Einsätze „Ich habe gelernt, damit umzugehen“

Bietigheim-Bissingen / Von Uwe Mollenkopf 05.10.2017

Immer wieder kommt es auf den Straßen im Landkreis zu schweren Unfällen mit Leicht- und Schwerverletzten, ja sogar Toten. Gerade in jüngster Zeit gibt es eine Häufung schlimmer Vorfälle. Erst am gestrigen Mittwoch hat sich wieder ein Unfall ereignet, bei dem eine Fahrerin unter einem Lastwagen eingeklemmt wurde (siehe unten). Aber auch bei Bränden oder Arbeitsunfällen sind die Einsatzkräfte oft mit Situationen konfrontiert, die sie nach dem Einsatz nicht so schnell loslassen.

Die BZ sprach mit Jochen Mühlstrasser, dem Abteilungsleiter der Bietigheimer Feuerwehr, darüber, wie die Feuerwehrleute – allesamt Freiwillige – damit umgehen.

„Früher gab es für Feuerwehrleute nach einem nervenbelastenden Einsatz den Standard-Ratschlag: Trink ein Bier, dann wird es schon besser“, sagt Mühlstrasser. Nur keine Schwäche zeigen, habe die Devise gelautet. Davon sei man jedoch schon längst weggekommen. Wenn Rettungskräfte mit den Bildern, die sie sehen, wenn sie beispielsweise einen Schwerverletzten aus einem zertrümmerten Auto schneiden, nicht zurechtkommen, werde auch externe Hilfe in Anspruch genommen.

Erlebtes wird besprochen

Bei einem schweren Einsatz gehe keiner gleich nach Hause, erzählt der 34-Jährige, der seit 2003 Mitglied der Bietigheim-Bissinger Wehr ist. Das Erlebte werde kurz besprochen, und wenn sichtbar werde, dass jemand Probleme habe, dies zu verdauen, bestehe die Möglichkeit, über die Leitstelle telefonisch Kontakt mit einem Seelsorger oder Psychologen aufzunehmen. Auch intern sei ein Mitglied der Feuerwehr zum Notfallseelsorger ausgebildet. „Wir legen auch Wert darauf, dass sich Kameraden anonym Hilfe suchen können“, sagt Mühlstrasser, denn nicht jeder wolle, dass sowas bekannt werde.

Er selbst habe noch keine seelsorgerische Hilfe gebraucht, erzählt der erfahrene Feuerwehrmann. Er habe aber Einsätze erlebt, die ihn wohl bis zum Ende seiner Dienstzeit beschäftigen werden. Als eines der schlimmsten Erlebnisse nennt Mühlstrasser einen Fall, bei dem sich in Bissingen eine Person in Selbstmordabsicht vor den Augen der Wehrleute vom Dach stürzte – auch wenn derjenige mit Verletzungen davon kam. Auch an einen Brand in der Weinstraße, bei dem zwei Menschen kurz vor dem Eintreffen der Feuerwehr aus dem brennenden Haus sprangen und schwer verletzt wurden, erinnert er sich nur ungern.

Es trete allerdings auch ein gewisser Gewöhnungseffekt ein, räumt der Abteilungskommandant ein. „Ich habe gelernt, damit umzugehen.“ Die Einsatzleiter achteten zudem darauf, dass bei Einsätzen, bei denen absehbar ist, dass die Einsatzkräfte gute Nerven brauchen, nicht unbedingt ganz junge Feuerwehrleute mitgeschickt würden.

Zum Glück, so Mühlstrasser, habe es die Bietigheimer Feuerwehr in der Mehrzahl der Fälle nur mit Sachschäden zu tun.