Interview „Junge Ärzte arbeiten anders“

Der Vorstandsvorsitzende der AOK Baden-Württemberg, Dr. Christopher Hermann, kann eine Zwei-Klassen-Medizin in Deutschland nicht erkennen.
Der Vorstandsvorsitzende der AOK Baden-Württemberg, Dr. Christopher Hermann, kann eine Zwei-Klassen-Medizin in Deutschland nicht erkennen. © Foto: Martin Kalb
Landkreis Ludwigsburg / Andreas Lukesch 13.01.2018

Christopher Hermann ist der mächtigste Mann der gesetzlich Krankenversicherten in Baden-Württemberg. Allein in Bereich der Bezirksdirektion Ludwigsburg-Rems-Murr vertritt die AOK 337 000 Versicherte – Tendenz steigend. Mit Dr. Christopher Hermann sprach die BZ über den Boom der gesetzlichen Krankenversicherungen und die Zukunft der Ärzte auf dem Land.

Herr Dr. Hermann, die gesetzlichen Krankenversicherungen haben Ende vergangenen Jahres einen Rekordzuwachs an Mitgliedern vermeldet – auch die AOK Baden-Württemberg?

Dr. Christopher Hermann: Wir können uns nicht beklagen, im Gegenteil. Die AOK Baden-Württemberg verzeichnet bei den Kundenzahlen seit Jahren ein kontinuierliches Wachstum. 2017 haben wir 142 000 AOK-Versicherte hinzugewinnen können, im Bereich der Bezirksdirektion Ludwigsburg-Rems-Muss  waren es fast  10 000 neue Versicherte.

Woher kommt die neue Kundschaft? Sind das überwiegend Wechsler aus der Privaten Krankenversicherung?

Das nicht, wir wissen aber, dass viele Privatversicherte gern in die Gesetzliche Krankenversicherung wechseln würden, wenn sie könnten und die Hürden nicht so hoch wären. Unsere Versichertenzahlen lägen sicher noch deutlich höher, wenn es eine dem Solidarprinzip entsprechende Rückkehroption gäbe.

Die SPD will bereits seit Jahrzehnten das Mischsystem aus Gesetzlicher und Privater Versicherung durch eine Bürgerversicherung ersetzen. Im BZ-Interview 2013 sahen Sie es als notwendig an, auf lange Sicht zu einem einheitlichen Versicherungsmarkt zu kommen. Jetzt haben sich die Sondierer von CDU/CSU und SPD auf eine Rückkehr zur paritätischen Finanzierung der gesetzlichen Krankenversicherung geeinigt, wonach die Beiträge wieder zu gleichen Teilen von Arbeitgebern und Arbeitnehmern bezahlt werden sollen. Halten Sie dies für einen richtigen Schritt?

Ich war bei der Bürgerversicherung ohnehin skeptisch, weil es  ein Riesenprojekt wäre, aus zwei Systemen eines zu machen. Wir wünschen uns einen integrierten Krankenversicherungsmarkt als durchlässiges System, in dem wir unter fairen und für alle geltenden Rahmenbedingungen Angebote für eine Top-Versorgung an die Versicherten im Wettbewerb machen können. Bei der jetzt sondierten Beitragsparität muss noch genau geschaut werden, wie das konkret geregelt werden soll.

Haben wir in Deutschland eine Zwei-Klassen-Medizin?

Nein, bei der stationären Aufnahme in ein Krankenhaus beispielsweise gibt es keine Unterschiede. Da zahlen die Privaten dieselben Preise wie die Gesetzlichen. Was oben drauf kommt, die Chefarztbehandlung oder das Einbettzimmer,  ist eine Frage des Komforts, der vom Patenten gesondert bezahlt werden muss.

In der ambulanten Behandlung haben die Menschen aber nicht das Gefühl, gleich behandelt zu werden. Im Gegenteil: Kassenpatienten müssen müssen besonders lang auf einen Facharzttermin warten und bekommen für ihre Beiträge immer weniger Leistungen. So empfinden Sie es zumindest. Und das bei Überschüssen der gesetzlichen Krankenversicherungen in Höhe von 25 Milliarden Euro. Wann bekommen die Versicherten von den Zusatzeinahmen etwas zurück?

Ich kann den Frust in Einzelfällen schon verstehen, aber so negativ sehen die Versicherten etwa die AOK Baden-Württemberg als gesetzlichen Versorger nicht. Das zeigt schon eindrucksvoll unsere Mitgliederentwicklung. Wir haben die Beiträge im dritten Jahr in Folge stabil gehalten und wollen sie auch 2019 konstant halten. Viel bedeutender für die Tatsache, dass sich so viele Menschen für uns entscheiden, ist etwa unser Hausarztvertrag mit den angeschlossenen Facharztverträgen in mittlerweile neun Facharztgruppen. Dort entlasten wir unsere teilnehmenden Versicherten von Arznei-Zuzahlungen in Höhe von jährlich rund  35 Millionen Euro.

Was haben Ärzte und Patienten davon?

Für den Arzt bietet unsere alternative Regelversorgung Verlässlichkeit und wirtschaftliche Sicherheit, zumal er selbst dann Geld von uns bekommt, wenn sich der teilnehmende Patient das ganze Jahr über nicht bei ihm melden muss. Vor allem chronisch Kranke werden besser versorgt, sind auch von den Arzneimittel-Zuzahlungen befreit,  die Versorgungsintensität ist höher und Wartezeiten sind deutlich kürzer.

Nach einer Studie der Uni Hamburg bekommen gesetzlich Versicherte in der Regel zum Quartalsende keine Termine bei Fachärzten. Der Grund sind die durch die Kassen gedeckelten Patientengespräche und Routineuntersuchungen.

In der allgemeinen Regelversorgung herrscht überall das Quartalsdenken. Das ist richtig, aber auch damit haben wir in unserer alternativen Regelversorgung  gebrochen. Das Thema ist bei uns vom Tisch, es gibt solche Deckelungen nicht.

Eine andere Frage ist, ob es auch ausreichend niedergelassene Ärzte gibt. In der Fläche ist das durchaus keine Selbstverständlichkeit mehr. Erst im November haben der baden-württembergische Landkreistag und die Kassenärztliche Vereinigung vor dramatischen Versorgungslücken und von 10 000 neuen Ärzten und Psychotherapeuten gesprochen, die in den nächsten zehn Jahren  benötigt werden, um allein den Status Quo zu bewahren. Wo sollen die denn alle herkommen?

Das Paradoxe ist doch, dass es noch nie zuvor so viele ausgebildete Ärzte in Deutschland gab, wir aber trotzdem ein wachsendes Problem mit der Versorgung in der Fläche haben. Ein wesentlicher Grund dafür ist, dass junge Ärzte und vor allem junge Ärztinnen anders und auch woanders arbeiten. Den klassischen Landarzt mit seiner 70-Stundenwoche gibt es zukünftig kaum noch.  Das bedeutet einerseits, wir müssen uns daran gewöhnen, dass die Versorgung regional sichergestellt wird, auch wenn sich nicht mehr in jedem kleinen Dorf eine Arztpraxis befindet. Andererseits müssen zum Beispiel Kommunen und Landkreise dafür sorgen, dass Ärzte wie ansiedlungswillige Industrieunternehmen behandelt werden. Dass ihnen Räume zur Verfügung gestellt werden, dass sie die Rahmenbedingungen für die Ansiedlungen von Ärztezentren und Gemeinschaftspraxen schaffen. Auch wir helfen, indem wir etwa  als Ankermieter in einem solchen neuen Zentrum auftreten.

Einen Konzentrationsprozess schlagen seit Jahren auch die Kliniken ein, im Landkreis ganz konkret durch die Aufgabe des Vaihinger und bald auch des Marbacher Krankenhauses.

Insgesamt gesehen gibt es keine sinnvolle Alternative. Die moderne Medizin braucht hoch spezialisierte Fachzentren für eine qualifizierte Versorgung der Menschen. Das kleine Kreiskrankenhaus lediglich mit Grundversorgung hat ausgedient, so sehr man dies vor Ort auch bedauern mag. Mal von der Versorgungsqualität abgesehen, wer die kleinen Häuser erhalten will, bekommt doch künftig nicht mal mehr das Personal dafür – weder im medizinischen noch im Pflegebereich.

Aber selbst nach der Schließung einzelner Häuser bleiben viele Kliniken unterfinanziert. Die Schuld geben Kritiker den Fallpauschalen der Krankenkassen.

Viele Häuser können mit den Fallpauschalen gut wirtschaften, wenn das Geld für den Regelbetrieb genutzt wird und nicht fälschlicherweise dafür, einen zum Teil Jahrzehnte alten Investitionsstau abzutragen. Diese Unterfinanzierung ist doch das eigentliche Problem vieler Kliniken.

Herr Hermann, vielen Dank für das Gespräch.

Zahlen und Fakten zu AOK und Christoph Hermann

Dr. Christopher Hermann, Jahrgang 1955, ist seit dem Jahr 2000 im Vorstand der AOK Baden-Württemberg. Er studierte in Marburg und Berlin Geschichts-, Politik- und Rechtswissenschaften. Bis zum Jahr 1990 war Hermann im wissenschaftlichen Dienst des Bundestags , von wo er ins Sozialministerium von Nordrhein-Westfalen und anschließend in das Gesundheitsministerium wechselte.

Die AOK Baden-Württemberg ist eine Körperschaft des öffentlichen Rechts mit paritätischer Selbstverwaltung von Versicherten- und Arbeitgebervertretern und versichert nach eigenen Angaben mehr als 4,3 Millionen Menschen, das Haushaltsvolumen beträgt 15,2 Milliarden Euro. Im Bezirk Ludwigsburg-Rems-Murr sind es 337 091 Versicherte. Der Beitragssatz beträgt 15,6 Prozent. Am im Interview angesprochenen AOK-Hausarztprogramm nehmen im Bezirk 130 800 AOK-Mitglieder und 372 Ärzte (davon 30 Kinder- und Jugendärzte) teil. Das AOK-Facharztprogramm umfasst in beiden Landkreisen rund 51 200 eingeschriebene Versicherte und 153 teilnehmende Ärzte. In der Borsigstraße in Bietigheim-Bissingen betreibt die AOK seit September 2017 ein neues Gesundheitszentrum und bietet jetzt dort ihre Kurse zu Bewegung, Ernährung und Entspannung sowie eine Koch-Werkstatt an. bz

www.bw.aok.de