Serie Alleinstellungsmerkmal Linolschnitt

Gerade zurück aus Reutlingen, schon auf dem Weg ins Grafikdepot. Wie HAP Grieshabers Zyklus der Josefslegende gehen viele Linolwerke aus der Sammlung der Städtischen Galerie zeitweise in andere Ausstellungen.
Gerade zurück aus Reutlingen, schon auf dem Weg ins Grafikdepot. Wie HAP Grieshabers Zyklus der Josefslegende gehen viele Linolwerke aus der Sammlung der Städtischen Galerie zeitweise in andere Ausstellungen. © Foto: Werner Kuhnle
Bietigheim-Bissingen / Gabriele Szczegulski 02.05.2018

Nein“, sagt Isabell Schenk-Weininger, Leiterin der Städtischen Galerie Bietigheim-Bissingen, „mir ist nicht bekannt, dass es weltweit außer uns noch ein Museum oder eine Galerie gibt, die Linolkunst als Sammelschwerpunkt hat.“ 1989, als die Galerie Bietigheim-Bissingen gegründet wurde, legte der Gemeinderat schriftlich eine Konzeption fest: Gesammelt werden sollten Werke regionaler Künstler und Linolschnitt. „Es macht Sinn, in der Stadt des Linoleums, in der die Deutschen Linoleumwerke (DLW) Industriegeschichte schrieben, auch ein besonderes Augenwerk auf künstlerische Linolschnitte zu legen“, sagt Schenk-Weininger. „DLW ist natürlich das ideelle Rückgrat dieser Sammlung“, so die Galerieleiterin, „mit dem Verschwinden der DLW-Werke aus der Stadt durch die Insolvenz ist ein Teil der Linoleumgeschichte verschwunden, wir versuchen diese weiter zu erhalten.“

Der Linolschnitt wird weiter Sammlungsschwerpunkt bleiben, „denn dadurch hat die Städtische Galerie das Alleinstellungsmerkmal im Linolschnitt“, erklärt die Kunsthistorikerin. Zwar, so sagt Schenk-Weininger, sammle man auch, das ist der zweite Schwerpunkt, regionale Kunst, aber der Linolschnitt trage den Namen Bietigheims in alle Welt. „Wir bekommen Anfragen wegen Leihgaben von überallher“. Gerade eben sind fünf Blätter aus dem Besitz der Galerie zurückgekommen:  Der Zyklus zur Josefslegende von HAP Grieshaber wurde an die Galerie Spendhaus in Reutlingen entliehen, das Herbert Eichhorn, Schenk-Weiningers Vorgänger im Amt, leitet.

Werke von 300 Künstlern, mehrere Tausend Blätter lagern in den Grafikschubladen bei 20 Grad Temperatur und 50 Prozent Luftfeuchtigkeit. Die Galerieleiterin und ihr Team legen aber Wert darauf, dass sie immer wieder in Ausstellungen zu sehen sind.

Die Sammlung füllt sich, so Isabell Schenk-Weininger durch die alle drei Jahre durchgeführten Linolschnitt-Wettbewerbe „Linolschnitt heute“ quasi wie von selbst. „Der Wettbewerb ist eine Möglichkeit, Werke aus der aktuellen Arbeit von Künstlern aus aller Welt zu sammeln und so die ganze Bandbreite des Linolschnitts zu bewahren und zu erforschen“, sagt sie.

Denn neben dem Preisgeld von insgesamt 10 000 Euro, das seither von DLW kam und künftig von der Stadt übernommen wird, werden die Werke der Preisträger angekauft und die Jury sucht Werke aus, die sogenannten Juryankäufe.

30 000 Euro jährlich stehen Isabell Schenk-Weininger für Ankäufe zur Verfügung. Im zeitgenössischen Linolschnitt habe die Bietigheimer Galerie sich spezialisiert. „Zu den Wettbewerben bekommen wir 300 bis 500 Bewerbungen aus der ganzen Welt, nicht nur aus Europa, auch aus Australien oder Indien und China.“ Linolschnitte aus früheren Epochen werden in Auktionen oder von Galerien gekauft.

Kunst aus Stasi-Fußboden

Manchmal sind es aber auch Zufälle: In einer früheren Ausstellung war der Künstler Malte Sartorius, Professor an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig, vertreten. „Im Gespräch stellte sich heraus, dass er ein großer Linoldrucker ist, also kauften wir direkt bei ihm einige Werke“.

Ein guter Schachzug, denn im September 2017 verstarb Sartorius, und seine Werke steigen im Preis. In der Sammlung sind auch außergewöhnliche Stücke wie von Thomas Kilper, der seine Werke aus dem Linoleumfußboden der Stasi-Zentrale in Berlin schnitzte.  Natürlich dürfen Künstler der Klassischen Moderne nicht fehlen: Es gibt Werke von Ernst Ludwig Kirchner, Georg Tappert, August Macke, Pablo Picasso oder Gabriele Münter.  Seit 2016 tourt eine Ausstellung der Galerie aus Anlass des zehnten Linolschnittwettbewerbs „1989 bis heute“ durch Deutschland. Sie macht deutlich: Linolschnitt geht nur mit der Bietigheim-Bissinger Galerie.

Die Städtische Galerie und die Deutschen Linoleumwerke in Bietigheim

Die erste Linoleumfabrik wurde 1864 gegründet. Zu Anfang des 20. Jahrhunderts wurde es auch zum wichtigen Bestandteil zeitgenössischer Architektur: Bruno Taut, Henry van de Velde, Peter Behrens, Ludwig Mies van der Rohe und Walter Gropius haben den Bodenbelag, der sich aus den nachhaltigen Rohstoffen Leinöl, Korkmehl und Harzen herstellen lässt, mitgestaltet. 

Seit der Klassischen Moderne haben sich bildende Künstler das Linoleum zu Nutze gemacht, darunter Gabriele Münter, August Macke, Christian Rohlfs, Henri Matisse, Marc Chagall und nicht zuletzt Pablo Picasso, der mit dieser Hochdrucktechnik außergewöhnliche Werke schuf.

Im Zuge des Grafikbooms und speziell der Neuentdeckung des Hochdrucks in den 1980er-Jahren wandten dann Künstler wie Georg Baselitz oder Markus Lüpertz Holz- und Linolschnitt parallel an und der Umgang mit der Technik wurde unbefangener.

Die einzigartige Sammlung der Städtischen Galerie Bietigheim-Bissingen beinhaltet Linolschnitte von 300 Künstlern aus allen Epochen und bietet einen repräsentativen Querschnitt von 1900 bis heute. sz