Insgesamt 5000 Bietigheim-Bissinger ab elf Jahren aufwärts haben jüngst von der Stadtverwaltung Post bekommen. Sie wurden per Zufallsverfahren aus dem Melderegister ausgewählt und werden in dem Schreiben eingeladen, an einer Befragung mitzumachen. Die Stadt will wissen, wie und aus welchen Gründen die Bürger Sport treiben oder auch Nichtsportler sind. Daraus könnten Schlüsse gezogen werden, welche Bedürfnisse es gibt und welche zusätzlichen Angebote eventuell in der Stadt nötig seien, sagen Amtsleiter Stefan Benning und Sabine Dettling vom Sportamt.

Bereits 2017/2018 hatte das Kultur- und Sportamt eine Befragung durchgeführt, deren Ergebnisse in einem Bericht zur Entwicklung von Sport und Sportstätten zusammengefasst wurden. Warum also schon wieder eine Umfrage? Damals seien Sportvereine, Schulen und Kindergärten im Fokus gestanden, sagt Benning. Doch nur ein Drittel der Bevölkerung treibe in Sportvereinen Sport. Die anderen seien individuell aktiv, ob beim Radfahren, Laufen, Wandern, im Fitnessstudio oder einer anderen Art der Bewegung. Oder aber sie betreiben gar keinen Sport. Doch nähere Informationen darüber fehlten. „Wir wissen nicht, was zwei Drittel der Bevölkerung machen“, so Benning.

Aktuelle Trends berücksichtigen

Erkenntnisse darüber soll deshalb nun die neue Befragung liefern. Sportentwicklungsforschung nennt sich das und ist, so Sabine Dettling, „eigentlich ein alter Hut“. Viele Städte beschäftigten sich damit, aber eben bisher noch nicht die Sportstadt Bietigheim-Bissingen. Wenn sich die Kommunalverwaltung nur auf den Ausbau und die Finanzierung von Sportstätten sowie deren Nutzbarkeit für Schulen und Sportvereine konzentriere, verliere sie den selbstorganisiert betriebenen Sport aus den Augen. Veränderungen und Trends in der modernen Bewegungs- und Sportkultur würden nur unzureichend berücksichtigt.

 Dettling verweist auf Anfragen, die sie erreichen. So erkundigten sich Bürger nach Calisthenics (Klettergerüsten) und anderen Sportgeräten im öffentlichen Raum. In anderen Städten gebe es zum Beispiel das Angebot „Sport im Park“, bei dem man sich trifft, um gemeinsam aktiv zu werden. Dass der Zuwachs im Vereinssport schwächer sei als das allgemeine Bevölkerungswachstum unterstreiche diesen Trend. „In Stuttgart laufen den Vereinen die Leute weg“, sagt Stefan Benning. Die Vereine versuchten, mit niederschwelligen Angeboten gegenzusteuern. Auch dazu, was die Vereine tun können, um die neuen Bedürfnisse zu befriedigen, soll die Befragung Hilfestellung geben. Es solle keine Konkurrenz zu den Vereinen sein, betont Benning.

Zudem gehe es darum, zu erkennen, wie man mehr Leute dazu bringen könne, Sport zu treiben, sagt Sabine Dettling. Denn: In einer alternden Gesellschaft komme der Ausübung von Bewegung auch eine große Bedeutung zur Erhaltung der Gesundheit zu. Laut einer Umfrage von 2018 ist die liebste Freizeitbeschäftigung der über 70-jährigen Deutschen das Fernsehen. Das – nicht näher definierte – Sporttreiben landete nur auf Platz acht.

Sporttreiben in der Gemeinschaft beuge zudem dem Alleinsein vor, meint Benning. Dadurch könne der Zusammenhalt in der Gesellschaft gestärkt werden, womit das Ganze auch eine politische Dimension gewinne.

Die Stadt sieht sich in diesem Prozess vor allem als Koordinator. Benning könnte sich beispielsweise die Einrichtung einer Online-Plattform vorstellen, auf der Gleichgesinnte für sportliche Unternehmungen gesucht werden können. Doch zuerst gehe es darum, Erkenntnisse zu sammeln, die als Entscheidungsgrundlage dienen können.

Mehr als 600 Rückmeldungen

Die Umfrage war am 15. Januar gestartet worden, mit Stand von Dienstagmorgen gab es rund 630 gültige Rückmeldungen, die meisten von Sportlern. Für den Amtsleiter ist das ein guter Rücklauf. Er hoffe aber auf viele weitere Bürger, Sportler wie Nichtsportler, die sich beteiligen, so Stefan Benning. Die Befragung läuft noch bis 14. Februar.

Auswertung durch das Sportamt


Bis zur Sommerpause sollen die Ergebnisse der Befragung im Bietigheim-Bissinger Sportamt  ausgewertet werden, sagt Amtsleiter Stefan Benning. Sabine Dettling, promovierte Sport- und Tourismuswissenschaftlerin, wird sich dieser Aufgabe mit ihrer Kollegin Luise Fleisch, einer studierten Kulturwissenschaftlerin, sowie Praktikantin Daniela Mayer, die Verwaltungswissenschaft studiert und eine Bachelorarbeit über Sportförderung schreibt, widmen. In statistischen Fragen erhofft man sich Unterstützung vom Zentrum für Umfragen, Methoden und Analysen (ZUMA) in Mannheim. Anschließend soll ein Bericht mit Vorschlägen für den Gemeinderat vorgelegt werden. um