Intersexualität „Habe mich immer als Junge gefühlt“

Christian Moldovan wurde als Junge geboren. Doch mit einem Jahr wurde er juristisch zum Mädchen gemacht.
Christian Moldovan wurde als Junge geboren. Doch mit einem Jahr wurde er juristisch zum Mädchen gemacht. © Foto: privat
Bietigheim-Bissingen / Rena Weiss 06.06.2018

Fast täglich geht Christian Moldovan aus Untermberg ins Fitnessstudio oder schwimmen. Er achtet sehr auf seinen Körper, und das harte Training sowie die Arbeit im Lager einer Elektrofirma machen sich bezahlt: Jeder Muskel ist definiert, die einzelnen Muskelgruppen zeichnen sich voneinander ab, und der Fettanteil ist gering. „Schon als ich ein Kind war, war mein großes Vorbild Arnold Schwarzenegger“, sagt Moldovan über den wohl bekanntesten Bodybuilder.

Was man Christian Moldovan jedoch nicht ansieht, sind seine körperlichen wie psychischen Narben. Zwar wurde er offiziell als Junge geboren. Weil jedoch seine Harnröhre nicht durch seinen Penis verlief, entschieden die Ärzte ihn zu operieren – mit fatalen Folgen für sein Leben. Moldovan wurde mit einem gesunden männlichen Erbgut geboren, sagt er im Gespräch mit der BZ, und wurde auch als Junge getauft. „Ich hatte keine weiblichen Geschlechtsmerkmale, aber meine Harnröhrenöffnung war mit meiner Eichel verwachsen“, erklärt der Untermberger seine Intersexualität, „ich passte einfach nicht in die Norm.“

Ein drittes Geschlecht

Gegen diese Norm kämpft der 29-Jährige bis heute an. Mit 17 Jahren beantragte er, dass sein Geschlecht im Personalausweis und Geburtenregister zu „männlich“ umgeändert werde. Zwei Jahre sollte es dauern, bis dank ärztlicher Gutachten endlich offiziell im Personalausweis stand, woran Moldovan nie zweifelte: „Ich bin ein Mann.“ Erst im November 2017 hat das Bundesverfassungsgericht entschieden, dass die deutsche Rechtsordnung ein drittes, unbestimmtes Geschlecht anerkennen muss. Seit 2013 gab es zwar bereits die Option, das Geschlecht im Geburtenregister nicht anzugeben, doch nun muss bis Ende 2018 eine neue Regelung für ein drittes Geschlecht gefunden werden. Christian Moldovan bezeichnet sich beispielsweise als „Inter-Mann“. Er hofft, dass mit diesem Gesetz Zwangsoperationen wie seine nicht mehr vorkommen werden und der Druck auf die Eltern genommen werde.

Denn die damaligen Operationen seien aus gesundheitlicher Sicht nicht notwendig gewesen. „Mir wäre es besser ergangen, wenn alles so geblieben wäre und ich später selbst hätte entscheiden können.“ Dennoch haben die Ärzte seinen Bauchraum aufgeschnitten, seine Hoden darin „verstaut“, die Prostata für eine Vulva gehalten und seine Hodensäcke zu Schamlippen umgeformt, erklärt er. Die Folge: Christian Moldovan hat weder männliche noch weibliche funktionierende Geschlechtsorgane. „Ich bin so gesehen momentan ein Alien mit XY-Chromosomen und einer Prostata“, sagt er über sich selbst.

Doch die Folgen reichen noch weiter. So kann der 29-Jährige beispielsweise keinen Sex haben, und auch die Möglichkeit, eigene Kinder zu zeugen, wurde ihm genommen. „Früher habe ich daran nicht so sehr gedacht, doch heute fände ich es schön, eine ‚Miniversion’ von mir zu haben“, bedauert er. Zwar habe er noch einen Penis, doch der wurde ihm als Baby zurückgesetzt. „Ich möchte das noch operativ anpassen lassen, weil ich mich wirklich als Mann sehe“, erklärt er. Doch die Kosten von rund 17 500 Euro werden die Krankenkassen wohl nicht übernehmen. Sein Leidensweg geht also weiter. „Ich habe wirklich lernen müssen, mich zu lieben. Dabei hilft mir mein Training, weil ich Muskeln sexy finde.“

Lange war er wütend auf seine Ärzte, stellte eine von ihnen, als er älter war, zu Rede. „Sie hat sich entschuldigt, aber ich hätte sie in dem Moment erwürgen können“, sagt er und betont, dass die Ärzte seine Eltern falsch beraten und zu einer Operation gedrängt hätten. Rechtlich will er dagegen vorgehen, obwohl es heißt, es sei verjährt. „Ich leide immer noch darunter. Meine Narben schmerzen immer wieder“, beschreibt er und erklärt, dass er früher auch immer wieder unter starken Depressionen gelitten habe. Dennoch bleibt der Untermberger positiv. „Meine Wut bringt mir nichts. Ich habe mit mir selbst Frieden geschlossen, und man muss auch verzeihen können.“

Seinen Eltern macht er keine Vorwürfe, sie seien damals eben falsch beraten worden. Doch weiß er auch, dass sie stark darunter gelitten haben. „Bis zu meinem achten Lebensjahr war ich ein sehr trauriges und stilles Kind. Das war nicht einfach für meine Eltern.“

Denn Moldovan wusste bereits als kleines Kind, dass er nicht als Mädchen leben will. „Ich habe mich immer wie ein Junge gefühlt, das hat in der Schulzeit aber nicht jeder verstanden, und ich wurde gehänselt“, sagt er und spricht an, was viele intersexuelle Menschen in ihrem Leben durchmachen.

„Heute ist mir das egal, ich lebe mein Leben, wie ich es will“, sagt der Untermberger, „aber als Kind war das anders. Ich habe mich Jahre lang für etwas geschämt, für das ich nichts kann.“

Info Der TV-Sender WDR hat Christian Moldovan für die Sendung „Menschen hautnah“ begleitet. Am Donnerstag, 7. Juni, 22.40 Uhr, wird die Sendung „Männlich, weiblich – oder was? Leben mit dem dritten Geschlecht“ im Fernsehen ausgestrahlt.

Was bedeutet Intersexualität?

Der Begriff Intersexualität bezeichnet Menschen, die sich wegen biologischer Besonderheiten nicht eindeutig als männlich und weiblich einordnen lassen. Das heißt, dass intersexuelle Menschen Merkmale weiblichen und männlichen Geschlechts gleichzeitig aufweisen. Die überwiegende Mehrzahl der intersexuellen Menschen ist nicht per se krank oder behandlungsbedürftig.

Früher wurden diese Menschen als Zwitter oder Hermaphrodit bezeichnet. Bis zur sechsten Schwangerschaftswoche trägt jeder Fötus Anlagen für beide Geschlechter in sich. Intersexualität entsteht bereits im Mutterleib.

Schätzungen des Ethikrats zufolge leben in Deutschland 80 000 Intersexuelle. Lange Zeit wurde Intersexualität als Krankheit angesehen. Zudem empfahlen Ärzte eine rasche Entscheidung für eines der beiden Geschlechter und eine frühzeitige Operation, so auch bei Christian Moldovan. Erst in den vergangenen 20 Jahren hat ein Umdenken stattgefunden. rwe