WM-Stammtisch Von vollen Hosen, Eiern und der unsichtbaren Nummer zehn

Bietigheim-Bissingen / Andreas Eberle 28.06.2018

Michael Gora trägt das Ausscheiden der deutschen Mannschaft bei der Fußball-WM in Russland mit Galgenhumor. „Ab jetzt kann ich nachmittags wieder in meinen Garten gehen und dort Darts spielen“, sagt der 57-jährige Bissinger nach dem 0:2 gegen Südkorea. „Einfach nur sprachlos“ ist Holger Conrad (54), Vorsitzender der SV Germania Bietigheim, der mit seinem Verein beim dritten und wider Erwarten letzten WM-Stammtisch der Bietigheimer Zeitung Gastgeber ist. „Die Mannschaft hat Tempo und Engagement vermissen lassen. Wir hätten noch eine Stunde spielen können und hätten kein Tor geschossen“, meint der Funktionär, nachdem er die Fassung wiedererlangt hat.

Rund 100 Fans verfolgen am Mittwochnachmittag beim Germania-Klubheim auf zwei Großbildleinwänden und drei Fernsehern das deutsche Desaster. Wie überall in der Republik herrscht kollektive Fassungslosigkeit. Michael Gora, Fan des VfB Stuttgart und des FSV 08 Bissingen, legt Bundestrainer Joachim Löw sogar den Abschied nahe: „Wenn er Eier in der Hose hat, tritt er zurück.“ Er ist vom Auftritt der DFB-Auswahl ebenfalls entsetzt. „Das war Stehfußball ohne Tempo und einfach nur grausam. Vom ersten Spiel an hat die Einstellung gefehlt“, so seine Kritik.

Mit der Aufstellung sorgt Löw beim Public Viewing schon vor dem Anpfiff für Stirnrunzeln. „Dass er auf fünf Positionen rotieren lässt, überrascht mich. Das machen Teams, die schon sechs Punkte auf dem Konto haben. Ich frage mich, ob er die Aufstellung auswürfelt“, sagt Oliver Häusler. Der zweite Vorsitzende der Germanen hätte lieber Leverkusens Julian Brandt („er ist jung und geht unbedarft an die Sache heran“) in der Startelf gesehen, tippt aber vor dem Spiel dennoch auf ein 3:1 für den Weltmeister.

Vor allem der in Ungnade gefallene Mesut Özil bekommt von den Experten und Fans sein Fett weg. „Unsere unsichtbare Nummer zehn spielt wieder“, grantelt der langjährige 08-Jugendcoach Gora. „Bei Özil geht heute nicht mal der Bewegungsmelder an“, stellt Häusler Mitte der zweiten Hälfte fest.

Beim 0:0 zur Pause ist die anfängliche Zuversicht unter den Schwarz-Rot-Gold-Anhängern im Ellental bereits erster Ernüchterung gewichen. „,Nur keine Fehler machen’ ist wohl die oberste Prämisse. Die Mannschaft ist total verunsichert und hat die Hose voll“, findet Holger Conrad und legt sich fest: „So, wie die bisher spielen, wird’s nicht reichen.“ Was würde er taktisch ändern, wenn er jetzt Löw wäre? Der SVG-Chef muss nicht lange überlegen: „Brandt früher bringen als bisher und Mario Gomez ins Sturmzentrum, dafür Timo Werner über außen kommen lassen.“ Millionen Hobby-Bundestrainer hätten wohl denselben Vorschlag.

Häusler relativiert seinen Tipp und hofft nach einer „richtigen Ansprache des Bundestrainers“ auf ein 1:0 und ein passendes Ergebnis im Parallelspiel zwischen Mexiko und Schweden, das ein Weiterkommen sichern würde. Die neue deutsche Bescheidenheit. Doch selbst daraus wird nichts. Am Ende steht das blamable Aus des Titelverteidigers als Tabellenletzter der Gruppe F.

Unerschütterlichen Optimismus verbreitet immerhin Sarina Rothenburger, die bereits vor dem Schlüsselspiel einen deutschen 5:0-Sieg vorhergesagt hat. „Dann werden wir eben 2022 wieder Weltmeister“, kündigt die 35-jährige Bietigheimerin an.

Düstere Vorahnung bestätigt sich

Das BZ-Orakel Jogi hat das Fiasko kommen sehen: Das Genter Bartkaninchen aus Sachsenheim prophezeite vor dem Duell gegen Südkorea ein 1:1 nach 90 Sekunden Möhrenfressen – ein Ergebnis, das für die deutsche Mannschaft ebenfalls das Aus bedeutet hätte. Erst in der Verlängerung, die es bei Gruppenspielen eigentlich gar nicht gibt, fraß sich Jogi zu einem 3:2-Sieg der DFB-Auswahl. Nun ist auch für das Kaninchen die WM vorzeitig vorbei. Wie es mit ihm weitergeht, lesen Sie in der Freitagsausgabe. Einen Artikel über den Deutschland-Fan Matthias Schnautz, der sein komplettes Wohnzimmer in Schwarz-Rot-Gold dekoriert hat, gibt es auf Seite 12. ae

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