Ausstellung „Schaffenswut“ seit 65 Jahren

Galerist Rudolf Bayer (links) zeigt in seinen Räumlichkeiten eine Retrospektive des Werkes von Wolfgang Schüle, der bei der Vernissage am Sonntag anwesend war.
Galerist Rudolf Bayer (links) zeigt in seinen Räumlichkeiten eine Retrospektive des Werkes von Wolfgang Schüle, der bei der Vernissage am Sonntag anwesend war. © Foto: Martin Kalb
Bietigheim-Bissingen / Susanne Yvette Walter 03.07.2018

Der Bekanntsheitsgrad des Künstlers Wolfgang Schüle ist im Bietigheimer Raum enorm. Schüle war Kunsterzieher an den Gymnasien in Mühlacker und in Vaihingen und ist seit 65 Jahren kontinuierlich im Schaffensprozess als Künstler. Zur Vernissage seiner Ausstellung „Retrospektive“ am Sonntagmorgen in der Galerie Bayer kamen daher viele Kunstinteressierte nach Bietigheim-Bissingen.

Wolfgang Schüle ist ein musisches Multitalent. „Statt die Staatliche Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart zu besuchen, hätte er genauso gut Musik studieren können und sich voll seinem Lieblingsinstrument, dem Kontrabass, widmen können. Lieber hat er aber das Instrument abgebildet und abgeformt als Maler, Grafiker und Bildhauer“, erklärte Dr. Elmar Zorn aus München in seiner Vernissage-Rede am Sonntagvormittag.

Wenn man sich vorstellt, dass ein Künstler 65 Jahre lang nonstop Werke produziert, kann man leicht ahnen, dass es nicht leicht war aus der Fülle besonders repräsentative Arbeiten für eine Retrospektive zu fischen. Galerist Rudolf R. Bayer, der selbst einst Schüler von Wolfgang Schüle war, will dazu beitragen, dass dieser konstruktivistisch arbeitende Künstler, der auch als Bauhauskünstler gesehen werden kann, nicht in Vergessenheit gerät, sondern mehr noch endlich die öffentliche Anerkennung bekommt, die er nach Meinung des Galeristen auch verdient hat.

Die abstrakten Streifen- und Buchstabenbilder aus den 1960er- und 1970er-Jahren in klaren Farben stechen sofort ins Auge. Schnell fällt auch Schüles Hang auf, die Streifen abzuknicken und somit zu staffeln. Der Kenner sieht auch die geistige Verwandtschaft zu Max Bill, dem Schweizer Architekten, Konstruktivisten und Bauhauskünstler. „Die mathematisch-akkuraten chromatisch angelegten Farbfeldeingrenzungen spielen sich bei beiden Künstlern fern von psychologisch Assoziierbarem ab“, bringt es der Redner auf den Punkt.

Der Übergang von Malerei zu Skulptur zeigt sich in Schüles Kollagen aus verschiedenen Materialien. Hier fällt seine Auseinandersetzung mit den Buchstaben A und O für Alpha und Omega auf, die für den Anfang und das Ende stehen. Schüle spielt mit ihnen und bildet sie humorvoll in verschiedenen Facetten ab. Elmar Zorn erinnert auch an die Nähe zu dem jüngst verstorbenen Popart-Künstler Robert Indiana, der bekannt wurde durch sein Spiel mit den Buchstaben LOVE. Ins Auge fällt auch immer wieder eine stürzende Figur am Bildrand, etwa bei Schüles Serie zu Triumphbogen. Sie sind als Fotocollage gestaltet. Symbole des Luxus wie Autos und Fernsehgeräte sind symbolträchtig auf den gemalten Triumphbogen draufgepackt, um zu zeigen, wer die Feldzüge in der heutigen Zeit macht.

Die zweite Gruppe bilden die sogenannten tachistischen Arbeiten, die alle in den 1960er-Jahren entstanden sind: bemalte Linoleum-Platten, die geätzt sind, nicht geschnitten, und nach dem Druck noch einmal mit Tusche übermalt wurden. Hier geht Schüle genau den gegenteiligen Weg zu seinen mathematisch-akkuraten Farbfeldeinteilungen und konfrontiert den Betrachter mit hingeworfenen Pinselschwüngen und Farbschlieren sowie spontan dazu gefügten Farbflecken.

Die Faszination für die Streifenbilder jedoch hat Wolfgang Schüle wohl nie losgelassen. Dafür spricht ihre Dominanz in der Retrospektive. „Gerade in den sich staffelnden Bändern war es optimal möglich, optische Raumillusionen zu erzeugen. „Schüles Neigung, auch in der flächigen Malerei Räumlichkeit zu erzeugen geschieht nicht wie etwa im Barock durch eine bühnenbildartige Verkürzung der Perspektive“, erklärt Elmar Zorn.

Daneben zeigt die Ausstellung, wohldosiert und pointiert, Motive aus dem familiären Umfeld des Künstlers, kleinstädtische Idylle und Landschaftsmotive, die nach Fotografien gefertigt wurden. „Die schöpferische Lebensgestaltung des Malers und Bildhauers Wolfgang Schüle verdient es, von der Öffentlichkeit intensiver wahrgenommen zu werden“, wünscht sich der Redner für den Künstler, der bei der Vernissage anwesend war.

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