BZ exklusiv „Mehr war nicht zu erreichen“

Bietigheim-Bissingen / Andreas Lukesch 10.03.2018

Seit Mite Januar steht fest: Die traditionsreiche DLW in Bietigheim ist Geschichte. Für den insolventen Hersteller von Bodenblägen gab es nur am Standort Delmenhorst eine Zukunft. Das Bietigheimer Werk mit seiner 130-jährigen Geschichte wird abgewickelt. Wie es dazu kam, darüber sprach die BZ mit Hans-Norbert Topp, Vorsitzender der Geschäftsführung von DLW Flooring, dem einberufenen Sanierungsexperten Patric Naumann von der Kanzlei Wellensiek und dem bestellten vorläufigen Sachwalter, Rechtsanwalt Dr. Tibor Daniel Braun.

Herr Topp, Herr Naumann, Herr Dr. Braun, die DLW in Bietigheim-Bissingen wird abgewickelt, nur 40 Mitarbeiter behalten ihre Jobs. Dafür kann das Werk in Delmenhorst  durch eine Übernahme der Gerflor-Gruppe gerettet werden. Sind Sie zufrieden mit diesem Ausgang der DLW-Insolvenz?

Hans-Norbert Topp: Auch wenn es für die Beschäftigten in Bietigheim-Bissingen leider nicht gut ausgegangen ist und wir mehr erhofft hatten, haben wir angesichts der Rahmenbedingungen, der Komplexität des Insolvenzverfahrens, der sinkenden Umsätze, mit zum Teil nicht mehr konkurrenzfähigen Artikeln und vieler anderer Probleme der DLW viel erreicht: Die DLW am Standort Delmenhorst hat eine Zukunft. Das ist ein Erfolg.

Patric Naumann: Einer, um den alle hier am Tisch hart gerungen und gekämpft haben. Dass es so ausgegangen ist, war keineswegs selbstverständlich. Mehr war nicht zu erreichen.

Tibor Daniel Braun: Wir mussten leider Bietigheim-Bissingen schließen, da der Standort hohe Verluste erwirtschaftet hat und es keinen Investor gab, der den Standort weiterführen wollte. Das ist uns schwergefallen, war aber insolvenzrechtlich nicht anders möglich, da wir sonst Geld der Gläubiger verbrannt hätten.

Sie sagten es schon, für die Mitarbeiter in Bietigheim-Bissingen, die ihre Jobs verloren haben oder noch verlieren, stellt sich die Situation ganz anders dar. Warum ist es Ihnen nicht gelungen, einen Investor für den Standort Bietigheim zu finden?

Braun: Wir haben trotz aller Bemühungen keinen Käufer gefunden, nicht einmal für den obligatorischen einen Euro.

Topp: Und das gilt nicht nur für den Standort, das gilt auch für das Geschäft hier am Standort. Letztlich war allen Interessenten das Risiko zu hoch, in ein Werk zu investieren, in dem an betagten Maschinen Dinge hergestellt werden, mit zu langen Produktionszyklen und zu hohen Kosten.

Das hätten Sie ändern können.

Topp: Ich bin vor einem Jahr als Sanierungsexperte zur DLW gekommen. Die Zeit reichte natürlich nicht, um Entwicklungen und Versäumnisse der Vergangenheit, etwa auch im Vertrieb noch aufzuholen. Also konnte es nur darum gehen, einen Käufer zu finden. Wir haben 120 potenzielle Interessenten für den Standort Bietigheim angesprochen, 40 von ihnen signalisierten ernsthaftes Interesse. Letztlich aber war keiner bereit, auch nur ein Angebot abzugeben. Selbst ein Interessent aus Südamerika, mit dem wir in engem Kontakt standen, ist zwischen den Feiertagen überraschend ohne Angaben von Gründen abgesprungen.

Am Standort in Delmenhorst ist es Ihnen gelungen.

Naumann: Weil die Linoleum-Produktion ins Portfolio des neuen Investors passt. Das Werk in Delmenhorst hat ein Alleinstellungsmerkmal in diesem Bereich und die Gerflor-Gruppe ist ein großer Hersteller unter anderem von Sporthallenböden und kann nun auch Linoleum anbieten. PVC und Vinyl dagegen gibt es massenhaft am Markt, das braucht auch Gerflor nicht.

Die Beschäftigen klagen über gravierende und anhaltende Management-Fehler in der Vergangenheit, vor allem als die DLW unter amerikanischer Regie als DLW Armstrong geführt wurde.

Topp: Wir reden nicht über Managemententscheidungen der Vergangenheit. Ich kann nur beurteilen, was ich vor einem Jahr hier vorgefunden habe: ein Unternehmen, das seit langer Zeit von jährlichen Umsatzverlusten geprägt und von der Konkurrenz längst rechts und links überholt worden war. Wenn die Mitarbeiter sagen, die DLW sei von Arm­strong als verlängerte Werkbank benutzt worden, kann ich dem nicht widersprechen. Warum damals Werke in Schweden und England geschlossen wurden und warum man sich aus großen europäischen Märkten zurückgezogen hat, dazu kann ich nichts sagen. Aber das hat eine Sanierung erschwert bis unmöglich gemacht.

Naumann: Dabei hat die DLW in Bietigheim mit hoher Qualität produziert, Großkunden aus dem Handel wie Saturn, Media Markt oder Kik beliefert.  Ab den 1990ern aber sanken die Umsätze kontinuierlich. Da wurde nicht rechtzeitig gegengesteuert.

Die Belegschaft wirft auch dem letzten Eigner Fields vor, Investitionen über Nacht aus Bietigheim abgezogen zu haben.

Braun: Bedenken Sie, dass Fields das Unternehmen 2014 aus der Insolvenz übernommen hat.

Topp: … und vor diesem Hintergrund maßvoll investiert hat. Ich konnte in meiner Zeit als Geschäftsführer frei agieren und entscheiden. Aber die Mittel waren begrenzt.

Die Mitarbeiter sind auch deshalb sauer, weil sie jahrelang Opfer gebracht, auf Weihnachtsgeld und Lohnerhöhungen verzichtet haben.  Dann mussten sie selbst Druck ausüben, um zumindest noch eine Transfergesellschaft rauszuholen.

Naumann: Ganz so einfach ist das nicht. Eine Beschäftigungs- und Qualifizierungsgesellschaft muss finanziert werden können – und man muss es unter insolvenzrechtlichen Aspekten auch mitfinanzieren dürfen. Wir brauchten dazu das Kapital aus dem Verkaufserlös des insolventen Unternehmens. Wir waren gezwungen, die Mitarbeiter im Januar freizusetzen, nachdem klar war, dass der Standort geschlossen werden muss. Wir haben es aber dennoch erreicht, eine Beschäftigungsgesellschaft zu gründen und zwar bevor die DLW zum 1. März von Gerflor übernommen wurde. Das war möglich, weil die Hausbank bereit war, einen Teil ihrer Sicherheiten freizugeben.

Braun: Da haben wir auf Risiko gespielt, um die Mitarbeiter eben nicht im Regen stehen zu lassen.

Topp: Das wäre ja auch überhaupt nicht zu rechtfertigen gewesen. Die Mitarbeiter haben, wie Sie richtig sagen, große Opfer für ihr Unternehmen auf sich genommen. Es gibt trotz aller Schwierigkeiten, die die DLW in den zurückliegenden Jahren hatte, eine hohe Identifikation. Und ich muss auch sagen, dass wir zu jedem Zeitpunkt gut und fair mit dem Betriebsrat zusammengearbeitet haben. Die Enttäuschung der Beschäftigten jetzt kann ich aber selbstverständlich verstehen.

Wie ist das, einen Standort abzuwickeln, der 130 Jahre lang eine Stadt wie kein anderes Unternehmen geprägt hat?

Topp: Bitter, keine Frage. Wir sind uns der Bedeutung der DLW für Bietigheim-Bissingen durchaus bewusst. In Delmenhorst handelt es sich um einen mindestens ebenso für die Stadt bedeutenden Standort, der zudem doppelt so groß ist. Gerflor hat darüber hinaus zugesichert, die Marke DLW zu erhalten. Die DLW-Tradition ist also nicht tot.

Was geschieht jetzt mit den Menschen und den Gebäuden der DLW hier im Ort?

Braun: Wir wissen, dass doch eine höhere Anzahl der 190 freigestellten Mitarbeiter bereits eine Anschlussbeschäftigung hat. Und wir wünschen uns, dass auch die in die Beschäftigungsgesellschaft gewechselten angesichts der Arbeitsmarktsituation in der Region eine Anstellung finden werden.

Topp: Die etwa 100 noch vorläufig weiterbeschäftigten Mitarbeiter sorgen nun für den Abverkauf der Waren und Maschinen. Und dann geht es darum, einen Investor für das 86 000 Quadratmeter große Grundstück mit Industrieimmobilien zu finden. Der Investorenprozess dafür läuft.

Herr Topp, Herr Naumann, Herr Dr. Braun, vielen Dank für das Gespräch.

Die DLW-Insolvenz

Traditionsunternehmen Die Deutschen Linoleumwerke (DLW) blicken auf einen 130-jährige Geschichte in Bietigheim zurück und waren damit einer der wichtigsten Industriebetriebe in der Entwicklung der Stadt. Dabei wurde zuletzt gar kein Linoleum mehr bei dem Bodenbelaghersteller am Standort Bietigheim produziert. Das bis zuletzt lukrative Geschäft war schon unter den Vorgänger-Inhabern in Delmenhorst konzentriert worden. In Bietigheim verblieb die Produktion von PVS und Vinyl. Mehrfach geriet die DLW in den zurücklegenden Jahren in Schieflage, mehrfach wurde das Werk verkauft. Unter der amerikanischen Muttergesellschaft Armstrong ging die DLW 2014 in die Insolvenz und wurde an den niederländischen Investor Fields veräußert. Die Sanierung des Unternehmens (Jahresumsatz 133 Millionen Euro) gelang aber auch unter der neuen Regie nicht. 2017 meldete die DLW erneut Insolvenz an. Anfang des Jahres konnte mit der französischen Gerflor-Gruppe ein Investor für den Standort Delmenhorst gefunden werden. Bietigheim ging leer aus. 42 Mitarbeiter in Bietigheim werden von Gerflor weiterbeschäftigt, 190 Beschäftigte erhielten Mitte Januar die Kündigung und das Angebot, in eine Transfergesellschaft zu wechseln. Die verbliebenen DLW-Mitarbeiter sind noch mit der Abwicklung des Betriebs beschäftigt. Ein Dossier zur DLW-Pleite gibt es online. luk

www.bietigheimerzeitung.de

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel