Bietigheim-Bissingen / Jürgen Kunz

Es war zunächst ein eher privates Gespräch zwischen Dr. med. Jens-Paul Seldte, dem Ärztlichen Direktor der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, und Manfred Gläser, BZ-Herausgeber und Vorsitzender der BZ-Aktion Menschen in Not. In dessen Verlauf wies der Bietigheimer Mediziner auf die Möglichkeit hin, es gebe ein neuartiges Präventions-System, um den Haarausfall bei Chemotherapie-Patientinnen zu reduzieren, oder sogar zu verhindern. Das Paxman Kopfhautkühlsystem, das der englische Unternehmer Eric Paxman vor mehr als 25 Jahren zu entwickeln begann (siehe Infokasten), wirke somit gegen den am meisten gefürchteten Nebeneffekt einer chemotherapeutischen Behandlung gegen Krebs.

Belastendes Problem

„Unsere BZ-Aktion Menschen in Not will Hilfe leisten“, sagte Gläser nun bei der Übergabe des ersten Kopfhautkühlung-Systems, das seit diesem Mittwoch in der Bietigheimer Klinik für Frauenhilfe und Geburtshilfe zur Verfügung steht. Es war ein einstimmiger Beschluss der Mitglieder des Vereins BZ-Aktion Menschen in Not, die vielen weiteren Spendengelder, die nach der großen Scheckübergabe kurz vor Weihnachten eingehen, für die Anschaffung dieses 33 000 Euro kostenden Geräts zu verwenden.

Spontan umgesetzt

„Ich bin glücklich, dass wir nun so etwas anbieten können“, betonte Seldte am Mittwochvormittag. Der Haarverlust sei für die Patientinnen neben der eigentlichen Chemotherapie ein belastendes Problem, das Kopfhautkühlungs-System sei dabei eine große Hilfe für das Wohlbefinden der Frauen. Bisher gäbe es keine Möglichkeit, den Haarverlust zu verhindern. Allerdings müsse der Leidensdruck der Patientinnen durchaus hoch sein, schränkte der Ärztliche Direktor ein, denn durch den Einsatz des Gerätes werde die Kopfhaut permanent auf eine Temperatur von 19 Grad Celsius heruntergekühlt, und dies über eine Dauer je nach Therapie zwischen zweieinhalb und viereinhalb Stunden. Es gebe natürlich eindeutige Studien, wonach durch die Kopfhautkühlung die Anschwemmung von chemotherapeutischen Substanzen an die Haarwurzeln verringert werde.

Bemerkenswert war für Seldte, dass durch die BZ-Aktion „ein solches Projekt so spontan umgesetzt werden konnte“. Auch Nicolai Stolzenberger von der Klinikleitung des Krankenhauses Bietigheim-Vaihingen würdigte das Engagement der BZ-Aktion und die Spendenbereitschaft der Leser von Bietigheimer, Sachsenheimer, Bönnigheimer Zeitung: „Es ist eine sehr, sehr großzügige Spende und ein großer Mehrwert für die Patienten am Standort.“ Es sei nicht immer einfach, im Rahmen einer Investitionsplanung so ein Gerät umzusetzen.

Info Die jetzige 33 000-Euro-Spende war die vierte finanzielle Unterstützung der BZ-Aktion für das Bietigheimer Krankenhaus. 2013 wurde das Trauercafé, 2015 ein Gruppenprogramm für Frauen nach Krebs und 2017 das Projekt „Humor hilft Heilen“ durch Spenden der BZ-Leser gefördert.

Außergewöhnliche Geschichte

Die britische Familie Paxman hat eine  außergewöhnliche Geschichte. Sie fängt in den 50er-Jahren an, als Eric Paxman, der Vater des aktuellen Vorsitzenden Glenn, ein Bierkühlsystem für Brauereien erfand. Die nächsten 30 Jahre hatte die Familie großen Erfolg mit der Entwicklung preisgekrönter Kühlprodukte und -systeme.

Das Paxman Kopfhautkühlsystem, auch als „Kühlkappe“ bekannt, wurde entwickelt, als die Ehefrau von Glenn Paxman während der Chemotherapie gegen Brustkrebs ihre Haare verlor. Die Familie konnte ihr Fachwissen aus der Kältetechnik in die Entwicklung des Kühlkappensystems einbringen. Sue Paxman wurde daraufhin mit einer sehr frühen Version der Kühlkappe behandelt. Leider schlug die Kühltherapie bei ihr nicht an. Glenn, der hautnah miterlebte, wie traumatisch der anschließende Haarausfall für sie war, entwickelte infolgedessen ein System, das zum Erfolg führte. Nach Jahren der Entwicklung bauten Glenn und sein Bruder Neil den ersten Prototypen des Paxman Kopfhautkühlsystems. Dieser Prototyp wurde 1997 im Krankenhaus Huddersfield Royal Infirmary aufgestellt.

Es folgten umfangreiche Studien, in den zehn Folgejahren wurden hunderte Kühlkappensysteme produziert. Laut Karsten Tölle, Vertriebsleiter in Deutschland, sind in England inzwischen rund 1500 Geräte im Einsatz, in den Beneluxländern gebe es das Kühlkappensystem flächendeckend. In Deutschland sind laut Tölle zurzeit weniger als 100 Geräte in Krankenhäusern im Einsatz. knz