Ein kurzes „Keck“, ein erhobener Zeigefinger und der Golden Retriever Keck weiß sofort, was sein Besitzer Christian Laage von ihm möchte. Er springt mit seinen Vorderpfoten auf dessen Beine und nimmt ihm die Mütze ab. Auch seine Schuhe kann er ausziehen oder die Trinkflasche in die Küche bringen. Keck ist ein ausgebildeter Assistenzhund, doch tatsächlich ist er für Christian Laage noch so viel mehr, erzählt seine Mutter Beate Laage: „Er ist Freund, Partner und ein Begleiter.“

Der 19-Jährige wurde mit der neurologischen Erkrankung Ataxia teleangiectatica geboren. „Es wird auch Louis-Bar-Syndrom genannt und ist sehr selten“, erklärt Beate Laage. Die Krankheit betrifft hauptsächlich das Kleinhirn, das für die gesamte Motorik verantwortlich ist. So ist der Bietigheimer seit er fünf Jahre alt ist auf Gehhilfen angewiesen. Zunächst auf einen Rollator, seit zehn Jahren sitzt Christian Laage im Rollstuhl. Genau dieser progressive Verlauf seiner Krankheit ließ in dem Bietigheimer den Wunsch aufkommen, einen Assistenzhund zu haben. Ein Assistenzhund, wie der Name schon sagt, assistiert einem Menschen mit Behinderung und hilft ihm im Alltag.

Ausschlaggebendes Argument

2008 war die Familie auf einer Reha-Messe in Karlsruhe und dort hatte der Verein Vita Assistenzhunde einen Stand, bei dem er seine Hunde und Teams präsentierte. „Ich fand es toll, aber selbst einen Hund zu haben, ist etwas anderes“, war Beate Laage zunächst skeptisch, „es ist eine große Aufgabe“. Ihr Mann Andreas Laage und ihr Sohn überzeugten sie jedoch vom großen Nutzen eines solchen Hundes und die Bereicherung, die er mitbringt. „Ich weiß, dass sich meine Behinderung verändert“, sagte der damals Achtjährige zu seiner Mutter, weil er durch einen Schulfreund erlebte, wie sich seine Bewegungsfreiheit weiter einschränken werde. Das war für Beate Laage das ausschlaggebende Argument.

Denn genau da kommt Keck ins Spiel: Der Golden Retriever macht Reißverschlüsse auf, zieht Handschuhe aus, hilft Christian Laage beim Umziehen oder hebt Dinge vom Boden auf. „Ich lass ihn bellen, damit Mama weiß, wann sie zum Zähneputzen kommen kann“, erzählt der 19-Jährige beispielsweise von seiner Waschroutine vor dem Zubettgehen. Doch Keck ist viel mehr als nur ein Assistenzhund: „Er ist ein Therapeut auf vier Pfoten“, sagt die 54-Jährige, „wie sich Christian durch Keck entwickelt hat, lässt sich mit Geld nicht aufwiegen“, spricht sie die intensive und kostspielige Ausbildung Kecks an, die größtenteils von Spendern und Sponsoren und, soweit möglich, auch durch Eigenmittel bezahlt wird (siehe Infokasten).

Der Wunsch nach einem Assistenzhund ist die eine Sache, die Zusammenführung von Hund und neuem Besitzer eine andere. Nachdem sich die Familie für einen Assistenzhund entschieden hatte, füllte sie bei einem Vita-Treffen einen Bewerberbogen aus. Zwei Jahre hat es gedauert, bis es zur Zusammenführung kam. Denn, ob Hund und Besitzer zusammen passen, hängt von vielen Faktoren ab. „Die emotionale Bindung steht im Vordergrund“, erklärt Beate Laage. „Keck ist sehr sensibel. Wenn Christian länger für einen Befehl braucht, dann ist Keck ganz geduldig und wartet.“ Auch die Art der Behinderung und die Hunderasse spielen eine Rolle. „Nicht alle Hunde sind gleich geeignet.“ Der Verein arbeitet ausschließlich mit Golden und Labrador Retrievern, die sich gut für die Arbeit mit Menschen eignen und schon als Welpe einen Eignungstest durchlaufen. Diese beiden Rassen haben den sogenannten „will to please“. Diese Eigenschaft, bedeutet, dass der Hund dem Menschen gefallen möchte. Das merkt man auch Keck an. Der verschmuste Rüde ist aufmerksam und wartet geradezu auf einen neuen Befehl.

Lebenslange Betreuung

Die Verbindung der beiden ist groß – nicht nur, weil sich Christian Laage einen weißen Hund gewünscht hatte und überglücklich über den verschmusten Keck mit seinem weichen Fell ist. „Die Hunde müssen ein Gespür für den Partner und dessen Bedürfnisse finden“, erklärt Beate Laage die Verbindung. Daran arbeitet das Team ständig und das wird von Vita auch vorausgesetzt. „Der Verein betreut beide ein Hundeleben lang“, sagt die Mutter. Jedes Jahr gibt es mindestens zwei Nachbetreuungen, bei denen etwa getestet wird, ob sich beispielsweise etwas in der Behinderung verändert hat und der Hund etwas Neues lernen muss. „Ich habe ihm beigebracht, den Pulli über den Kopf auszuziehen“, erzählt Christian Laage stolz über seinen elfjährigen Rüden. Zudem gibt es jedes zweite Jahr einen Teamqualifikationstest. Dabei wird geprüft, ob die Teams, die mindestens ein Jahr zusammenleben, auch den Standards von Vita und denen des Dachverbands Assisted Dogs International entsprechen. „Der Test dauert zweieinhalb Tage und beinhaltet einen praktischen und einen theoretischen Teil“, erklärt die Bietigheimerin. Der Mensch muss beispielsweise einen Verband anlegen, Vitalzeichen und Zahnfleisch prüfen können. Beim Hund wird zum Beispiel sein Grundgehorsam oder sein Verhalten bei Betreten eines Geschäfts geprüft. „Fuß gehen, ist ein Thema, an dem wir immer dran bleiben müssen“, sagt Beate Laage. Da Christian Laage im Rollstuhl sitzt, kann Keck nicht auf die Bewegung der Beine achten, um neben seinem Herrchen zu laufen.

Gar nicht rausgehen, ist dabei keine Lösung. „Mit Keck muss er raus“, sagt seine Mutter. Doch der Hund gebe ihm Unabhängigkeit und Sicherheit. Seitdem gehe er viel öfter auch alleine in Geschäfte, zur Apotheke oder eben Gassi.

„Wenn ich ohne Hund da bin, sind sie eher schüchtern“, sagt Christian Laage über die Reaktionen der Mitbürger, wenn er beispielsweise in der Apotheke ist. Mit Hund sehen sie ihn als Hundebesitzer und nicht als Rollstuhlfahrer. „Er wird viel öfter angesprochen“, weiß Beate Laage, „früher hat er das nicht gemocht. Durch den Hund wird er aber gefordert und gefördert.“ Das sei eine tolle Sache, denn mit dem Hund sei er nicht allein und traue sich mehr, sagt Beate Laage und ihr Sohn ergänzt: „Ich genieße das Rausgehen“, sagt der 19-Jährige, „ich fühle mich frei, wenn ich Keck im Freilauf habe.“

Die Ausbildung zum Assistenzhund


Der Verein Vita Assistenzhunde ist ein gemeinnütziger Verein, der Assistenzhunde ausbildet, sie mit Menschen mit körperlicher Behinderung zusammenbringt und die Teams dann auch weiter betreut. Vita wurde 2000 von der Diplom-Sozialpädagogin Tatjana Kreidler gegründet und leistete vor allem mit der Ausbildung von Hunden für Kinder Pionierarbeit. Knapp 60 Teams konnten nach Vereinsangaben seither zusammengeführt werden, davon sind mehr als die Hälfte Kinderteams.

Die Assistenzhund-Ausbildung beginnt mit der richtigen Auswahl der Welpen. Dabei sind das Wesen und die Gesundheit der Elterntiere wichtig, sowie der Charakter des Welpen. Mit zirka acht Wochen kommen die Welpen für 12 bis 15 Monate zu ausgewählten Paten, wo sie aufwachsen und spielerisch an ihre Umwelt herangeführt werden. Die Paten werden von einem Vita-Ausbilder betreut. Die eigentliche Ausbildung gliedert sich in zwei Phasen und dauert sechs bis zehn Monate. In der ersten Phase lernen alle Hunde die sogenannten Basics und in der zweiten Phase folgt das Fortgeschrittenen-Training, in dem sie dann gezielt auf ihre individuellen Aufgaben vorbereitet werden. Dann wird auch das zueinander passende Mensch-Hund-Team ermittelt. Diese Zusammenführung dauert zirka vier bis sechs Wochen. Während dieser Zeit lernen beide den Umgang miteinander und müssen nun im Alltag zusammenwachsen. Die Teams werden vom Verein regelmäßig nachbetreut und geschult.

Der Verein Vita erhält für seine Arbeit keine öffentlichen Fördermittel, auch die Krankenkassen übernehmen keine Kosten für beispielsweise die Ausbildung. Der Verein finanziert sich ausschließlich über Spenden, Fördermitglieder und Sponsoren. Ein ausgebildeter Assistenzhund kostet im Durchschnitt 25 000 Euro – eine Summe, die kaum einer der Bewerber aufbringen kann, so Vita. Weitere Infos gibt es online. rwe

www.vita-assistenzhunde.de