Der Zuschauerraum im Forum am Schlosspark ist hell erleuchtet, während die Theaterbühne noch im Verborgenen liegt. Plötzlich erlöschen die Lichter im Saal. Ein Spot beleuchtet eine Figur, die sich auf einen Hocker am kaputten Klavier gesetzt hat. Sie ist bekleidet mit einem Kostüm in Pinktönen, das an den weiblichen Schoß erinnert. Auch ihr Gesicht ist mit einer pinkfarbenen Maske bedeckt. Ein unheimliches Wummern ist zu hören. Die Figur auf der Bühne zieht die Maske nun aus: eine Frau mit blonden, toupierten Haaren und sehr dunkel geschminkten Augen.

Mit seinem Stück „Am Königsweg“ legte das Badische Staatstheater Karlsruhe einen Stopp in Ludwigsburg ein. Das Stück entstammt der Feder von Elfriede Jelinek, der österreichischen Schriftstellerin, die 2004 den Nobelpreis für Literatur erhielt. Sie behandelt darin den unerwarteten und schnellen Aufstieg eines Herrschers. Genauer gesagt: Den unerwarteten Aufstieg des 45. Präsidenten der USA, Donald Trump.

Schweigen oder reden?

In dem Stück stellt die Hauptfigur, eine Autorin in pinkfarbenem Kostüm, Fragen zur Rolle der Frau in der Gesellschaft, zur Rolle der Kunst, zum Rechtspopulismus. Sie fragt, welcher Einstellung und Weltansicht es bedarf, um die Wahl eines solchen „Königs“ überhaupt zu ermöglichen. Und sie stellt die zwei essentiellen Fragen: Welche kritische Haltung der künstlerischen Stimme ist heute besser: Schweigen oder reden? Und wer hört überhaupt noch zu?

Fünf Männer erscheinen im Hintergrund. Sie sind in schwarzen Hosen und weißen Hemden gekleidet und bewegen sich verwirrt, fremdgesteuert wirkend, durch die grauen und schwarzen Blöcke auf der Bühne. Sie repräsentieren den „kleinen Mann“, der unzufrieden, unglücklich und ungehört ist. Eine riesige Leinwand hinter der Bühne projiziert im Stil eines alten Fernsehers, kombiniert mit einem lauten Rauschen, Wörter, die den Fortschritt des Königs auf seinem Weg benennen: „Vorkampf“, „Wahrheit“, „Ergebnis“, „Besinnungslosigkeit“. Die Hauptfigur, gespielt von Ute Baggeröhr, spricht indes weiter ihren Monolog, erklärt ihre Gedankengänge, während sie das unaufhaltsame Aufstreben des Königs beobachtet. Sie ist laut, dynamisch, wütend, lustig, sarkastisch, skeptisch.

Regie führte die slowakische Regisseurin, Autorin und Schauspielerin Sláva Daubnerová. „Am Königsweg“ war ihre erste Inszenierung in Deutschland. Jelineks Stück gibt keine Rollen vor. Diese Freiheit nutzte Daubnerová, um sich über die Kanäle Sound, Bühnenbild, Stimme, Kostüm, Licht, Choreographie und Video regelrecht auszutoben.

Die fünf Männer verschwinden von der Bühne, tauchen kurze Zeit später wieder auf. Nun tragen sie goldfarbene, freizügige Badeanzüge. Lorbeerkränze zieren ihre Köpfe. Der „König“ hat seine Anhänger gefunden. Sie werden nun gehört, sind nicht mehr unzufrieden, unglücklich und ungehört. Sie fühlen sich wie Götter, benehmen sich auch so. Die Hauptfigur erkennt nun langsam die Gefahr, die hinter dem mächtigen Aufstieg des Herrschers steckt. Kurze Zeit später ist die pinkfarbene Figur wieder alleine. Das Klavier nutzt sie ausgiebig: Sie bewegt sich darauf, nimmt mal hier, mal da darauf Platz. Das Klavier könnte als Art Keyboard eines Computers fungieren, das nun schon „angeknackst“ ist und ihre Freiheit als Autorin einschränkt.

Das Stück „Am Königsweg“ ist nervenaufreibend, modern, skurril und rutscht teilweise in die Absurdität. Die Inszenierung ist eigenartig einzigartig, kraftvoll und modern. Das Schauspiel ist erstklassig und zeugt von harter Arbeit und sehr präzisem Timing. Die gesamte Szenerie, kombiniert mit dem Schauspiel und der genutzten Technik, bringt das Publikum dazu, über die gesamte Zeit zu verstummen, um in Ehrfurcht und mit Spannung das große Spektakel zu beobachten.

Die Thematik ist nicht nur auf die Gegenwart, sondern auch auf vergangene Herrscher der Weltgeschichte zu übertragen, was sie absolut zeitlos macht.