Aus einer Sammlerleidenschaft kann Gutes entstehen: An die 100 leere Dosen hat Alexander Rödiger zu Hause in Bietigheim-Bissingen stehen. In denen war einst Pomade mit der er seit 15 Jahren jeden Morgen im Badezimmer den typischen Rockabilly-Stil auf seinem Kopf entstehen lässt. „Man braucht Pomade und viel Haarspray zum fixieren, damit die Frisur auch den ganzen Tag hält“, sagt der geborene Thüringer. Die Badezimmertür sei mit einer dicken Schicht verklebt gewesen, sagt seine Freundin.

Inzwischen hat sich dieses Problem erledigt, denn seine Haar- und Bartpflegeprodukte stellt Alexander Rödiger jetzt selbst her. Seine Manufaktur heißt Fettstube, weil ihm die Idee in der Wohnstube gekommen ist. Die Pomade stellt er bisher in einem kleinen Labor zu Hause her. Im Laufe dieses Monats zieht die Firma in Büroräume nach Bietigheim-Buch, damit für die Rohstoffe, den Versandbereich und das sterile Labor jeweils ein eigener Raum zur Verfügung steht.

Über seine Internetseite bekommt Rödiger etwa 20 bis 30 Bestellungen pro Woche. Außerdem liefert er noch an Großabnehmer wie eine Friseurkette in Norddeutschland. „Großkunden nehmen bis zu 100 Dosen pro Bestellung“, sagt der 38-Jährige. Pro Auftrag sitzt er mindestens sechs Stunden in seinem kleinen Labor mit dem schwarz-weiß karierten Wandfließen und dem PVC-Boden. Vor Rödiger stehen die Magnetrühr-Kochgeräte, auf denen er in Zwei-Liter-Gefäßen seine Pflegeprodukte anmischt. Das alles nebenberuflich, da der „Neigschmeckte“ eigentlich Berufsschullehrer für Reinigungs- und Hygienetechnik ist.

Der berufliche Hintergrund half dem Bietigheimer bei der Entwicklung seiner Produkte. Außerdem hat er Bauphysik studiert: „Ein großer Teil der Lerninhalte war Chemie. Da habe ich Laborerfahrung gesammelt und viel über Grundstoffe und Substanzen gelernt.“ Daher wusste Alexander Rödiger, dass man Öle nicht über eine bestimmte Temperatur erhitzen darf, sonst verfliegen die Inhaltsstoffe wie Parfüm.

Den Anstoß gab eine Pomade aus den Vereinigten Staaten, die nach verbranntem Holz roch und nur in limitierter Stückzahl erhältlich war. Für seinen eigene Sammlung hat er die Pomade nicht mehr bekommen, daher wollte er etwas ähnliches kreieren. „Ich habe mir 200 Gramm Vaseline bestellt und andere Bestandteile in geringen Mengen“, sagt der 38-Jährige. Damit begann er zu tüfteln, studierte Inhaltsstoffe auf anderen Packungen, experimentierte drei Monate mit Gerüchen und Farben und ließ immer wieder Bestandteile über dem Wasserbad schmelzen.

Nur für seinen Eigenbedarf war das erste Ergebnis gedacht: Die Pomade roch nach Ruß und war grau-schwarz. Rödiger nannte das Haarfett deshalb „Schornsteinfeger“. Später ersetzte er die Vaseline durch rein pflanzliche Stoffe. Dadurch war die Pomade leichter auszuwaschen. „Immer mehr Freunde haben nach der Pomade gefragt“, sagt der Berufsschullehrer. Er mischte Dosen für sie an, aber die Mengen wurden irgendwann zu groß und als Beschäftigter im öffentlichen Dienst wollte Rödiger auf keinen Fall den Vorwurf der Schwarzarbeit riskieren. Außerdem muss Kosmetik von unabhängigen Laboren zertifiziert werden, das verlange die Lebensmittelüberwachungsbehörde. „Also gründete ich eine Firma.“

Bis seine erste Serie von Bartprodukten entwickelt war, verging ein Jahr. „Ich habe anhand von Rückmeldungen meiner Kunden versucht, die Reihe zu verbessern.“ Mit einem Anruf im Februar 2016 gelang der Fettstube der Durchbruch: Der Barber Convention Club veranstaltete die erste Messe für Barbiere in Deutschland parallel zu einer großen europäischen Friseurmesse. Alexander Rödiger sollte als Aussteller teilnehmen. „Doch meine Freundin und ich steckten gerade mitten im Umzug von Ludwigsburg-Hoheneck nach Bietigheim.“ Einen Messestand und Erfahrung damit hatte der 38-Jährige nicht. Ihm blieben nur 14 Tage Zeit, um eine entsprechende Menge an Pomaden, Bartölen und Rasierseife für die Messe in Düsseldorf zu produzieren. „Es war ein Schnellschuss und die richtige Entscheidung“, sagt er. Die Messe sei ein voller Erfolg gewesen. „Sogar Hersteller aus Australien, Malaysia und Indien sprechen mich auf meine Produkte an.“

Erkennungsmerkmal der Fettstube sind die bunten Aluminiumdosen. „Ich kann nicht zeichnen, hatte aber eine genaue Vorstellung im Kopf“, so gab Rödiger den Auftrag für die erste Kollektion an einen befreundeten Tätowierer. Alle Etikette sind detailreich gestaltet, auf der Pomade „Seemann“ ist ein solcher zu sehen, im Hintergrund ein Hafen und zwei Fässer Rum – denn danach riecht das Bartfett. Das Aussehen der zweiten Linie, die nach Leder und Cognac riecht, wurde von dem befreundeten schwäbischen Künstler Alex entworfen.

Eine Pomade für Frauen gibt es auch: die Seemannsbraut. „Aber eigentlich ist die Szene der Barbershops ein männliche“, sagt Alexander Rödiger. Der Bietigheimer weiß um die Kritik von Frauen, die sich ausgeschlossen fühlen. Die Barbiere seien zum Rückzugsort für Männer geworden, Herrenfriseure sprössen überall wie Pilze aus dem Boden. Da Stars aus dem Fernsehen, wie die Moderatoren von „Circus Halligalli“ wieder einen definierten Bart tragen folgert der Fettstuben-Inhaber: „Der Style der 50er-Jahre ist angesagt.“

Inzwischen könne er von den Umsätzen leben, behalte aber den Lehrerjob: „Das ist meine Existenzsicherung.“ In den neuen Räumen in Bietigheim-Buch will der 38-Jährige einen Mitarbeiter einstellen. Der muss Bartträger sein, versteht sich.

www.fettstube.com

Bartöl, -wichse und Pomade: So nutzt Mann die Produkte


Das Öl nutzen Bartträger, um ihre Barthaare gleich jeder Länge zu pflegen. Der Effekt ist vergleichbar mit einer reichhaltigen Haarkur bei Frauen, nur kann man das Bartöl im Haar belassen ohne Ausspülen. Je nach Haarlänge reicht das Öl bis zu drei Monate, den man lässt eine kleine Menge in die Handfläche tropfen, verreibt das Öl zwischen den Händen und trägt es auf die Barthaare auf. Mit der Pomade glättet und formt man den Wildwuchs am Kinn, damit dem Träger nicht die Barthaare zu Berge stehen. Bartwichse benutzt unter anderem der mehrfache Welt- und Europameister Jürgen Burkhardt, der seinen Bart links und rechts zu fünffachen Spiralen aufrollt. cri

So wird Pomade hergestellt:


Lanolin, das Fett aus der Schafwolle, und Pflegeöle, wie Arganöl und Squalan, werden im Mag­netrührgerät geschmolzen und vermengt, dann kommen Farbe und Duftstoffe hinzu und alles wird in die Dose gegossen. Dort kühlt die Pomade ab. Dann klebt Alexander Rödiger auf jede Dose die Etiketten und setzt einen Chargenstempel darauf. Anschließend wird die Pomade je nach Auftrag in Kartons verpackt und versandt. Für eine Bestellung arbeitet der Berufsschullehrer rund sechs Stunden in seiner Manufaktur. cri