Am Ende würde Marc Jongen von der AfD den Linken-Kandidaten Walter Kubach mit aufs Schlauchboot nehmen. Nicht, weil dann alles gut wäre, aber in der Hoffnung auf Aussöhnung. So zumindest antwortet der AfD-Mann auf die letzte Frage, die ihm im Beruflichen Schulzentrum (BSZ) in Bietigheim von Murat Tigli gestellt wird: Mit wem würde er am ehesten in einem Schlauchboot aus Deutschland fliehen, sollte das nötig sein? Tigli, Lehrer für Geschichte und Gemeinschaftskunde, moderiert die Podiumsdiskussion in der Aula der Schule. Und während dieser 90 Minuten haben sich nicht nur Kubach und Jongen in der Wolle.

Eingeladen waren die Bundestagskandidaten der sechs größten Parteien, die im Wahlkreis Neckar-Zaber um ein Direktmandat konkurrieren: Neben Jongen und Kubach saßen Catherine Kern von den Grünen und der Sozialdemokrat Thomas Utz 400 Schülern gegenüber, wie Rektor Stefan Ranzinger gezählt hatte. 300 davon seien Erstwähler, betonte der Schulleiter. FDP-Kandidat Marcel Distl ließ sich von Henning Wagner vertreten, dem Schatzmeister des Ortsverbandes Strohgäu. Statt des CDU-Abgeordneten Eberhard Gienger kam Fabian Gramling, Landtagsabgeordneter der Union für den Wahlkreis Bietigheim-Bissingen. Gienger fehlt aus privaten Gründen, Distl wegen einer anderen Veranstaltung zur selben Zeit.

Zwischen Jongen und Kubach knistert es früh, allerdings nicht im einträchtigen Sinne: Beim Thema Zuwanderung sieht Kubach nicht die Zuwanderung als Hauptproblem, sondern das, was daraus gemacht wird: „Das ist ein wahnsinnig hochgespieltes Thema“, verantwortlich seien „Hetzparteien vom rechten Rand“. Und Jongen, der habe nur Kreide gegessen, um nun vor den Schülern zu sprechen, poltert Kubach. Jongen hat leichtes Spiel und kontert mit einem Appell an die Schüler: „Machen Sie sich selbst ein Bild, ob hier ein Hetzer sitzt.“ Kubach wirft er „undemokratisches Verhalten“ vor, und meint damit ebenso dessen Zwischenrufe, die auch auf Henning Wagner von der FDP zielen.

Als der Liberale aus dem Kreis der Schüler gefragt wird, was die FDP gegen die hohen Mieten in Uni-Städten unternehmen wolle, sagt Wagner: „Wir brauchen mehr Wohnungen.“ Den Bau wolle die FDP erleichtern. Linken-Kandidat Kubach ruft dazwischen: „Falsch. Sozialwohnungen“ brauche man. Worauf der Liberale auf einen hohen Anteil an Fehlbelegungen im sozialen Wohnungsbau verwies.

Fabian Gramling antwortet ebenfalls auf eine Frage zu den hohen Mieten in Uni-Städten: „Wir sind gerade dabei, die Landesbauordnung zu entbürokratisieren, denn die macht den Bau der Wohnungen und damit die Mietpreise teurer.“ Ein Seitenhieb auf den Landes-Umweltminster Winfried Hermann (Grüne), der unter anderem Fahrradstellplätze zur Pflicht gemacht hat.

Zuvor behauptet Gramling an anderer Stelle, dass Deutschland im Jahr 2000, also vor der Kanzlerschaft Angela Merkels, die schwächste Wirtschaftsleistung im europäischen Raum hatte. Keiner widerspricht. Dabei hatte Deutschland schon damals die stärkste Wirtschaft Europas.

Auf die Frage des Moderators Tigli, ob es ein Fehler war, dass Merkel 2015 die Grenzen für Flüchtlinge öffnen ließ, antwortet Gramling: „Wie hätten die Medien reagiert, wenn man die Grenzen dicht gelassen hätte?“

Das Alter treibt die Jungen um

Dass auch das Alter die Jungen umtreibt, zeigt sich an der Frage eines Zwölftklässlers: „Wie wird unser Rentenbescheid aussehen?“ Müsse man arbeiten bis zum 80. Lebensjahr? FDP-Mann Wagner antwortet: „Eine einfache Lösung wird es kaum geben.“ Es sei unseriös zu sagen, dass das derzeitige Rentenniveau bestehen bleiben könne, ohne die Anhebung der Beiträge oder die Erhöhung des Renteneintrittsalters. Großen Applaus erhält Grünen-Kandidatin Kern, als sie erwiderte: „Die FDP unterstützt die Reichen.“ Funktioniert immer.

  Ein Schüler aus der 13. Klasse fragt den Sozialdemokraten Utz, wie er für Chancengleichheit  baden-württembergischer Abiturienten sorgen wolle: Ihre Reifeprüfung ist härter als in vielen anderen Bundesländern, am Ende aber bewerben sich alle auf dieselben Studienplätze. Utz verweist darauf, dass der Bund mehr Kompetenzen in der Bildungspolitk benötige, um gleiche Chancen für alle Schüler in Deutschland zu erreichen. AfD-Mann Jongen spricht sich gegen mehr Zentralisierung im Bildungssystem aus: „Das wird einen Sog nach unten geben“, seiner Ansicht nach würden also eher die guten Bundesländer schlechter anstatt die schlechten besser werden.

Der Linke Kubach hatte bereits zu Beginn der Diskussion das BSZ gelobt: „Ihr seid hier an einer Super-Schule, aber das ist auf Kosten anderer Schüler.“ Was er genau damit meint, sagt er auf dem Podium nicht. Stattdessen warnt der ehemalige Betriebsrat einer großen Druckerfirma vor der „brutalen Arbeitswelt da draußen“, die auf die Schüler warte. Dann wirft er einen Papierflieger ins Publikum, verbunden mit dem pazifistischen Aufruf „Papierflieger statt Drohnen“. Die Flieger sind aus seinem Flyer hergestellt. Das immerhin konnte AfD-Kandidat Jongen noch nett finden.

Info Bei einer Wahl-Umfrage unter den BSZ-Schülern ergab sich folgende Verteilung: CDU: 20 Prozent, SPD: 17,2 Prozent, Grüne: 11.9 Prozent, Linke: 5,5 Prozent, FDP: 8 Prozent, AfD: 6,3 Prozent, noch Unentschlossene: 16 Prozent.