An der Außenfassade sind Steine abgebrochen, durch große Löcher kann man nach innen schauen. Stützpfeiler halten die Wand, die sonst vermutlich einstürzen würde. Zwar ist vieles davon seit gut einem halben Jahr von einem Baugerüst rund um das Haus abgeschirmt, aber es wird klar: Die Bietigheimer Wohnbau hat in der Flößerstraße 51 in Bissingen viel zu tun.

Schon seit 2016 steht an der Westseite ein Gerüst. Seit Sommer dieses Jahres ist das ganze Gebäude eingerüstet. Das alte Rathaus Bissingens wird von der Bietigheimer Wohnbau saniert. Ende 2020 soll das denkmalgeschützte Haus fertig für den Einzug sein. Noch sieht es auf der Baustelle nicht danach aus. Am Mittwoch machte sich Oberbürgermeister Jürgen Kessing ein Bild von der Baustelle. Die BZ war dabei.

Draußen auf einem der vielen sogenannten Kriechkeller ist die Jahreszahl 1569 in Stein gemeißelt. Doch der zweistöckige verputzte Fachwerkbau hat nur noch wenig aus seinem Baujahr. „Das Haus geht im Kern wohl in diese Zeit zurück, zeigt heute jedoch den Zustand des 18. Jahrhunderts“, erklärt Achim Wilhelm, Projektleiter bei der Bietigheimer Wohnbau (BW). So handhabt es auch das Denkmalschutzamt, mit dem die BW eng zusammenarbeiten muss. Entnommene Steine müssen beispielsweise wieder verbaut werden und bei den Holzbalken aus Fichte und Eiche, die teilweise verrottet und mit Pilz befallen waren, verwendet die Wohnbau ebenfalls Fichte und Eiche aus dem Schwarzwald.

1,5 Millionen Euro Kosten

Der große Sanierungsaufwand und die damit verbundenen Kosten waren auch der Grund, warum die Stadt Bietigheim-Bissingen vor gut drei Jahren beschlossen hatte, das Gebäude der Wohnbau zu verkaufen. 1,2 Millionen Euro werde der Umbau nach bisherigen Schätzungen kosten. Mit Grundstückskaufpreis investiert die BW rund 1,5 Millionen Euro. Die könne diese Sanierungsmittel abrufen, sagte OB Kessing zur damaligen Entscheidung. Anfang 2016 wurden Schäden an der Fassade und Konstruktion festgestellt und das Fachwerk freigelegt. Seitdem ist der Westgiebel eingerüstet. Da das Gebäude zu dem Zeitpunkt bewohnt war, war die Sanierung nicht aufschiebbar, so die Stadt damals.

In drei Wohnungen waren zum einen die psychologische Beratungsstelle des Landkreises Ludwigsburg untergebracht und eine Mutter mit ihrem neunjährigen Sohn. Zwar musste die Familie für circa zwei Monate in Bietigheim wohnen, doch konnte die Wohnbau Mitte September eine Wohnung in Bissingen finden. So blieb dem Kind der Schulwechsel erspart, den seine Großmutter befürchtete (die BZ berichtete).

Seit Sommer dieses Jahres also saniert die BW das historische Bauwerk und schnell wurde klar: „Hier ist einiges im Instandhaltungsstau“, sagt Wilhelm. Doch vieles davon wurde erst während der Bauarbeiten klar. Alle tragenden Teile mussten beispielsweise frei gemacht werden. Da entdeckten die Bauarbeiter abgesägte Träger, Pfeiler, die ins Nichts führten, und dadurch auch einen unebenen Boden.

Das meiste Geld werden die Arbeiten an der Statik kosten, erklärt Werner König, Abteilungsleiter Projektentwicklung. „Es ist einiges an Geld, was wir hier investieren“, sagt er auch in Bezug auf den denkmalgerechten Umbau. “Auf den Quadratmeter gerechnet, sind die Baukosten höher als beim Sky-Tower“, sagt BW-Geschäftsführer Carsten Schüler. „Auch das ist ein Beweis dafür, dass uns Bissingen am Herzen liegt“, kann sich Kessing nicht verkneifen.

Altes Handwerk

Dass alte Handwerkskunst erhaltungswürdig ist, wird im Bereich Schallschutz klar. Früher wurden Strohmatten verbaut. „Die bleiben auch drin“, sagt Achim Wilhelm, da sie auch heute noch die Richtwerte der aktuellen Bestimmungen halten. „Wir wollen und sollen so viel historische Substanz erhalten, wie möglich“, fügt König hinzu. Hier sei vor allem Handwerk gefragt. Sowohl der zuständige Zimmermann, als auch der Statiker sind auf alte Fachwerkhäuser spezialisiert, sagt König. So beispielsweise auch beim historischen Dachstuhl. „Hier ist der Glockenturm“, zeigt Wilhelm auf die Westseite, wo mittlerweile keine Glocke mehr ist.

Nach der BW-Sanierung wird es im Dachstuhl Abstellflächen für die Bewohner geben. Geplant sind zwei Zwei-Zimmer-Wohnungen im Erdgeschoss mit circa 31 und 37 Quadratmetern. Eine Vier-Zimmer-Wohnung mit 98 Quadratmetern im Obergeschoss und eine Drei-Zimmer-Wohnung, 82 Quadratmeter, im ersten Dachgeschoss. Die BW versuche den Preis bei zehn Euro pro Quadratmeter zu halten, sagt Schüler.

Altes Rathaus: 450 Jahre Geschichte in Kurzform


Das steinerne Kellergeschoss des alten Rathauses in der Flößerstraße 51 in Bissingen stammt aus dem 16. Jahrhundert. Dazu passt die Jahreszahl 1569 über einem Kellereingang und es gibt schriftliche Belege, dass Bissingen bereits um 1569 ein Rathaus hatte, teilt Stadtarchivarin Sonja Eisele mit. Nach Zerstörung im 17. Jahrhundert wurde das Gebäude in seiner heutigen Form über dem steinernen Kellergeschoss um 1722/23 neu aufgebaut.

Um 1808 wurden Erneuerungen am Rathaus durchgeführt. An der Westseite des Rathauses war bis 1908 das Feuerwehrmagazin angebaut. 1936 wurde das Dach ausgebaut, um mehr Platz für die Verwaltung zu gewinnen. 1942 wurde an der Westseite ein Brunnen und eine Bank errichtet, als Ersatz für den alten Rathausbrunnen auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Dieser Brunnen wird von der Bietigheimer Wohnbau für die Bewohner wiederhergestellt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wuchs die Bevölkerung – und damit auch die Verwaltungsaufgaben. Das alte Rathaus wurde zu klein. 1968 zog die Verwaltung ins neue Bissinger Rathaus, den „Blauen Bock“, um. Im alten Rathaus wurden Wohnungen eingebaut. Diese Nutzung wird auch künftig beibehalten. rwe