Sorge ja, Panik nein – so könnte Professor Dr. Gerald H. Haugs Vortrag kurz zusammengefasst werden. Könnte, doch das Thema Klimawandel ist nicht so einfach, vor allem nicht aus geowissenschaftlicher Sicht – das Thema seines Vortrags. Haug ist Geologe und befasst sich, wie er sagt, vor allem mit der Erdklimageschichte. Der Direktor der Abteilung Klimageochemie am Max-Planck-
Institut für Chemie in Mainz eröffnete am Dienstagmorgen die diesjährigen Bietigheim-Bissinger Akademietage, der Schiller-Volkshochschule Landkreis Ludwigsburg in Zusammenarbeit mit der Stadt und dem Dachverband Seniorenarbeit Bietigheim-Bissingen sowie der BZ.

Gleich zu Beginn sagte Gerald H. Haug: „Man darf manchmal nicht so aufgeregt sein, aber glauben Sie nicht, dass ich ein Klimaskeptiker bin.“ Denn eine Sache zeigte er in seinem Vortrag deutlich: Bei der Veränderung des Klimas spielt der Mensch eine entscheidende Rolle und leider vor allem eine negative. „Ich denke, wir sollten etwas tun“, nimmt er sein Fazit vorweg. Seit Jahren schon ist er davon überzeugt. Mehr noch: Noch vor zehn Jahren war er davon überzeugt, dass die Menschheit den „Turnaround“ (Umschwung) noch schaffen kann. Heute sagt Haug: „Wir waren nie weiter weg vom ‚Turnaround’“. Gerade auch deswegen sei das Zwei-Grad-Ziel so wichtig.

Geschmolzenes Meereseis

Auf der Pariser UN-Klimakonferenz 2015 wurde völkerrechtlich bindend festgelegt, dass die menschengemachte globale Erwärmung auf zwei Grad begrenzt werden soll. „Dieses Klimaabkommen hat Trump erst heute gekündigt. Aber wir wollen ja Teil einer zivilisierten Gesellschaft sein“, kritisierte Haug die Politik des US-Präsidenten Donald Trump. Denn gelingt diese Begrenzung nicht, sondern steigen die globalen Temperaturen weiter an, so werde irgendwann ein sogenannter Kipp-Punkt erreicht und damit ein globales Klima verursacht das weitreichende Folgen hat: Einige Prognosen gehen davon aus, dass das arktische Meereis bis 2050 komplett geschmolzen sein wird. Damit kam Haug auf einen so wichtigen Faktor auf der Erde zu sprechen: „Der Ozean als unser ganz großer Freund“.

Die Ozeane sind der größte Speicher für Kohlenstoff. „Die tiefen Ozeane enthalten 60 Mal mehr Kohlenstoff als die Atmosphäre.“ Vereinfacht gesagt, trennt die Atmosphäre von dieser großen Menge Kohlenstoff nur ein dünner Deckel aus Süßwasser. Die Halokline ist eine Übergangszone zwischen Wasserschichten unterschiedlichen Salzgehalts. Das Süßwasser oder eben weniger salzhaltige Wasser schwimmt quasi auf der salzhaltigen Schicht, die als Kohlenstoffspeicher dient. Der Salzgehalt der Meere, Salinität, ist derzeit jedoch nicht konstant. Während in der Arktis die Salinität wegen Eisschmelze abnimmt, steigt sie im Nordatlantik. Das alles verändert auch die Ozeanzirkulation. „Wenn all diese Prozesse mal in Gang gesetzt sind, ist es nur schwer möglich, sie zu stoppen“, fasst Haug die komplexen Sachverhalte zusammen. Die Folgen einer globalen Erwärmung um bis zu drei Grad wären ein eisfreies Grönland, Verstärkung des El-Niño-Phänomens (Orkane, sintflutartige Regenfälle, Flut) sowie ein Meeresspiegelanstieg um sechs Meter. Besonders Letzteres würde den Lebensraum eines Drittels der Weltbevölkerung betreffen und damit auch den Rest der Welt.

Düstere Aussichten und doch hält es Haug nicht für richtig, Panik zu machen, sondern zu handeln: „Es wird nicht funktionieren, wenn wir CO2 nicht als Abfall ansehen, der einen vernünftigen Preis hat.“ Die Nationale Akademie der Wissenschaften, Leopoldina, hat bereits im Juli eine Stellungnahme „Klimaziele 2030: Wege zu einer nachhaltigen Reduktion der CO2-Emissionen“ veröffentlicht. Daran hat auch Gerald Haug mitgearbeitet. In dieser verlangen die Wissenschaftler einen Einstiegspreis von 30 Euro pro CO2-Tonne. Dies soll sich in den folgenden Jahren um jeweils zehn Euro erhöhen. Im aktuellen Klimapaket sind es zehn Euro. Die Teilnehmer der Akademietage stimmten ihm zu. Bei der anschließenden Diskussionsrunde stellten sie zudem versierte Fragen. Eine davon lautete: Welchen Einfluss hat Deutschland global? „Zwei Prozent der globalen CO2-Emissionen werden in Deutschland gemacht“, sagt Haug, „allerdings haben wir ganz klar eine Vorbildfunktion. Es ist schlecht, eine große Klappe zu haben, wenn man selbst seine Hausaufgaben nicht gemacht hat“, sagte er in Bezug auf das Klimaabkommen und forderte mehr Mut in der Politik.

Info Mehr zu den Bietigheim-Bissinger Akademietagen gibt es in der morgigen Ausgabe der BZ.

OB Jürgen Kessing bricht Lanze für Diskussionskultur


Im Vorfeld der 13. Akademietage in Bietigheim-Bissingen veröffentlichte ein Bündnis bestehend aus Fridays for Future Ludwigsburg, Parents For Future Ludwigsburg, Attac Besigheim, Bürgerinitiative Anti-Atom Ludwigsburg und der IG-Metall Ludwigsburg einen offenen Brief, indem sich das Bündnis gegen die Einladung Fritz Vahrenholts ausgesprochen hatte. Auch Protestaktionen wurden angekündigt. Wie berichtet, hatten sich die Organisatoren der Akademietage um Eberhard Uhland bewusst beim Thema „Klimakatastrophe – Können wir sie noch verhindern?“ dafür entschieden, auch einen Kritiker der Erkenntnis des menschengemachten Klimawandels einzuladen. Krankheitsbedingt konnte Vahrenholt nun jedoch nicht am Dienstag erscheinen, wie Uhland den Teilnehmern im Kronensaal mitteilte.

Oberbürgermeister Jürgen Kessing bedauerte in seinem Grußwort die Unruhe um Vahrenholts Vortrag: „Sie müssen die Werte Andersdenkender nicht teilen, aber Sie dürfen sie anhören.“ Er glaube daran, dass Auseinandersetzungen gerade auch mit Kritikern der Energiewende mit Argumenten und Worten geführt werden müssen. Deshalb hätten die Organisatoren Wert darauf gelegt, dass auch ein Kritiker zu Wort komme. Dafür erhielt er Applaus. „Vielleicht wäre nächstes Jahr das Thema Toleranz eine Idee“, konnte er sich einen kleinen Seitenhieb zum Schluss nicht verkneifen.

Als Ersatz für Vahrenholt konnte kurzfristig Professor Dr. Jürgen Karl gewonnen werden. Der Energieverfahrenstechniker referierte zu „Innovationen fürs Klima – wie die Energiewende gelingen kann.“ rwe