Bietigheim-Bissingen „Niemand hat gesagt: ‚Endlich geht er’“

Am Sonntag wird Pastoralreferent Harald Prießnitz im Rahmen eines Gottesdienstes verabschiedet. Er war knapp 20 Jahre lang als Religionslehrer, Seelsorger und Ehrenamtlicher in der Katholischen Kirche Bietigheim-Bissingen tätig.
Am Sonntag wird Pastoralreferent Harald Prießnitz im Rahmen eines Gottesdienstes verabschiedet. Er war knapp 20 Jahre lang als Religionslehrer, Seelsorger und Ehrenamtlicher in der Katholischen Kirche Bietigheim-Bissingen tätig. © Foto: Martin Kalb
Bietigheim-Bissingen / Rena Weiss 19.07.2018

Knapp 20 Jahre war Harald Prießnitz Pastoralreferent der katholischen Kirche in Bietigheim-Bissingen. Nun wird er die Kirchengemeinde beruflich verlassen, weil er eine neue Stelle als Gefängnisseelsorger im Gefängnis-Krankenhaus Hohenasperg antritt. Am Sonntag, 22. Juli, 10.30 Uhr, bei einem Familiengottesdienst in der St. Laurentiuskirche und einem Gemeindefest auf dem Kirchplatz verabschiedet. Die BZ hat vorab mit ihm über seine Jahre in Bietigheim-Bissingen und seine neue Stelle gesprochen.

Was ist ein Pastoralreferent überhaupt?

Harald Prießnitz: Pastoralreferent ist ein Beruf, der nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil – also in den 60er-Jahren – entstanden ist. Damit wollte sich die katholische Kirche breiter aufstellen. Früher gab es ja nur den Priester und Diakon und verschiedene Abstufungen. Das war immer auch mit einer Weihe verbunden und beim Priester ganz klar mit der Auflage, allein zu bleiben, also Zölibat. Als Pastoralreferent habe ich das gleiche Studium wie ein Priester, also Diplomtheologie oder ein kirchliches Examen, plus eine dreijährige Ausbildung. Vor allem die Diözese Rottenburg/Stuttgart hat den Bereich ausgebaut. Im Schnitt werden zehn Leute im Jahr übernommen. Zunächst sind sie in ihrer dreijährigen Ausbildung Pastoralassistenten, wie unser David Konopka, den ich derzeit begleite und der nächstes Jahr beauftragt wird und eine Gemeinde betreut.

Es ist kaum noch so, dass ein Pastoralreferent nur noch für eine Kirchengemeinde zuständig ist, sondern bei uns sind es Seelsorgeeinheiten. Das liegt auch daran, dass die katholische Kirche die Leitung einer Kirchengemeinde mit einem Priester verbindet und wir haben aber einen Priestermangel. Bei den Pastoralreferenten sieht es etwas besser aus, aber auch hier könnte es mehr Nachwuchs geben.

Was unterscheidet Sie von einem Priester?

Das eine ist ganz klar: Ich habe keine Priesterweihe, sondern eine bischöfliche Beauftragung. Das heißt, das schließt bestimmte Aufgaben und Tätigkeiten aus, die an die Weihe gebunden sind.

Welche sind das?

Die Eucharistiefeier beispielswiese. Sozusagen die Hochform des katholischen Gottesdienstes mit dem Abendmahl. Dann sind es bestimmte Sakramente, wie das Bußsakrament. Ich kann Seelsorge leisten, aber niemanden von seinen Sünden freisprechen. Die Krankensalbung spenden kann ebenfalls nur ein Priester. Eine Taufe würde theoretisch gehen, aber es müsste kirchenrechtlich geändert werden.

Was sind Ihre Aufgaben und sind Sie so etwas wie ein Ersatz-Pfarrer?

Ich verstehe mich nicht als Ersatz, sondern es ist eine eigenständige Berufsgruppe, die zum einen in der Kirchengemeinde, aber auch an den Schulen tätig ist. Ich gebe zehn Stunden in der Woche Religionsunterricht an den Ellentalgymnasien. Wobei ich mich als Kirchenvertreter vor Ort verstehe und nicht als reiner Religionslehrer. So bietet unser Team Schülern und Lehrern in Krisensituationen Gespräche an, beispielsweise in Fällen, in denen ein Familienangehöriger oder Mitschüler starb.

Zudem habe ich selbst Familie und bringe diese und meine Erfahrungen in meine Arbeit ein. Ich habe drei Kinder im Alter von 13, 16 und 17. In den früheren Jahren habe ich viel Jugendarbeit gemacht, auch mit Jugendfreizeiten. Da waren ich, meine Frau Ulrike, ebenfalls Pastoralreferentin, mit unseren Kindern dabei. In anderen Situationen merke ich, dass ich einen anderen Zugang oder Verständnis habe, als ein Priester. Dafür hat der jedoch auch die nötige Distanz, wenn es beispielsweise um Kinder geht. Da bin ich durch meine eigenen Kinder viel näher dran.

Glauben Sie, es wird auch künftig noch einen Religionsunterricht geben?

Ich denke, die Diskussion gibt es in Baden-Württemberg nicht. Bei uns geht die Diskussion in eine andere Richtung, die ich befürworte: Dass beispielsweise der Ethikunterricht flächendeckend etabliert wird und gleichzeitig auch ein Islamunterricht.

Wie und wann sind Sie nach Bietigheim gekommen?

1996 habe ich meine Ausbildung in Sachsenheim und Sersheim gemacht. Meine Frau und ich haben damals schon in Bietigheim gewohnt. Ulrike hat drei Jahre vor mir ihre Ausbildung abgeschlossen und ihre erste Stelle war in Bietigheim. 1999 kam ich dann auch nach Bietigheim. Zunächst in den beiden Bietigheimer Gemeinden, dann kamen die Seelsorgeeinheiten und mein Arbeitsbereich hat sich zum Guten Hirten in Bissingen ausgedehnt.

War Ihre Frau dann mit ein Grund, warum sie Pastoralreferent geworden sind?

Ich bin in Stuttgart aufgewachsen und habe dort Jugendarbeit gemacht und habe dort einen Pastoralreferenten erlebt. Der schaffte es, mich zu fördern. Vorne hinstehen und zu reden, das war nicht so meins. Eine gemeinsame Predigt war dann die Initialzündung.

Kam für Sie je infrage, Priester zu werden?

Meine Mutter erzählt, ich hätte als Neunjähriger den Wunsch geäußert, Priester zu werden. Doch ich kann mir die Lebensform nicht vorstellen. Ich wollte eine Familie haben, die ich ja auch habe.

Und warum nun der Wechsel zum Gefängnisseelsorger?

Ich habe seit Längerem den Blick auf den Hohenasperg geworfen. In meiner Studienzeit habe ich ehrenamtliche Straffälligenhilfe gemacht. Das heißt, ich habe Gesprächsgruppen im Gefängnis Rottenburg geführt und einzelne Gefangene begleitet. Mit Firmengruppen in Sachsenheim und Bietigheim-Bissingen habe ich die Chance genutzt, Gottesdienste im Gefängnis Hohenasperg mitzugestalten. Ich wollte schon immer Gefängnisseelsorger werden.

Wie unterscheidet sich die Arbeit als Notfallseelsorger von der als Gefängnisseelsorger?

Auch im pastoralen Bereich habe ich mit schwierigen Lebenssituationen zu tun. Die Menschen suchen, gerade wenn es ihnen schlecht geht, Hilfe und Trost. In Beerdigungssituationen werde ich mit Dingen konfrontiert, die auch an mir nicht spurlos vorübergehen. Das Thema Schuld spielt hier jedoch weniger eine Rolle. Das ist für jemanden im Gefängnis anders. Sei es, dass er sich mit seiner Schuld auseinandersetzt, dass er sie verdrängt oder entsetzt über sich selber ist. Zudem muss man sich in dem Gefängniszusammenhang genau überlegen, wem erzähl ich was. Ich weiß nicht, ob Vertrauen im Gefängnis ohne weiteres möglich ist.

Spielt für Sie als Gefängnisseelsorger die Konfession eine Rolle?

Nein. Natürlich versuche ich, aus meinem Glauben heraus den Menschen so zu nehmen, wie er ist. Das ist auch meine Chance als Gefängnisseelsorger, den Menschen zu sehen, der zwar eine Straftat begangen hat, sich schuldig gemacht hat, aber es gibt eben auch die Möglichkeit des Verzeihens. Letztlich gibt es auch eine höhere Instanz, die darüber entscheidet und das ist Gott.

Warum dann also ein Gefängnis und Bestrafung?

Ich unterstütze unser Rechts- und das Strafvollzugssystem. Natürlich gibt es immer Dinge, die man kritisieren kann. Doch ich sehe keine Alternative dazu, sonst könnte ich den Beruf nicht machen. Ich muss die Institution, in der ich arbeite, auch ein Stück weit mittragen.

Wann haben Sie Ihren ersten Arbeitstag?

Am 10. September.

Wer wird ihr Nachfolger?

Das wissen wir noch nicht. Wir haben die Stelle in Rottenburg ausgeschrieben, sie wird aber frühestens im Herbst 2019 besetzt werden können, weil das der Rhythmus des Bewerbungsverfahrens ist. Auch wegen den Aufgaben innerhalb der Schule.

Wie wird das Jahr ohne sie dann laufen?

Gute Frage (lacht er). Es wird so sein, dass ich mich voll auf die neue Aufgabe konzentrieren werde. Aber es bewegt mich schon. Manches wird dann vom Pastoralteam und Ehrenamtlichen aufgefangen werden müssen.

Was werden Sie vermissen?

Vor allem die gute Zusammenarbeit im Pastoralteam und auch in der Schule mit katholischen und evangelischen Kollegen, die Jugendarbeit sowie die Vielfalt des Berufes.

Und was nicht?

Anstrengende Unterrichtsstunden kurz vor den Ferien, wenn die Schüler ihre Noten schon haben (sagt er mit einem Lächeln) oder Zeugniskonferenzen.

Welche Ziele hatten Sie für „Ihre“ Kirchengemeinde?

Was für mich zu meinem Berufsbild dazugehört hat, war es über den Tellerrand hinauszublicken. Dass die Gemeinde den Horizont erweitert und schaut, wie sie in Kontakt und Kooperation mit anderen Gruppierungen tritt, wie sie sich sozusagen im Gemeinwesen der Stadt engagieren kann. Die ökumenische Zusammenarbeit war mir immer wichtig. Ich glaube, da haben wir auch viel erreicht.

Wie hat die Gemeinde auf Ihre Entscheidung reagiert?

Schon betroffen, aber es hat jetzt niemand gesagt, endlich geht er.

Wie haben sich die Kirche und Ihre Arbeit über die Jahre verändert, auch im Bezug auf Mitgliedsschwund?

Für mich persönlich hat sich viel verändert, als ich in den Beerdigungsdienst eingestiegen bin. Das ist eine relativ zeitaufwendige Sache, weswegen ich meinen Predigtdienst reduziert habe. Auf die Kirche hier in meinem Stadtteil Buch bezogen, hat sich eine Reduzierung der Gemeindemitglieder ergeben und eine starke Überalterung. Das sieht man bei den Erstkommunionen und auch bei den Gottesdiensten. Auf der anderen Seite hat sich das Feld, die Leute zu Hause zu besuchen, ausgeweitet.

Ist das die Zukunft der Kirche?

Es hat sich schon dahin entwickelt, den Blick nach außen hinzurichten. Die Leute kommen weniger hierher, kommen weniger in die Gottesdienste. Das heißt, wir als Kirche müssen schauen, wo sind wir präsent. Kirche muss sich auch ökumenisch weiterentwickeln. Jede Konfession, jede Kirchengemeinde wurschtelt vor sich hin – das geht nicht mehr.

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