Am Montag besuchte die Landtagsabgeordnete der Grünen, Barbara Saebel, die Realschule in Bissingen, um den Schülern von ihrer Erfahrung im geteilten Deutschland zu erzählen. In zwei Klassen der Stufe 10 brachte die gebürtige Berlinerin den Jugendlichen die Thematiken Flucht, Nachkriegsdeutschland und DDR näher.

„Ich bin froh, dass ich 1959 geboren bin. Ich habe den Krieg nicht miterlebt, dafür die Teilung Deutschlands“, erzählt die 61-Jährige. „Meine Eltern und ich haben im östlichen Teil Berlins gelebt. Fast über Nacht konnte ich meine Großeltern und meine Tante nicht mehr besuchen. Sie lebten in Westberlin.“ Der Grenzübergang sei mit Militär abgesichert gewesen und ein Briefwechsel dauerte bis zu vier Wochen, was die Kommunikation mit der Familie sehr erschwerte. „Meine Eltern und ich durften auch nicht aus der DDR raus, höchstens nach Tschechien.“

Zehn Jahre lang habe Saebel später die polytechnische Oberschule besucht. „Nicht jeder durfte Abitur machen.“ Wichtig sei gewesen, ob die Schüler gesellschaftlich aktiv waren. „Es hatte sehr große Vorteile, wenn man Jugendorganisationen angehörte, wie den Jungen Pionieren oder der Freien Deutschen Jugend. Meine Familie war nicht sehr regimetreu und ich gehörte auch keiner der Organisationen an“, erzählt Saebel. „Dadurch hatte ich Schwierigkeiten.“ Es sei auch keine Selbstverständlichkeit gewesen, sich den Beruf frei auswählen zu dürfen. Alles sei staatlich gelenkt gewesen. „Die Zuteilung erfolgte darüber, was das Kontingent eben so hergab.“ Auch in ihrer Ausbildung passte sich Saebel nicht den vorherrschenden Normen und Erwartungen an. „Ich habe eine Ausbildung im Büro gemacht. Dazu war eine vormilitärische Ausbildung nötig, die ich nicht machen wollte. Das gab Ärger.“ Das Leben in der DDR, so die Politikerin, habe aber auch Vorteile gehabt: „Jeder hatte einen Anspruch auf ein Dach über dem Kopf. Die Wohnungen waren teilweise wirklich nicht schön und sehr klein, aber jeder hatte Anspruch darauf.“ Später in den 1970er-Jahren begannen dann die ersten Wohnungsbauprogramme.

„Mir selber gefiel es in der DDR nicht“, erzählt Saebel. „Es gab keine Pressefreiheit, keine Meinungsfreiheit, Reiseverbot. Die Kunst, die Kultur – alles wurde kontrolliert.“ Als auch das wirtschaftliche System in der DDR nicht mehr effizient genug war, begannen die Menschen sich zu wehren. „Die Wendebewegung begann, erste Demos fanden statt und die Öffnungsbewegung von Gorbatschow machte den Menschen Mut“, erinnert sie sich.

Als Saebel von der Grenzöffnung zwischen Österreich und Ungarn erfuhr, ergriff sie die Chance und verließ 1989 die DDR. Die Berlinerin erhielt ein Visum für Budapest und kam mit der Hilfe eines Freundes nach Wien. „Ich suchte nach Arbeit, bekam aber nichts, weil ich keine Papiere hatte.“

So führte sie ihr Weg nach Gießen in Westdeutschland, wo sie in ein Auffanglager kam. Nach zehn Tagen durfte Saebel das Lager verlassen und reiste schließlich von Frankfurt mit dem Flieger zurück in ihre Heimat Berlin. „In Westberlin habe ich schnell Arbeit gefunden und lebte bei einer Freundin.“

Als Saebel am 9. November im Fernseher sah, dass die Mauer gefallen war und Menschen über sie kletterten, glaubte sie erst, das sei ein Spielfilm. „So lange hatten wir darauf gehofft und konnten nicht glauben, dass es endlich geschah.“ Selbst fuhr Saebel dann nachts zur Mauer und begrüßte fremde Menschen, die wieder nach Westberlin kommen konnten.

1990 verschlug es die Berlinerin dann aus beruflichen Gründen nach Pforzheim. 1995 meldete sich Saebel bei den Grünen. „Ich wollte mich politisch engagieren.“ Seit 2016 ist sie Mitglied des baden-württembergischen Landtags.