Die Bietigheimer Zeitung mit dem Wochenmagazin Der Spiegel zu vergleichen, das würden die Schüler der Klasse 9u der Ellental-Gymnasien nicht machen. Was eine Redakteurin zu dem Betrug des Spiegel-Mitarbeiters Claas Relotius sagt, interessierte sie aber schon. Der Besuch eines Redakteurs in einer Schulklasse ist Teil des BZ-Projektes „Wir lesen intensiv“.

Interesse ist gestiegen

Vier Wochen lang bekommen die Schulklassen die Zeitung täglich frei Haus geliefert, beschäftigen sie mit dem Medium und verfassen eigene Texte. Zudem können sie mit den Redakteuren sprechen und einen Besuch im Verlagshaus der BZ machen. Insgesamt 15 Klassen aus dem Verbreitungsgebiet mit fast 500 Schülern beteiligen sich in diesem Jahr an dem Schulprojekt der Zeitung.

In diesem Jahr ist bei „Wir lesen intensiv“ alles etwas anders: Fast jede teilnehmende Klasse wünscht sich den Besuch eines Redakteurs, in den vergangenen Jahren war das nicht so häufig. Schon vorab teilten die Lehrer, wie im Fall der 9u von Lehrerin Gabriele Weber, mit, dass die Schüler gerne über Fakten, Beeinflussung oder Fake News sprechen möchten.

Die Zeiten, in denen die Schüler die Höhe des Gehalts eines Redakteurs oder dessen Arbeitszeit mehr interessierten, sind vorbei. Jetzt geht es um Inhalte, um die konkrete Arbeit von Journalisten, Donald Trumps „Fake News“ – und die „Lügenpresse“-Gerüchte. Jugendliche wollen wieder wissen, wie Medien funktionieren.

So schädigend für den Ruf von Medien der Fall von Claas Relotius, der Artikel fälschte und nicht recherchierte, auch sein mag, er hat das Interesse an Zeitung und ihren Inhalten bei Jugendlichen wieder geweckt.

„Was würden Sie machen, wenn es in der BZ einen Fall Relotius geben würde, wie würden Sie damit umgehen?“, fragt eine Schülerin. Eine andere sagt: „Wir wollen genau wissen, wie eine Nachricht in die Zeitung kommt, welche Möglichkeiten die Journalisten haben. Können Sie uns beeinflussen?“.

Es ist eine Chance, auch für die BZ-Redakteure, zu erklären, dass es in einer Tageszeitung um Fakten geht und um saubere, objektive Recherchen.

Kleinstes Umfeld

Schließlich sind die Themen in einer lokalen Zeitung wie der BZ die, die in der Nachbarschaft und im kleinsten Umfeld stattfinden und sofort nachprüfbar sind, während Relotius’ Betrügereien in den USA oder anderswo spielten und leicht zu erfinden waren, weil sie nicht so einfach entdeckt werden konnten. Der Herr Müller aus dem Haus nebenan würde sich sofort melden, wenn er zwar zitiert würde, aber nie gefragt worden wäre. „Aber Sie können auswählen, was in die Zeitung kommt“, fragt einer der Neuntklässler und meint, dass mit der Auswahl schon eine Beeinflussung durch die Redaktion passieren könne. Damit hat er nicht ganz Unrecht, aber auch hier ist Transparenz in der Arbeit einer Redaktion, also wie sie zu einem Thema kommt, wie sie recherchiert oder warum sie auswählt, ein Mittel der Aufklärung. Aus der Fülle der Nachrichten, Meldungen und Informationen muss die Redaktion die wichtigsten herausfiltern.

Auf die Schüler-Frage, „Was würden Sie denn machen, wenn in Ihrer Redaktion ein Relotius wäre“, kann die Antwort der Medien nur sein, ehrlich zu Fehlern zu stehen und die Recherchen so transparent wie möglich zu machen und sich den Diskussionen zu stellen.