Bietigheim-Bissingen / Von Claudia Mocek  Uhr

Eigentlich wollte ich zu Greenpeace oder zu einer Frauenorganisation“, erzählt Dr. Antje von Dewitz. Aber nach einem Praktikum im Familienbetrieb sei ihr klar geworden: „Wenn ich etwas bewegen möchte, dann im Unternehmen.“ Seit zehn Jahren ist von Dewitz nun Geschäftsführerin des Outdoor-Ausrüsters Vaude in Tettnang. Bei der Veranstaltung „Schule trifft Wirtschaft“ im Beruflichen Schulzentrum Bietigheim-Bissingen hat die energische Unternehmerin vor über 300 Zuhörern von ihren Erfahrungen berichtet. In den Mittelpunkt stellte Schulleiter Stefan Ranzinger dabei die Frage, wie faires und ökologisches Wirtschaften gelingen kann.

Mit einem Umsatz von über 100 Millionen Euro und 500 Mitarbeitenden ist Vaude eines der wenigen Familienunternehmen mittlerer Größe in der Textilindustrie. Klimawandel, Artensterben und Müll: Von Anfang hat sich die Unternehmerin für die Probleme interessiert, „für die wir verantwortlich sind“. Sie will den CO2-Ausstoß und den Einsatz von Pestiziden verringern, Mikroplastik vermeiden. Nach dem Motto „ganz oder gar nicht“ habe sie aus einzelnen Nachhaltigkeitsprojekten einen systemischen Ansatz entwickelt. Wichtig ist ihr dabei die Zusammenarbeit mit den Mitarbeitern. Denn: „Ein solcher Changeprozess muss allen Spaß machen.“

Ihrem Ziel, „Wirtschaften zum Wohl aller“, sei sie dabei durch klimaneutrales Wirtschaften und eine bessere Work-Life-Balance mit eigenem Kinderhaus und flexiblen Arbeitszeitmodelle näher gekommen.

Auch für ihre Produkte sucht sie vor Ort und in der Lieferkette nach dem umweltverträglichsten Weg: Wie lässt es sich vermeiden, dass Mikroplastik aus der Fleecejacke über die Waschmaschine im Meer landet? Wodurch lässt sich das PVC in Taschen ersetzen? Dewitz ist „enorm stolz, dass wir es in zehn Jahren geschafft haben“, diese Fragen zu beantworten. Mittlerweile seien 98 Prozent der Bekleidungsprodukte mit dem Greenshape-Label zertifiziert.

Die moralisch-ethischen Fragen, die früher die Abläufe vor Ort gehemmt hätten, seien nun zu einem wichtigen Innovationstreiber geworden.

Mit größten Kritikern reden

„Wir müssen weg vom Wachstum“, ist von Dewitz überzeugt. Sie sieht vor allem in der Kreislaufwirtschaft eine zukunftsfähige Lösung. Die international ausgezeichnete Unternehmerin kritisierte, dass die Übernahme von Verantwortung weiterhin eine freiwillige Leistung von Unternehmen sei. Sie sprach sich für eine CO2-Steuer und verpflichtende Gemeinwohl-Bilanz aus.

„Warum arbeiten Sie mit Amazon zusammen?“, „Was passiert mit der Kleidung, die bei der ‚Fairwertung’ landet?“ Die Schüler des Beruflichen Schulzentrums hatten sich im Unterricht auf die Diskussion vorbereitet und kritische Fragen parat. Von Dewitz, die davon überzeugt ist, dass man mit seinen „größten Kritiker reden muss, um die besten Lösungen zu finden“, stand Rede und Antwort. „Bei allem, was wir machen, stoßen wir an Grenzen“, sagte sie. Die Zusammenarbeit mit Amazon sei dem geschuldet, dass sie nicht auf den Umsatz aus dem Online-Geschäft verzichten wollten. Die ‚Fairwertung’ verkaufe Altkleider sozial verträglich im Ausland. Und was sage sie zur Kritik ausgerechnet von Greenpeace am Einsatz von umweltschädlichen Fluorcarbonen (PFC)? Vaude habe dieses Problem mittlerweile gelöst. Aber „der Druck von außen trägt dazu bei, dass sich schnell etwas ändert“, ist von Dewitz überzeugt.