Bietigheim-Bissingen Bietigheimerin Liska Schöck verbringt ein Soziales Jahr in Ecuador

Liska Schöck mit Honorarkonsul Siegfried Rapp im Vogelparadies Mindo anlässlich einer Konferenz.
Liska Schöck mit Honorarkonsul Siegfried Rapp im Vogelparadies Mindo anlässlich einer Konferenz. © Foto: Honorarkonsulat
BZ 30.12.2015
Seit Mitte Juli ist die Bietigheimerin Liska Schöck in Ecuador, um dort ein soziales Jahr zu absolvieren. Sie arbeitet im Norden des Landes unter anderem mit Kindern - und berichtet zur Halbzeit von ihrem Alltag.

Der Wecker klingelt, es ist sieben Uhr. Wie fast jeden Morgen scheint auch nun die Sonne und es ist angenehm warm. Während man in Deutschland in dicken Mänteln unterwegs ist, ist Liska Schöck mit dem staatlichen "Weltwärts"-Programm nach dem Abitur für ein Jahr in einem sozialen Projekt in Ecuador.

Drei Mal die Woche macht sie sich auf den Weg ins nächstgrößere Dorf Apuela. "Theoretisch könnte ich Bus fahren, aber meine neue Heimat verfügt über eine so unglaubliche Natur, dass ich den Fußmarsch von eineinviertel Stunden bevorzuge", berichtet Schöck. "Ich steige den Berg hinab, auf dem mein Dorf Pucará liegt, und genieße dabei Aussichten, für die man in Deutschland sicher zahlen müsste. Mein Weg führt durch hohes Gras, an meterhohen Agaven, Kühen und einem kleinen Wasserfall vorbei und endet am Fluss." Dort gibt es zwei Alternativen: eine sehr gruselige Brücke - sie besteht aus zwei Drahtseilen zum Festhalten und ein paar losen Stöcken in Schlingen - oder ein Stacheldrahtzaun, unter dem man durchkriechen muss. Nach einem Stück gepflasterten Weges gelangt man dann an die Tore der Stadt, wo es einen regelrechten kleinen Pferdeparkplatz gibt. Der Sonntag ist in Apuela nämlich Markttag.

Liska Schöcks Projekt nennt sich "Casa Palabra y Pueblo" (Haus des Wortes und des Volkes), oft auch einfach "die Bibliothek" genannt. "Bücher werden leider sehr selten ausgeliehen, die Leute kommen hauptsächlich wegen des angelagerten Internetcafés und der Ludoteca, die ich zusammen mit zwei anderen Freiwilligen leite. Die Ludoteca ist ein Raum für Kinder zum Spielen", erklärt Schöck. Die Freiwilligen überlegen sich oft auch kleinere Gruppenaktivitäten wie Pantomime oder "Welche Frucht schwimmt?". "Bis wir aber so weit sind, müssen erst einmal die Kinder eingesammelt werden, die leider häufig nicht wissen, welche Uhrzeit ist. Die Arbeit mit Kindern ist nicht einfach, weil die Kinder zwischen vier und zwölf Jahre alt sind. Wir müssen sehr kreativ sein, um Spiele zu finden, die allen gefallen." Haben die Kinder sich ausgetobt, schließt die Ludoteca.

Schöcks Arbeitsbereich besteht jedoch nicht nur aus der Ludoteca. Ganz im Gegenteil: Sie gibt auch Klavierunterricht, dreht im Theaterclub mit den Schulkindern eine Telenovela, organisiert mit den anderen Freiwilligen ein Ferienprogramm und schreibt ein Buch über die Lebensgeschichte einer Bewohnerin von Pucará. "Ich bin fast jeden Tag bei ihr und habe in ihr eine unglaublich nette und liebenswürdige Freundin gefunden. Bei ihr erlebe ich das traditionelle Leben, das hier auf dem Land noch sehr verbreitet ist. Fast alle Nahrungsmittel werden auf ihrem riesigen Grundstück gesät und geerntet. Sie hat mir auch schon beigebracht, wie man Tortillas über offenem Feuer zubereitet und Hühner und Meerschweinchen, eine ecuadorianische Spezialität, schlachtet."

Der Unterschied zwischen Tradition und Moderne ist in Ecuador offensichtlich und allgegenwärtig. Auch hier gibt es wohlhabende Leute, die nach europäischen Standards leben, Wolkenkratzer und riesige Einkaufszentren. Fernsehprogramme werden auf Gebärdensprache übersetzt und Lebensmittelampeln geben Auskunft über die Inhaltsstoffe der Nahrung. "Ich habe hier noch niemanden getroffen, der Hunger leidet. Ecuador ist in jeder Hinsicht ein unglaublich vielfältiges Land voller Kontraste. Den Begriff Entwicklungsland würde ich nicht verwenden", sagt Schöck.