Altstadtfest Wunderland: Alice wäre begeistert

Bietigheim-Bissingen / Susanne Yvette Walter 16.07.2018

Alice schlendert durch das Wunderland, lässt sich treiben, hat keine Ahnung, was auf sie zukommt und erlebt eine Überraschung nach der nächstes. So oder ähnlich begab sich auch am Samstag, dem dritten Wunderland-Tag, so mancher Besucher  auf die Reise durch die Bühnenlandschaft der Bietigheimer Altstadt – und begegnete fantasievollen Kostümen und Künstlern: dem Duo Hochformat zum Beispiel, zwei Frauen auf Spinnenbeinen, die wie überdimensionale Waldeselfen, mit Moos und Rosen bedeckt über das Kopfsteinpflaster stolzierten.

Der skurrile Unsinn

Es gab natürlich auch die Wunderland-Besucher, die sich gezielt mit dem Programm in der Hand aus der Angebotsfülle das aussuchten, was sie interessierte. Doch auch sie waren vor Überraschungen nicht gefeit. Es wäre schließlich kein Panoptikum, dieses zehnte Wunderland in Bietigheim, wenn nicht der skurrile Unsinn ein Wörtchen mitzureden hätte: Da kutschierte Godelieve ein androgynes Geschöpf wie aus Porzellan, in einem sonderbaren Vehikel durch die Altstadt – mit einer Riesentrommel aus Plastik im Gepäck.

Die Darsteller und Musiker auf den fünf Bühnen zogen sofort eine Traube Zuschauern an. In gespannter Vorfreude saßen am Samstagabend viele am Marktplatz und freuten sich auf das Martin-Schmitt-Quartett mit seinem Programm „Von Kopf bis Blues“. Versprochen war: Lyrischer Boogie-Woogie-Blues und eine Mischung aus eigenen bayerischen Songs und Gedichten als „lyrisches Schmiermittel“. „Das geht sicher in die Beine“, meinte Gudrun Straub aus Ludwigsburg und rieb sich schon mal die Waden. Zu selben Zeit war im Rathaushof selbst der letzte Platz belegt, denn das Theater Lindenhof servierte „Spätzle mit Soß – eine heitere Schwabenkunde“. Im rosa und im grünen Anzug philosophierten Berthold Biesinger und Bernhard Hurm über das Privileg, ein Schwabe zu sein, während am Kronenplatz die gute Laune fast schon überschäumte, als das Sextett Pigeons on the Gate als feste Größe der Schweizer Folkszene irische Traditionals in die Altstadt streute.

Es wäre kein Wunderland, wenn nicht schon die Kleinsten ihr blaues Wunder erleben könnten. Am Fräuleinsbrunnen jonglierte This Maag mit der Menschenmenge. Der gebürtige Schweizer hat Erfahrung, er ist seit 25 Jahren auf den Straßen Europas unterwegs. Sein Besuch in Bietigheim wurde für den erfahrenen Straßenkünstler allerdings schnell selbst zum Höhenflug, denn dort  begegnete er Bastian, einem kleinen Jungen, den der Straßenkünstler in seine Show am Fräuleinsbrunnen einbauen wollte. Im Handumdrehen baute Bastian den Künstler in seine eigene Show ein. Er machte ihn nach, entwickelte spontan ein tolles Talent, so dass der Schweizer Profi nur noch fragte, wem „dieses intelligente Kind gehört“.

Auf den Enzwiesen gastierte der Kölner Spielecircus. Im Schlosshof gab es am Samstagabend Punkbased Singer-Songwriter-Folk-and-Country Rock mit North Alone – einer Band, die genau das servierte, was sie angekündigt hatte. Aus jedem Genre waren beim Best off Musiker und Sprachkünstler vertreten. Dazwischen bestimmten Spontangeister die bunte Szenerie, wie etwa Kebba Silka, der Afrikaner, der offiziell zwar nicht ins Programm gehörte und trotzdem die ganze Gluthitze seiner Heimat aus seiner Djembe lockte.

Rock und Roll und Kammermusik des 21. Jahrhunderts und Gypsy Swing vom Orchestra Mondo, Tommy Schneller als lebende R’n’B Legende und Bluesrock von Woodstock-Gitarren-Adel, der Miller Anderson Band – ein Füllhorn an Künstlern und an Leckerbissen aus der Kleinkunstszene ergoss sich über drei Tage hinweg auf die Gäste. Ein Wunderland eben.

Info Mehr Bilder auch vom Freitag gibt es in der Online-Bildergalerie.

www.bietigheimerzeitung.de

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