Bietigheim-Bissingen / Gabriele Szczegulski

Nach den Sommerferien kommen die ersten Gemeinschaftsschüler aus dem Kreis in die gymnasiale Oberstufe, in Bietigheim-Bissingen ist dies erst zum Schuljahr 2020/21 der Fall. Im Kreis Ludwigsburg gibt es Überlegungen des Staatlichen Schulamts, bis zu zwei zentrale gymnasiale Oberstufen an Gemeinschaftsschulen, eventuell eine in Bietigheim-Bissingen (die BZ berichtete), einzurichten.

Nichts Konkretes

Im November 2018, so sagt Bietigheim-Bissingens Bürgermeister Joachim Kölz, habe der Leiter des Staatlichen Schulamts Ludwigsburg, Hubert Haaga, die Kommunen darüber informiert. „Da wurden wir zum ersten Mal mit einer gymnasialen Oberstufe konfrontiert, seither haben wir nichts mehr gehört“, so Kölz. Da keine der Gemeinschaftsschulen die zur Gründung einer Oberstufe erforderlichen 60 Schüler zusammenbekomme, sei angedacht, eine Oberstufe zentral in einer oder zwei der größeren Städte, also Ludwigsburg, Bietigheim-Bissingen oder Kornwestheim, so Kölz, einzurichten. Aber, es wurde laut dem Bürgermeister nichts konkret. Und: Schlussendlich müsste der Gemeinderat einer solchen Einrichtung zustimmen, sagt Kölz. „Ein Schulausbau kostet viel Geld und es ist neu, dass eine Kommune für eine Schule verantwortlich ist, die dann von über 50 Prozent Schülern aus anderen Kommunen genutzt wird. Da müssen Regeln und Lösungen her, sonst kann ich mir nicht vorstellen, dass unser Gemeinderat zustimmt“, sagt der Bürgermeister.

Da es also in absehbarer Zeit keine zentrale, gymnasiale Oberstufe für Gemeinschaftsschüler geben wird, müssen sich die Eltern und Schüler Alternativen für den Weg zum Abitur überlegen. Sie haben nach der zehnten Klasse derzeit zwei Möglichkeiten: Sie können an ein allgemeinbildendes Gymnasium wechseln, müssen aber die zehnte Klasse wiederholen oder sie gehen in die elfte Klasse eines beruflichen Gymnasiums.

Stefan Ranzinger, Direktor des Beruflichen Schulzentrums Bietigheim-Bissingen, sieht die Einrichtung einer gymnasialen Oberstufe für Gemeinschaftsschulen in Bietigheim-Bissingen „kritisch“. „Noch einen Weg mehr zum Abitur finde ich zu viel“, sagt der Pädagoge. Es gebe jetzt schon zu wenig Auszubildende und einhergehend einen Fachkräftemangel.

Noch eine Möglichkeit, Abitur zu machen, werde diesen Mangel an Arbeitskräften in Handwerk und Industrie verschärfen. Außerdem bringe gerade sein Technisches Gymnasium besonders viele von den dringend benötigten Absolventen hervor, die später als Ingenieure oder Informatiker arbeiten würden. „Auch wenn bei unserem technischen Gymnasium die Zahlen leicht steigend sind, insgesamt gehen landesweit die Schülerzahlen an beruflichen Gymnasien zurück. Käme eine gymnasiale Oberstufe an Gemeinschaftsschulen würde sich dieser Negativtrend fortsetzen“, sagt er.

Zwölf Anmeldungen von Gemeinschaftsschülern aus der Oscar-Paret-Schule in Freiberg, die erste Gemeinschaftsschule im Kreis, wo Schüler die zehnte Klasse erreichen, gibt es bisher für das kommende Schuljahr am Beruflichen Gymnasium. „Und wir sind bestens vorbereitet“. Bereits seit dem Schuljahr 2015/16 arbeitet laut Ranzinger an seiner Schule eine 20-köpfige Arbeitsgruppe, die sich mit dem Konzept der Gemeinschaftsschule auseinandersetzt, um diesen Schülern bestmögliche Voraussetzungen zu bieten. „Wir haben Jahrzehnte lang Erfahrung darin, Schüler unterschiedlichster Schulen und Schulformen in drei Jahren erfolgreich zum Abitur zu führen. Unseren elften Klassen kommt dabei eine Scharnierfunktion zu, das heißt, wir versuchen im ersten gemeinsamen Schuljahr aus einer heterogenen eine möglichst homogene Klasse zu machen“, sagt der Schulleiter.

Die Arbeitsgruppe hat mehrere Gemeinschaftsschulklassen besucht, mit deren Rektoren gesprochen. „Die Schüler sind sechs Jahre lang anders sozialisiert worden, je besser wir die Gemeinschaftsschulpädagogik kennen, desto besser können wir auf die Absolventen dieser Schulen eingehen.“ Fakt ist: In der gymnasialen Oberstufe muss es an allen Gymnasien die gleichen Voraussetzungen geben, weil am Ende dieselben Abiturprüfungen gemacht werden. „Somit sind nicht nur die Prüfungen selbst identisch, sondern auch die Struktur, Organisation und Notengebung“, sagt hierzu das Kultusministerium.

Ein weiteres Argument gegen eine gymnasiale Oberstufe an Gemeinschaftsschulen, so Ranzinger, bestehe im Aufbau zusätzlicher personeller und sächlicher Ressourcen. „Bei uns ist das alles schon vorhanden“, sagt Ranzinger. Während die Stadt, so Joachim Kölz, teure Ausbauten tätigen müsste, der „eine regionale Lösung im Moment nicht sieht“.

Das Berufliche Schulzentrum Bietigheim-Bissingen

Das Berufliche Schulzentrum in Bietigheim-Bissingen, Fischerpfad 10 bis 12, besuchen 2200 Schüler. Es ist die größte berufliche Schule im Kreis mit dem technischen und kaufmännischen Bereich unter einem Dach. Im Landkreis Ludwigsburg gibt es sieben berufliche Schulen: das Berufliche Schulzentrum Bietigheim-Bissingen, die Carl-Schaefer-Schule in Ludwigsburg, die Oskar-Walcker-Schule in Ludwigsburg, die Robert-Franck-Schule Ludwigsburg, die Mathilde-Planck-Schule Ludwigsburg, die Friedrich-Foß-Landwirtschaftliche Schule Ludwigsburg, die Erich-Bracher-Schule Kornwestheim. Schulträger ist der Landkreis.

600 Schüler besuchen das Berufliche Gymnasium: es gibt je drei Eingangsklassen ab Klasse 11 im Wirtschafts- und dem Technischen Gymnasium. 1975 wurden sie eingerichtet. Es gibt auch ein sechsjähriges Technisches Gymnasium, das man ab der achten Klasse besuchen kann. Der Bewerbungsschluss für das sechsjährige Technische Gymnasium ist einen Tag nach den Pfingstferien. Für das dreijährige Technische und das Wirtschaftsgymnasium ist der jährliche Bewerberschluss der 1. März.

Jährlich gibt es 130 Abiturienten, die mit der allgemeinen Hochschulreife abschließen. In Baden-Württemberg wird jedes dritte Abitur an einem Beruflichen Gymnasium erworben. sz

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