Bietigheim-Bissingen / Rena Weiss  Uhr

Mit erst fünf Jahren hat Emily Schumacher angefangen, Capoeira zu lernen. Die wohl häufigste Frage, die sie dazu gestellt bekommt, ist, was Capoeira überhaupt ist. Denn der breiten Masse sagt der Kampfsport aus Brasilien mit Einfluss aus Akrobatik und Tanz, nur wenig bis nichts. Mit 13 Jahren wurde die Bietigheimerin als jüngste Teilnehmerin sogar Deutsche Meisterin. Ende 2018 erhielt die heute 14-Jährige zudem ein Stipendium des Programms „Talent im Land“.

Wer Emily Schumacher trifft, dem wird schnell klar, warum sie so begeistert von Capoeira ist: Sie braucht die Bewegung. „Ich wollte etwas mit Abenteuer“, sagt sie zu ihrer Entscheidung, eine Kampfsportart zu praktizieren. Ihre Eltern hätten sie darauf gebracht. Mit ihrer damals zweijährigen Tochter waren Sascha und Elke Schumacher bei einer Kampfsport-Veranstaltung und haben Capoeira-Spiele gesehen. Als Fünfjährige sah Emily Schumacher Videos davon und sie war begeistert.

Die Trainersuche jedoch hätte eine lange werden können, denn in Deutschland ist die Sportart nicht sehr bekannt. Allerdings wussten ihre Eltern von Marcos de Brito, der in Ludwigsburg Capoeira lehrt und mittlerweile auch in Bietigheim-Bissingen eine Gruppe unterrichtet. Seit mehr als neun Jahren nun praktiziert die 14-Jährige den Sport, und will ihn nicht missen. Das zeigt sich auch in ihrem Können und ihrem Wissen. Seit sie acht Jahre alt ist, darf sie bei den Erwachsenen mittrainieren, trainiert heute sogar selbst Anfänger. Das komme auch ihr zugute: „Das ganze Paket kann man nur machen, wenn man in einer Gruppe spielt.“ Mit Spielen, wird beim Caopeira der Kampf innerhalb des Roda (portugiesisch für Kreis) bezeichnet.

Dreimal die Woche trainiert sie den Kampftanz, dazu kommt Boxen, Turnen, Zirkustraining und Portugiesisch-Unterricht. Letzteres benötigt sie, um die blaue Kordel zu erreichen. Doch dafür muss sie zudem 18 Jahre alt sein. Im Moment hat sie die orange-blaue Kordel. Ihr großes Ziel ist die lila Kordel. Dafür muss sie nach Brasilien und von den Meistern geprüft werden. Bis in die 70er-Jahre war Capoeira ein männerdominierter Sport. Das hat sich mit erfolgreichen Meisterinnen wie Edna Lima, die in New York unterrichtet, geändert. Dass sie aufgrund ihres Geschlechts und Alters oder auch ihrer zwei geflochtenen Zöpfe gern unterschätzt werde, weiß die 14-Jährige und nutzt das zu ihrem Vorteil. „Wenn einer lächelt, heißt es meistens, dass er etwas vorhat.“ Sobald sie von Capoeira erzählt oder den Sport ausübt, hat sie ein Lächeln im Gesicht. Dass sie ein ernstzunehmender Gegner ist, weiß auch ihre Mutter: „Wenn es drauf ankommt, würde sie eher uns beschützen, als andersrum.“ Die Kunst sei es jedoch, den Kampf zu verstecken“, ergänzt die 14-Jährige, die ein Sportgymnasium besucht. Im Spiel wisse man nicht, was das Gegenüber macht, das mache für sie auch den Reiz des Sports aus.

Eine von 50 Stipendiaten

„Capoeira ist mein Leben und ich möchte ohne den Sport nicht leben.“ Dabei gehe es nicht nur um den Sport, sondern auch darum, viele interessante Menschen kennenzulernen, so die Schülerin. Das begeistert sie auch an dem Programm „Talent im Land“. Das von der Baden-Württemberg Stiftung und der Robert Bosch Stiftung getragene Stipendienprogramm fördert begabte Schüler aus Baden-Württemberg, die auf dem Weg zum Abitur, Hürden zu überwinden haben. 2018 wurden 50 Schüler aufgenommen, darunter Emily Schumacher. Das Programm beinhaltet ein monatliches Stipendium, persönliche Beratung sowie Stipendiatentreffen, Seminare und weitere Bildungsangebote. „Es ist eine sehr junge Sportart in Deutschland. Es gibt keine Sponsoren oder Mannschaftsbusse. Man muss sich alles selbst finanzieren“, erklärt ihre Mutter Elke Schumacher, einen der Gründe, warum sie sich beworben haben. Denn Capoeira ist ein internationaler Sport, der Reisen beinhaltet. Das wollen sie ihrer Tochter ermöglichen.

Die Mutter Capoeiras kam schwanger nach Brasilien

Capoeira ist eine brasilianische Kampfkunst, das auch als Kampftanz bezeichnet wird. Sie vereint Akrobatik, Kampfkunst und Tanz. Unter Capoeiristas gibt es ein Sprichwort: Die Mutter Capoeiras ist schwanger von Afrika nach Brasilien gekommen und hat dort ihr Kind, Capoeira geboren. Denn der Ursprung des Kampfsports liegt in Afrika: Zur Kolonialzeit wurden Menschen aus Afrika verschleppt und lebten in Brasilien als Sklaven. „Sklaven durften nicht kämpfen“, erklärt Emily Schumacher, „wenn sie es taten und ein Sklavenhalter kam, haben sie schnell die Musik gewechselt und getanzt.“ Heutzutage wird zwischen zwei Hauptrichtungen unterschieden: Capoeira Angola und Capoeira Regional.

Die Sportart ist nicht nur vom sogenannten Spiel zweier Capoeiristas geprägt, sondern auch von der Musik und dem Roda (portugiesisch für Kreis), in denen die Kämpfe (Spiele) stattfinden. Ähnlich wie bei Karate oder Judo zeigen Gürtel die Erfahrenheit des Trägers an. Nur wer Portugiesisch sprechen kann und gelernt hat, die typischen Instrumente zu spielen, kann bestimmte Gürtel erlangen. rwe