Standort am Waldhof gefällt nicht jedem, in manchen Wohngegenden gärt es, könnte man sagen. Wohl auch deshalb hat sich nun die Bürgerinitiative "Es gärt" gegründet. Vier "gewichtige" Punkte gegen den Standort listet diese in einem Positionspapier auf. Neben dem Argument der Erholungslandschaft sehen sie die Gefahr, dass eine Frischluftschneise für Teile der Lug und Metterzimmern sowie das Gebiet Ahlesbrunnen bis zur Innenstadt zugebaut werde.

Zudem sei die Verkehrsanbindung "im Grunde unbrauchbar", moniert Eberhard Pfitzner. Denn fast alle Lieferfahrzeuge müssten mit dem stinkenden Müll durch die Stadt, die B 27 und über die Löchgauer Straße. Dazu komme, dass Biogut aus dem gesamten Landkreis verarbeitet werden soll, die größten und bevölkerungsstärksten Kommunen aber deutlich südlich der Stadt liegen. Deshalb ist aus Sicht der Bürgerinitiative auch ein Standort mindestens im Süden der städtischen Gemarkung sinnvoll, wenn nicht sogar in einer ganz anderen Kommune. "Es gibt so viele ausgewiesene Gewerbegebiete im Kreis, warum ausgerechnet hier, mitten in der freien Natur und auf wertvollem Ackerboden?"

Und die Gruppe geht noch weiter: "Wir richten unseren Blick auch auf zukünftige Generationen, die sich heute noch nicht wehren können, später aber damit leben müssen." Denn wenn eine Anlage bereits stehe, könne man in einem Gebiet weitere Industrie ansiedeln, befürchtet Reinhard Klinkenberg. Anschlüsse an Straßen, Strom und Wasser seien ja bereits vorhanden.

Die Mitglieder der Bürgerinitiative seien nicht gegen die Biogutvergärung, betont Diethelm Röger, wohl aber gegen den Standort. In dem Zusammenhang kritisieren sie die Informationspolitik der Verwaltung. Er habe mit einigen Gemeinderäten gesprochen, die selbst nicht die Standortalternativen kennen würden, so Klinkenberg. OB Kessing beziehungsweise die Stadtwerke sollten deshalb schnellstmöglich die weiteren Standorte mit Vor- und Nachteilen benennen (dies hat der Gemeinderat in seiner jünsgten Sitzung ebenfalls eingefordert). Auch hätte der Gemeinderat informiert werden müssen, bevor die Stadtwerke überhaupt in das kreisweite Bieterverfahren eingestiegen seien.

Bei der Stadt weist man das zurück. Der Gemeinderat sei "von Zeit zu Zeit vom Grundsatz her informiert worden", sagt die Sprecherin Anette Hochmuth. Zudem besitzen die Stadtwerke einen Aufsichtsrat, in dem einige Gemeinderatsmitglieder säßen. Auch die von der Bürgerinitiative kritisierte Rechtsform GmbH, mit der das Konsortium die Anlage betreiben will, sei üblich. Insgesamt könne man noch nicht viel informieren, weil die Planungen "noch nicht so weit fortgeschritten" seien.

Das gilt auch für eine für Mitte August angekündigte eigene Internetseite zur geplanten Anlage. Die Inhalte würden derzeit noch abgestimmt, sagt der Stadtwerke-Geschäftsführer Rainer Kübler. Er widerspricht dem Argument, dass eine Frischluftschneise zugebaut würde. Diese gebe es am diskutierten Standort so nicht. Es stimme allerdings, dass das größte Aufkommen aus Orten südöstlich von Bietigheim-Bissingen erwartet werde. Zehn Fuhren wären es täglich durch die Stadt, eine aus ihr selbst und nur fünf von Norden her, zum Einsatz kämen Fahrzeuge mit je zehn Tonnen Fassungsvermögen sowie zwei mit je 25 Tonnen von außerhalb des Kreises. Diese Zahlen seien transparent und so auch bei einer Infofahrt zu einer Anlage in Backnang kommuniziert worden, so Kübler. Dabei sei auch "stark das Thema Verunreinigungen thematisiert worden". Man habe im Konsortium aber erfahrene Partner, deren Kunden mit der gelieferten Kompostqualität zufrieden seien, zudem gebe es eine sogenannte Güteüberwachung.

Er entgegnet auch den Befürchtungen, dass sich die Anlage - wie es wohl bei der ursprünglich für die Infofahrt als Ziel vorgesehenen Anlage in Freudenstadt der Fall sei - gar nicht rechne. Erst unlängst habe die AVL mitgeteilt, dass sie im vergangenen Jahr 24.000 Tonnen Biomüll eingesammelt habe - und die Tendenz sei steigend, auch wegen einiger gesetzlicher Änderungen. Schon in diesem Jahr rechne er mit einer Menge von 25.000 Tonnen, das Maximum der Anlage von 43.000 Tonnen Biogut und 5000 Tonnen Grüngut könne erreicht werden. 40.000 Tonnen ist der Wert, der erreicht werden muss, um die Anlage wirtschaftlich zu betreiben.

Ein guter Vergleich sei Backnang - besser als die weitaus kleinere Anlage in Freudenstadt, wo zudem die Betreiberstruktur anders sei. Der Rems-Murr-Kreis sammle aber trotz seiner geringeren Größe mehr ein. "Hätte unser Kreis die gleiche Sammelquote, wären wir schon bei 40.000 Tonnen." Und nicht nur während der schwächeren Wintermonate könne man mit Mengen aus anderen Landkreisen auffüllen. Kübler weist deshalb auch Befürchtungen zurück, die Müllgebühren könnten bei einer zu geringen Auslastung steigen. Denn die AVL habe einen fixen Betrag vereinbart.

Viele Beschwerden zur Standortdiskussion habe er nicht bekommen und wenn, dann von Bewohnern des Ahlesbrunnens und der Lug. Von dort aus sehe man die Anlage aber nicht, für die es einen vorhabenbezogenen Bebauungsplan gebe, die Stadt werde dort kein Industriegebiet ausweisen. Und zudem zeige sich ein bekanntes Dilemma auf: Man wolle zwar keinen Kunstdünger. Aber gegen die Bioproduktion vor der eigenen Tür gebe es dann auch Proteste.

Info
Die Stadtwerke laden zu einer Bürgerinformationsfahrt nach Freudenstadt. Treffpunkt ist am Freitag, 18. September, um 8.15 Uhr vor der EgeTrans Arena. Anmeldung vom 31. August bis 16. September unter (07142) 7887-102 oder -105, montags bis donnerstags, 8 bis 17 Uhr.

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