DLW „Wir Arbeiter wollten DLW retten“

Bietigheim-Bissingen / Günther Jungnickl 09.02.2018

Der Schock sitzt tief und ist noch in ihren Gesichtern abzulesen. Es ist eng geworden im Nebenzimmer des „Bären“, denn es sind mehr DLWler gekommen, als Ortsvorsitzende Brigitte Bartenstein erwarten konnte. Die Stimmung der von Entlassung betroffenen schwankt zwischen Frust und Zorn. Zumal die meisten nicht wissen, wie es weitergehen soll.

Selbst als Moderatorin Kendra Kroll-Kunz anmerkt, dass Oberbürgermeister Jürgen Kessing zwar SPD-Mitglied sei, aber nicht kommen kann, tönt es  wütend: „Der traut sich nicht“. Doch meldet sich umgehend ein DLW-Betriebsrat und lässt wissen: „Wir waren frühzeitig bei ihm, und vielleicht haben wir es auch ihm zu verdanken, dass es  inzwischen eine Transfergesellschaft gibt.“ Gemeint ist damit die Beschäftigungs- und Qualifizierungsgesellschaft (BQG), die die freigesetzten 190 DLW-Mitarbeiter für fünf Monate auffangen und qualifizieren  soll (die BZ berichtete).

Auch die 150 noch mit Abwicklungsarbeiten beschäftigten Arbeitnehmer von DLW-Flooring sind entsetzt. Vor allem jene, die nahe dem Rentenalter sind und von denen wohl keiner einen neuen Job erwarten kann. Deshalb entlädt sich ihr Unmut auf sogenannte „Investoren“, die das hochverschuldete einstige Vorzeigeunternehmen „Deutsche Linoleum Werke“ Zug um Zug heruntergewirtschaftet hätten.

Vergebliche Hoffnungen

Das fing 1998 mit der Übernahme durch die amerikanische Armstrong-Gruppe an, die nicht nur profitable Vertriebszweige abgebaut, sondern auch nicht in den Maschinenpark investiert habe. Die Folge war die Insolvenz 2014. Die holländische Fields-Beteiligungsgruppe übernahm in der Folge das Stammwerk und die Dependance in Delmenhorst. Doch auch dieser „Investor“ habe keinerlei Geld ins Unternehmen gesteckt. „Die haben alle nur dafür gesorgt, dass unsere DLW ausbluten“, sagt einer.

Selbst als der Sanierungsgeschäftsführer Hans-Norbert Topp vor einem Jahr Hoffnungen weckte, dass endlich alles gut werden könne, sei er an Grenzen gestoßen. Denn plötzlich sei kein Geld mehr dagewesen. „Dabei hat der sich anfangs gut gemacht“, lobt das Betriebsratsmitglied. Nur habe er in der Geschäftsleitung Partner gehabt, „die es schon zuvor nicht konnten“. Einer der langjährigen Mitarbeiter weiß jedoch, dass Fehler schon viel früher gemacht wurden. Er spricht vom Missverhältnis zwischen Verwaltung (70 Prozent Personal) und Produktion (30 Prozent). Und es habe jede Menge „Führungspersonal“ gegeben: Abteilungsleiter und Meister. „In welcher Branche gibt es denn sonst Nachtschichtmeister?“

„Wir Arbeiter wollten die DLW retten“, beschwört ein langjährig Beschäftigter. Stattdessen erfuhren die meisten Mitarbeiter die  Nachricht aus der Zeitung. „Plötzlich war ich arbeitslos“, schildert einer seine Fassungslosigkeit. Und danach sei es noch konfuser geworden. „Wir haben bis heute kein Geld gesehen, aber ich muss meine Miete bezahlen“, klagt ein anderer. Auch die Arbeitsagentur schaffe keine Klarheit. Selbst der Betriebsrat bekommt sein Fett weg. „Warum habt Ihr uns nicht rechtzeitig gewarnt und eine Betriebsversammlung organisiert?“ fragt einer. Der Mann vom Betriebsrat: „Weil auch wir nichts Konkretes wussten.“

Gesprächsleiterin Kendra Kroll-Kunz und Stadtrat Thomas Reusch-Frey haben inzwischen ausgemacht, wie sie den Betroffenen helfen wollen – Indem sie die Arbeitsagentur auffordern, den DLWlern umgehend tatkräftiger zu helfen und mit einem Appell an die Betriebe in der Stadt, sich solidarisch zu zeigen und die Entlassenen zu übernehmen.

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