Wer ihm entkommen ist, dem Schrecken des Krieges und dem Terror des "Islamischen Staates", der trägt vielleicht bald Schuhe aus Bietigheim und hüllt sich in Decken aus Ditzingen. Viereinhalb Tonnen hat die syrisch-orthodoxe Gemeinde vergangene Woche an warmer Kleidung zusammengetragen, seit gestern ist der Truck auf dem Weg nach Erbil, einer Stadt im Norden des Iraks, wo viele syrische und irakische Flüchtlinge Zuflucht gefunden haben. Dort sind sie sicher vor den Kugeln und Granaten des "IS". Dort wartet nun aber ein neuer Feind: der Winter.

Gespendet hat vor allem, wer seine Wurzeln im christlich-orthodoxen Kulturkreis hat, wer zum Beispiel Verwandte hat, die in Syrien und im Irak leben. "Auch viele Armenier und Christen, die aus der Osttürkei stammen, haben geholfen", sagt Jonny Samuel, der in der Bietigheimer Gemeinde Jugendprojekte und den Religionsunterricht verantwortet. "Diese Nachfahren kennen noch die Geschichten vom Völkermord von 1915", sagt er. Damals, im ersten Weltkrieg, hatte die türkische Regierung hunderttausende, manche schätzen sogar über eine Million Armenier und andere Christen massakriert oder auf Todesmärsche in die Wüste gezwungen. "Man kennt das Procedere und weiß, wie so etwas gehen kann", sagt Samuel.

Seine Gemeinde gehört zu den mehr als 30, überwiegend kirchlichen Organisationen in Deutschland, die dem Aufruf der Hilfsorganisation Save Our Souls gefolgt sind. "Wir haben sofort ja gesagt, das war selbstverständlich", sagt Samuel, der in Bietigheim geboren wurde und Cousins in Syrien und Onkel und Tanten in der Osttürkei hat.

Die Hilfsaktion war in Bietigheim ein ziemlich junges Projekt: "Wir haben nicht nur Werbung über Pfarrer, sondern auch über soziale Netzwerke", sagt Samuel. Der Großteil der zwölf Helfer, die abends von 18 bis 20 Uhr die Pakete angenommen haben, stammen aus der Gemeindejugend. Die Fäden liefen beim 24-jährigen Gabriyel Un zusammen. Der Verfahrensmechaniker sagt: "Ich hatte sowieso Urlaub und fühle mich als aramäischer Christ verpflichtet, meinem Volk zu helfen. Ich kann es nicht sehen, wenn Kinder auf dem Boden schlafen. So etwas könnte auch uns einmal treffen." Die Aufgabe sei gut zu schaffen gewesen: "Ist ne Kleinigkeit, wenn man ein gutes Team hat."

Auch die 19-jährige Farida Baydono betont, wie wichtig ihre aramäisch-assyrischen Wurzeln für ihre Motivation waren: "Ich fühle mich meinem Volk verbunden. Wenn wir nicht helfen, wer dann?" Praktische Hilfe sei wichtig: Es reicht nicht, nur Petitionen im Internet zu unterzeichnen."

Jonny Samuel versichert, dass die gespendeten Waren gut ankommen: "Save Our Souls wird von Anfang bis Ende dabei sein, auch bei der Übergabe." Aus Bietigheim wird allerdings niemand mitfahren. Ohnehin ist noch unklar, ob die Spenden per Schiff oder per Laster nach Erbil transportiert werden. Erst einmal fährt der Truck mit Paketen aus Göppingen und Heilbronn nach Kassel, wo über den weiteren Transportweg entschieden wird.

Wichtig ist, wie die Waren verteilt werden, sagt Samuel. "Die fahren nicht da vor und werfen die Kleidung von der Ladefläche in die Menge. Wir verteilen die Waren in einer Lagerhalle." Zu Tumulten komme es daher nicht. "Diesen Menschen wurde viel genommen, aber was ihnen nicht genommen wurde, ist die Würde." Er versichert, dass in Erbil kein Geld von den Notleidenden verlangt wird. "Die Religion spielt auch keine Rolle. Wir helfen jedem, der es nötig hat - ob Christ, Moslem oder Kurde, das ist uns egal." Der Transport ist dabei schon abbezahlt: Für jedes gespendete Kilo waren 50 Cent fällig.

Vermutlich um die 200 Familien hätten gespendet. Einer hat gleich seine eigene Sammelaktion gestartet. "Der kam aus der Nähe von Heilbronn mit einem Transporter angefahren. Da waren fast 50 Kartons drin."

Syrisch-orthodoxe Gemeinde und Hilfsorganisation "Save Our Souls"

Gemeinde Die syrisch-orthodoxe Kirche von Antiochien ist weder katholisch noch evangelisch, sondern eigenständig. Die altorientalische Konfession ist im Irak, in Syrien und der Türkei stark verbreitet. Die Bietigheimer Gemeinde hat etwa 1500 Mitglieder, was sie laut Eigenangaben zu einer der stärksten in ganz Deutschland macht.

"Save Our Souls" Die Hilfsaktion hat sich dem Gedenken an den türkischen Völkermord von 1915 verschrieben (Internet-Adresse: www.1915.de). "SOS" organisiert die oben beschriebene Hilfsaktion. Eigenen Angaben zufolge wird "SOS" bundesweit von 500, überwiegend jungen Helfern unterstützt. "SOS" ging aus dem Assyrischen Jugendverband Mitteleuropa e.V. hervor. Hauptsitz ist im nordrhein-westfälischen Gütersloh.