Bietigheim-Bissingen „Keine Aussicht auf sinkende Preise“

Bietigheim-Bissingen / Rena Weiss 01.08.2018

In der letzten Gemeinderatssitzung in Bietigheim-Bissingen schockierte die Erweiterung der Hillerschule das Gremium: Grund: Bei der Vergabe der Erd- und Rohbauarbeiten gab es zwischen der Kostenschätzung und dem günstigsten Angebot, eines der drei Bewerber, eine Differenz von 29 Prozent. Die BZ hat mit Bürgermeister Joachim Kölz über die Schwierigkeiten der Bauplanung gesprochen und wie es im Fall Hillerschule zu einer solchen Differenz kam.

Wie kam es zu diesen 29 Prozent?

Bürgermeister Joachim Kölz: Wir hatten bei der Entwicklung der Baupreise allein von Mai 2017 bis Mai 2018 ein Plus von 4,1 Prozent. Das ist der höchste Anstieg seit über zehn Jahren. Bei den ausgeschriebenen Erd- und Rohbauarbeiten, einem der ganz großen Gewerke dieser Baumaßnahme, hatten wir drei Bieter nach der Ausschreibung und schon der günstigste dieser drei lag 29 Prozent über der Kostenberechnung. Das ist natürlich ein großer Brocken, der den Gemeinderat gestört hat, der mich stört und der die Verwaltung stört.

Die FDP forderte deswegen die Ausschreibungaufhebung. Warum entschied sich der Gemeinderat dagegen?

Uns allen war klar, dass wir nicht damit rechnen können, bei einer Neuausschreibung automatisch ein günstigeres Angebot zu bekommen. Zumal das dazu führt, und der Faktor Zeit war auch dem Gemeinderat sehr wichtig, dass wir dadurch weiter erhebliche Zeitverzögerungen bekommen. Das wollte ich und die Mehrheit des Gemeinderats nicht. Deswegen hat man gesagt, 29 Prozent mehr, das fällt uns schwer, aber wir vergeben trotzdem.

Bei einer Ausschreibungsaufhebung wäre nicht nur eine Zeitverzögerung die Folge gewesen?

Richtig. Wir haben parallel noch andere Ausschreibungen laufen, bei denen wir einen Baubeginn vorgegeben haben. Wenn wir jetzt wegen einer Ausschreibung das Verfahren stoppen würden, wären wir den übrigen Firmen gegenüber möglicherweise schadensersatzpflichtig geworden. Denn auch die anderen Firmen könnten dann nicht so bauen, wie wir es in der Ausschreibung angegeben haben. Hinzu kommt, dass wir dann auch unsere „Ausweichmensa“, die Villa Visconti, länger anmieten müssten.

Gibt es bei den anderen Gewerken ebenfalls höhere Kosten als erwartet?

In dem einen oder anderen Fall gibt es höhere Kosten als ursprünglich geplant, aber nicht in dem Maße, wie es bei den Erd- und Rohbauarbeiten der Fall ist. Genaue Zahlen kann ich noch nicht nennen, weil die Angebote noch geprüft werden. Allerdings sehen wir, dass die Baupreise unglaublich stark zugelegt haben und es gibt keine Anzeichen dafür, dass sie zurückgehen werden. Das heißt, wenn ich noch ein halbes Jahr warten würde, wäre möglicherweise eine weitere Baupreissteigerung da – davon gehe ich fest aus – und dann wird es noch teurer.

Konnte der Planer die Steigerung nicht vorhersehen?

Mit vier Prozent pro Jahr hat man vor zwei Jahren bei der Planung niemand mit gerechnet. Im langjährigen Schnitt waren es damals noch 2,2 Prozent bei Wohngebäuden. Mit dieser Steigerung rechne ich natürlich zum Zeitpunkt der Kostenschätzung schon. Wenn es sich dann aber, wie hier, bei vier Prozent einpegelt, dann sind das die doppelten Kosten. Je länger das Projekt geht, habe ich automatisch Steigerungen, mit denen ich vorher nicht gerechnet habe. Das betrifft heute alle Großvorhaben – nicht nur in Bietigheim-Bissingen.

Der Gemeinderat sprach von einem Projektsteuerer. Hätte der helfen können?

Interessanterweise hatten wir für die erste Planungsphase der Hillerschule einen Projektsteuerer eingeschaltet. Ein sehr erfahrener Mann, den wir bei vielen Projekten eingesetzt hatten. Der hatte damals die Kostenschätzung bestätigt. Trotzdem haben wir nun diesen Fall.

Ist ein Projektsteuerer also unnötig?

Nein. Aus dieser Diskussion und dieser Erfahrung heraus macht es Sinn, diesem Thema Bauinvestitionscontrolling und Projektsteuerung ein großes Gewicht zu geben und da vielleicht mit eigenem Personal oder beauftragten externen Projektsteuerern zu reagieren. Da werden wir uns in den nächsten Wochen Gedanken machen.

Allerdings bleibt das Problem der unvorhersehbaren Kostensteigung. Wie geht die Stadt damit um?

Das belastet uns schon. Deswegen werden wir in Zukunft auch andere Formen verstärkt ausprobieren, wie den Einsatz von Generalunternehmern. Da vergebe ich zu Beginn einer Phase ein Bauwerk zu einem Festpreis. Aber auch der Generalunternehmer weiß, dass es Kostensteigerungen geben wird, und kalkuliert diese mit ein. Insofern ist das kein Allheilmittel und dadurch wird das Projekt auch nicht unbedingt günstiger. Doch für unsere eigene Planung bietet das eine größere Sicherheit.

Klingt dennoch nach einer guten Alternative, warum wird es nicht häufiger genutzt?

Bei einem Generalunternehmer muss ich vorab noch detaillierter formulieren, was ich will. Denn ein Generalunternehmer wird bei jedem Gewerk, das nicht genau definiert ist, die preisgünstige und einfachste Variante wählen. Das heißt, ich habe einen sehr hohen Aufwand, meinen Standard bis ins Detail zu definieren und das dann auch zu kontrollieren.

Je besser also die Planung, umso besser der Verlauf. Dazu benötigt es auch das nötige Personal. Hat die Stadt genügend Planer?

Im Bereich der Verwaltung generell ist es im Baubereich sehr schwierig, gutes Personal zu bekommen. Wir sind in der Bauverwaltung sehr knapp aufgestellt. Das spüren wir besonders, wenn wir viele Projekte parallel durchführen.

Woran liegt das?

Wir haben im Baugewerbe Vollbeschäftigung. Viele Firmen haben mehr Anfragen als sie bearbeiten können. Die öffentliche Hand bietet zwar Vorteile, wie große Sicherheit bei Abwicklung und Bezahlung, aber in aller Regel zahlt sie deutlich schlechter, als die Privatwirtschaft. Das spüren wir im öffentlichen Dienst in vielen Bereichen.

Warum gibt es für manche Ausschreibungen gar keine Angebote?

Es zieht sich im Moment wie ein roter Faden durch die Baulandschaft, dass die Handwerksbetriebe ausgelastet sind und deshalb nicht in dem Maße frische Aufträge brauchen. Wir erleben nicht nur in Bietigheim-Bissingen, dass sich sehr wenige Firmen bewerben. Wir hatten auch schon Ausschreibungen, wo es gar keine Bewerbungen gab. Das ist natürlich ein Zeichen, dass es dem Baugewerbe gut geht.

Ist eine detaillierte Planung ebenfalls ein Grund, warum die Stadt als Bauherr für die Betriebe nicht so interessant ist?

Auch darin ist sicherlich zu einem kleinen Teil begründet – gerade in Zeiten eines florierenden Baugewerbes – warum sich nur wenige Firmen beteiligen. Wenn ich im Baugewerbe bin, habe ich natürlich die Auswahl zwischen öffentlichen und privaten Aufträgen. Wenn die öffentliche Hand baut, muss sich der Betrieb erst an einem Ausschreibungsverfahren beteiligen, muss stapelweise Papiere ausfüllen, muss all die Dinge, die wir verlangen, beachten. Das ist zunächst mal ein Riesenaufwand.

Warum dann nicht das Bewerbungsverfahren vereinfachen?

Vielleicht ist es ein Nachteil im öffentlichen Bereich, aber das macht schon auch Sinn. Der Gesetzgeber, der die ganzen Regeln geschaffen hat, verfolgt ja damit ein Ziel: Korruptionsschutz, Gleichbehandlung, keine Benachteiligung einzelner Betriebe sowie Mindestlohn und andere Dinge, die die Firmen beachten müssen, wenn sie für die öffentliche Hand bauen. Das halte ich für richtig, aber das führt eben zu mehr Aufwand.

Abschließend zur Hillerschule: Bleibt es beim ursprünglichen Zeitplan?

Das werden wir vor allem auch beim weiteren Bauablauf sehen. Architekten und Planer sagen uns im Moment, dass mit viel Glück, die Bauzeit Ende 2019 gehalten werden kann.

Bei den Kosten gibt es bislang auch keine endgültigen Zahlen?

Nein, aber wir schreiben für alle Projekte die Kosten laufend fort. Wir werden den Gemeinderat im Herbst über die aktuelle Kostensituation informieren. Jenseits dieser einen Vergabe habe ich im Moment noch keine weiteren, wo ich verbindlich sagen kann: So wird’s aussehen.

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