Bietigheim-Bissingen / MARTIN TRÖSTER  Uhr
Auch am zweiten Akademietag gab es hochkarätige Vorträge über das Thema "Weltordnung im Umbruch?". Dieses Mal ging es um die Zukunft der EU, das Drama im Nahen Osten und darum, wie Computertechnik Leben und Politik prägt.

Falls er es wirklich durchzieht, ist der erste Vortrag am zweiten Akademietag der letzte einer glanzvollen Karriere. Der preisgekrönte Fernsehjournalist Ulrich Tilgner sprach am Mittwoch über die Krisensituation im Nahen und Mittleren Osten - eine Dauerbaustelle, wenn es um den Frieden in der Welt geht, als Thema ein Muss in einer Vortragsreihe, die sich dem Motto "Weltordnung im Umbruch?" verschrieben hat. Doch warum will der ehemalige ZDF-Korrespondent, seit Anfang des Jahres in Rente, jetzt keine Vorträge mehr über sein Spezialgebiet halten? "Ich traue es mir nicht mehr zu."

Der Grund: Es sei extrem schwierig, sich über die Lage in der Region nicht vor Ort, sondern lediglich über europäische Medien zu informieren. "Und ich habe keine Lust mehr, das Internet abzugrasen." Einmal noch redet er also öffentlich über die Krise, die ihn, wie er fürchtet, überdauern wird.

Sprachen am ersten Akademietag drei Politikprofessoren über Stärken und Streben der Mächte Russland, China und USA, sind am Mittwoch eher die Praktiker dran. Und die äußern sich gern einen Tick zugespitzter.

Dass Tilgners kraftvoller, anekdotenreicher Vortrag am Mittwoch die lebendigste Beachtung findet, hat natürlich auch damit zu tun, dass er unweigerlich und mehrfach das Thema Flüchtlinge streift. Wann immer Tilgner darauf zu sprechen kommt, hallt dröhnendes Gemurmel oder nicht einmal der kleinste Mucks durch das voll besetze Kronenzentrum. Dazwischen: nichts.

Tilgner versprüht einen gedämpften Optimismus: Ein dauernder Krisenherd sei die arabisch-islamische Welt wohl nicht, langfristig gebe es durchaus Hoffnung: "Weil sich der Wunsch der Menschen nach Veränderung nicht aufhalten lässt und sich die junge Generation der Städte durchsetzen wird." Derzeit allerdings sehe sie die Lösung ihrer Probleme vor allem in der Flucht.

Der IS zumindest hat aus Tilgners Sicht seinen Zenit überschritten: "Die Lebensverhältnisse im Herrschaftsgebiet des IS sind heute extrem unattraktiv." Und so reich, wie oft behauptet wird, sei die Terrormiliz nun auch nicht: Viel zu ineffizient verlaufe ihr Ölgeschäft.

Auch Werner Weidenfeld kommt auf die Flüchtlingskrise zu sprechen. Allerdings bezieht er sich zusätzlich noch auf andere Krisen, mit denen die EU derzeit in nicht geringer Zahl und Stärke gesegnet ist - Griechenland zum Beispiel kostet ja weiterhin viel Geld, auch wenn daran derzeit keiner denkt. Weidenfeld ist Politikprofessor, Politikberater und war von 1987 bis 1999 Koordinator der Bundesregierung für die deutsch-amerikanische Zusammenarbeit. Er hat Meilensteine der EU-Politik mitgestaltet - so hat er Verhandlungen über den Euro vorbereitet. Nun spricht er über eine denkbare Zukunftsstrategie der EU.

Weidenfeld hat eine einigermaßen frohe Kernbotschaft: In einem Abriss über die Geschichte der EU zeigt er, dass fast nur in Krisenzeiten wegweisende Politik zuwege gekommen ist: "Einfach war Europa nie." Weil, sinngemäß, Europa außerdem noch nie so schwer zu verstehen war wie heute, appelliert er an die Politiker: Die Macht gehöre auch dem, der den Menschen erklären kann, was Sache ist. "Wenn ich verstehe, was da läuft, wird mir die Angst genommen." Sonst übernähmen in diesem "Zeitalter der Konfusion" die Rechtspopulisten.

Und noch etwas Zentrales zur Flüchtlingskrise sagt Weidenfeld: Europa müsse vorausschauender in seiner Außenpolitik agieren. "Wir wenden uns erst den Herkunftsländern der Flüchtlinge zu, wenn es dort schon kracht. Dann ist es zu spät." Die weltpolitische Mitverantwortung der EU sei ein großes Thema der Zukunft des Kontinents.

Weil politische Umbrüche immer auch eine Folge der Technik sind, die eine Gesellschaft prägen, war es seitens der Macher der Akademietage ein weiser Schritt, einen IT-Experten als Referenten zu gewinnen. Der Bietigheim-Bissinger Roger Knorr ist promovierter Informatiker und verdient sein Geld bei IBM.

Knorr zeigt anschaulich die Sprengkraft moderner Technik: ob nun Obama seinen Wahlkampf zu einem großen Teil über Facebook hat laufen lassen, oder ob die mobile Kommunikation den Arabischen Frühling befeuert hat. Und: Die Drohnenschläge der US-Luftwaffe, deren Bedeutung auch Tilgner betont hat, wären ohne die moderne Technik namens Big Data unmöglich. Der IBM-Experte Knorr spricht über Big Data und darüber, wie dieses Phänomen die Welt verändert, widmet sich dabei jedoch mehr den Chancen als den Risiken. Big Data, das sind einerseits die riesigen Datenmengen, die Menschen mit Maschinen täglich herstellen: etwa über das Handy oder sogar mit Apparaten auf der Säuglingsstation, die Daten der Babys sammeln und Krankheitsverläufe vorhersagen. Der Begriff Big Data benennt also auch die Chance, all diese Daten blitzschnell zu analysieren. Zum Guten oder zum Schlechten. Die NSA-Debatte lässt grüßen.

Info
300 Zuschauer hatten für die zweitägige Vortragsreihe "Akademietage" im Bietigheim-Bissinger Kronenzentrum Tickets gekauft. So viele wie noch nie. Veranstalter sind die Stadt, die Schiller-VHS des Landkreises und der Dachverband für Seniorenarbeit. Die BZ unterstützt die Akademietage.