Akademietage Das Netz als Aufklärer und „Hassbörse“

Bietigheim-Bissingen / Andreas Lukesch 19.10.2016

Der sperrige Titel der Auftaktveranstaltung zu den diesjährigen Akademietagen „Die Macht der Medien – zwischen Aufklärung(sauftrag) und Lügenpresse(verdacht)“ konnte das Interesse an den Ausführungen von Prof. Dr. Ulrich Sarcinelli nicht schmälern. Der große Saal im Kronenzentrum war voll besetzt, die Veranstalter um Stadt, Schiller-Volkshochschule sowie den Dachverband für Seniorenarbeit schafften es problemlos, sich gegen den TV-Straßenfeger „Terror – Ihr Urteil“ zu behaupten.

Die Entscheidung der Besucher, ins Kronenzentrum zu gehen, war jedenfalls die richtige. Sie erlebten eine fundierte und unterhaltsame Analyse des Politik- und Medienwissenschaftlers zu den alten und den neuen Medien sowie den Veränderungen in einer neuen Mediengesellschaft – und das völlig frei von jener Polemik, mit der Berichterstattung von Journalisten derzeit oft bedacht wird. Die in dem Begriff „Lügenpresse“ gipfelnden Auswüchse sind für Sarcinelli Erscheinungen des digitalen Strukturwandels von Öffentlichkeit, eines gewaltigen historischen Umbruchs und letzter Schritt einer seit 2000 Jahren andauernden Kommunikationsrevolution.

Denn die Medienkritik, selbst die Diffamierung als „Lügenpresse“, sind alles andere als moderne Phänome. „Lügenpresse“ schrien die 68-er Studenten in Berlin und meinten die Springer-Blätter, zuvor war der Begriff Bestandteil der NS-Propaganda gewesen, um antisemitische Verschwörungstheorien unters Volk zu bringen. Mit Pegida erlebte der Vorwurf der „Lügenpresse“ schließlich eine postkommunistische Renaissance.

Dass Medien selbst Thema der öffentlichen Debatte sind, liegt in ihrer Natur, denn ohne Medien keine Veränderung. Ob nun Niklas Luhmann von der mediengemachten Wirklichkeit spricht oder Ulrich Sarcinelli von den Medien als „Katalysator und Motor des Wandels“ – jede Zeit hatte und hat ihre Medien. Radikal wurde die Veränderung erst mit der Digitalisierung, mit der Öffnung von Kommunikation durch das Internet, mit einer neuen Mediennutzung und der immensen Beschleunigung des Nachrichtentransports – mit allen Vor- und Nachteilen. „Das Netz ermöglicht Aufklärung, ist aber zugleich eine große Hassbörse“, sagte Sarcinelli.

Während einerseits klassische Medien ihr Deutungsmonopol und ihre Filterfunktion in der digitalen Medienwelt verlören, verändere sich andererseits die Streitkultur – hin zu Sprach-Verrohung und Radikalisierung. Das Ende der klassischen Medien prophezeite Sarcinelli nicht. Lokale und regionale Zeitungen etwa bedienten einen Markt, der in der neuen Medienvielfalt so nicht zu finden sei. Und je schwieriger es sei, Informationen zu bewerten, desto mehr steige der Orientierungsbedarf – den Qualitätsmedien decken könnten. Sarcinelis Schlusswort war auch ein Appell an die Entschleunigung: „Wir brauchen Raum und Zeit für Aufklärung.“

Akademietage

Mittwoch, 2. November: Den Auftakt der Vortragsreihe der diesjährigen Akademietage zum Thema „Die Macht der Medien“ gestalten um 9.15 Uhr Lutz Feierabend, stellvertretender Chefredakteur des Kölner Stadtanzeigers, und Andreas Lukesch, Chefredakteur der Bietigheimer Zeitung. Ihr Thema lautet: „Köln und die Folgen – Aufgaben und Verantwortung der Medien“. Weiter geht es um 11.15 Uhr mit dem Politikwissenschaftler Prof. Dr. Jürgen Maier und der Fragestellung „Bürger unter Einfluss – wie die Massenmedien unser Bild von der Politik bestimmen“. Um 14.15 Uhr spricht die Mitinitiatorin der Initiative für einen Publikumsrat beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk, Dr. Sabine Schiffer, über „Medien und Krieg – mediale Kriegsvorbereitung und mediale Kriegsberichterstattung“.

Donnerstag, 3. November: Erster Referent im zweiten Teil ist der Kommunikationswissenschaftler Prof. Dr. Christoph Neuberger. Er erklärt unter dem Titel „Von der Einbahnstraße zum Netzwerk“, wie sich Öffentlichkeit und Journalismus durch das Internet wandeln. Um elf Uhr stellt Prof. Dr. Christian Montag die Frage: „Smartphone, Internet & Co. – gibt es ein Zuviel?“ Der Medienethiker Prof. Dr. Christian Schicha beschließt die Akademietage um 14.15 Uhr mit dem Vortrag „Die Macht der Medien – eine ethische Betrachtung“.

Anmeldung: Die Anmeldung für die Akademietage erfolgt bei der Schiller-VHS unter der Kursnummer 16B 108106 telefonisch unter (07141) 144-16 66, per Fax (07141) 144-16 77, per E-Mail: info@schiller-vhs.de oder online. Teilnahmegebühr 50 Euro (ermäßigt 40 Euro). Anmeldeschluss: 27. Oktober.

www.schiller-vhs.de

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