Wenn in naher Zukunft die beiden großen Neubauvorhaben der Stadt auf dem ehemaligen Valeo-Areal, heute Lothar-Späth-Carré, und dem früheren DLW-Gelände in die Gänge kommen, werden auch die Bietigheim-Bissinger Stadtwerke gefragt sein. In beiden Gebieten soll Fernwärme für die Energieversorgung sorgen.

Während in Wohngebieten mit Einzelhäusern wie dem Haslacher Weg in Metterzimmern individuelle Lösungen zur Energieversorgung gefragt sind, sei in großen Mehrfamilienhäusern, wie sie in den beiden Neubaugebieten dominierend sein werden, Fernwärme unschlagbar, sagt Rainer Kübler, der Geschäftsführer der Bietigheim-Bissinger Stadtwerke (SWBB). Denn Fernwärme erledige alle Anforderungen, die es heutzutage mit Blick auf den Einsatz regenerativer Energien gebe. Niemand müsse sich dann mehr Gedanken machen, ob er beispielsweise Sonnenkollektoren auf dem Dach installieren müsse. „Es gab noch nie Diskussionen mit Bauträgern über die Verwendung von Fernwärme“, so der Stadtwerke-Chef. Die Energieform gilt auch als komfortabel und zuverlässig, die Betriebs- und Wartungskosten sind gering.

Die Stadtwerke haben nach Aussage von Rainer Kübler vor mehr als 40 Jahren damit begonnen, ein Fernwärmenetz aufzubauen. Erstes Gebiet, in dem sie zum Einsatz kam, war im Wohngebiet Buch. Vor 20 Jahren ging es im Wohngebiet Kreuzäcker/Ellental weiter, auch der Badepark Ellental, das Berufliche Schulzentrum und die EgeTrans-Arena wurden inzwischen angeschlossen. Vor vier bis fünf Jahren folgten schließlich Teile der Altstadt. Dort werden beispielsweise die Hillerschule, das Rathaus, das Arkadengebäude, die Villa Visconti oder das Kronenzentrum versorgt. „Wir verfolgen die Strategie, Fernwärme einzusetzen, wo es geht“, sagt Kübler.

Ein wesentlicher Grund dafür: Durch die Kraft-Wärme-Kopplung in den Blockheizkraftwerken, das heißt, die Erzeugung von Strom und Wärme, ist die Effizienz hoch. Diese Art der Energieerzeugung ist laut Kübler um ein Zehnfaches wirtschaftlicher als eine Heizung im Keller. Es ließen sich alle Techniken relativ unkompliziert mit einbinden.

In den Kraftwerken kommen als regenerative Energien Biogas und Holzhackschnitzel zum Einsatz, darüber hinaus als fossiler Brennstoff auch Erdgas. Im Gebiet Kreuzäcker/Ellental liege der Anteil der erneuerbaren Energien bei 70 bis 80 Prozent, im Buch noch bei 20 Prozent, so Kübler. Letzteres liege an den beengten Platzverhältnissen.

Für die „Wärmewende“, die man erreichen wolle, sei die Fernwärme ein zentraler Faktor, sagt der Geschäftsführer. Nach den Berechnungen der Bietigheim-Bissinger Stadtwerke wurden im Gebiet Kreuzäcker seit der ersten Fernwärmelieferung 1999 bis heute mehr als 45 000 Tonnen Kohlendioxid eingespart.

Die Wirtschaftlichkeit der Fernwärme kommt nach Aussage des Geschäftsführers auch darin zum Ausdruck, dass sie nicht über das Erneuerbare-Energien-Gesetz gefördert werden muss. Zuschüsse (in Höhe von 30 Prozent der Kosten) gibt es nur für die Leitungen, mit denen die Wärme transportiert wird.

Neues Kraftwerk geplant

Die Leitungskosten seien davon abhängig, ob sie in einem Gebiet verlegt werden, das neu bebaut wird, in dem also ohnehin gerade aufgegraben wird, oder ob dazu extra der Straßenbelag aufgerissen werden muss. Im ersten Fall beziffert Stadtwerke-Chef Kübler die Kosten auf 300 bis 400 Euro pro Meter, im anderen Fall, etwa beim Marktplatz, sei man auch schnell bei 1000 Euro.

Die kommenden Planungen hinsichtlich des Fernwärme-Ausbaus richten sich bei den Stadtwerken zum einen aufs Valeo-Areal (Lothar-Späth-Carré), wo ein Wohngebiet entsteht, zum anderen auf das ehemalige DLW-Areal – Bogenviertel und auch Bigpark. Im Bogenviertel, wo 140 000 Quadratmeter Wohn- und Gewerbefläche geplant sind, soll auch eine neue Energiezentrale gebaut werden.

Und: Weil die neuen Gebäude dort im Sommer viel Kühlung brauchen, wollen die Stadtwerke diese ebenfalls liefern: als sogenannte „Fernkälte“.

Das Fernwärmenetz in der Stadt: Daten und Fakten


Wohngebiet Buch Das dortige Heizwerk stammt aus dem Jahr 1966, wurde anfangs mit Schweröl, dann mit Erdgas beheizt. Ab 1989 wurden drei Blockheizkraftwerke eingebaut, ab 2010 wurde eines auf die regenerative Energieart Biomethan umgestellt. Das Heizkraftwerk im Buch liefert heute Fernwärme für mehr als 240 Gebäude im Buch und im benachbarten Gewerbegebiet Laiern, die Netzlänge beträgt rund zehn Kilometer. Die Leistung im Jahr 2018: 37 700 Megawattstunden (MWh) Wärme, 18 500 MWh Strom.

Kreuzäcker/Innenstadt Das Heizwerk im Gebiet Kreuzäcker ging 1998 mit einem Holzhackschnitzelkessel und zwei Erdgas-/Heizölkesseln in Betrieb. 2005 wurde die 3,9 Kilometer lange Gasleitung von der Biogasanlage Sachsenheim dorthin verlegt, und in der Folge 2006 wurde ein Biogas-Blockheizkraftwerk eingebaut. In den Jahren 2011 bis 2013 wurde das Fernwärmenetz auf Teile der Innenstadt ausgedehnt, städtische Gebäude, die EgeTrans-Arena und der Badepark Ellental kamen hinzu. Um für die erforderliche Heizenergie zu sorgen, wurden ein neues Blockheizkraftwerk im Bad am Viadukt (2012) und in der alten Eishalle errichtet (2013). In den drei Kraftwerken werden aktuell Biogas, Biomethan, Erdgas und Holzhackschnitzel zur Energieerzeugung eingesetzt. Das Fernwärmenetz versorgt über 260 Gebäude und ist rund neun Kilometer lang (mit jeweils zwei Leitungen). 2018 wurden rund 21 500 (MWh) Wärme und 10 700 MWh Strom erzeugt.

Geplante Vorhaben Fest eingeplant ist der Einbau eines Blockheizkraftwerks im Heizkraftwerk Buch. Aus der Abfallvergärung wollen die Stadtwerke zusätzlich rund 32 G(iga)Wh Biomethan gewinnen. Ebenfalls fest steht der Anschluss des Lothar-Späth-Carrés und des Bogenviertels mit Wohn- und Gewerbefläche an das Fernwärmenetz. Letzteres erhält auch Fernkälte. In der weiteren Zukunft soll ein zweiter Heizkraftwerk-Standort beim derzeitigen Kraftwerksstandort der DLW mit innovativer Kraft-Wärme-Kopplung, Wärmespeicher und mehr realisiert werden. um