Interview „Alles auf einmal wird nicht gehen“

Oberbürgermeister Jürgen Kessing beim Interview in der BZ-Redaktion.
Oberbürgermeister Jürgen Kessing beim Interview in der BZ-Redaktion. © Foto: Martin Kalb
Bietigheim-Bissingen / Von Claus Pfitzer und Uwe Mollenkopf  16.06.2018

Als Leichtathletikpräsident hat er die Europameisterschaft im August in Berlin im Blick, als Oberbürgermeister die Sportstättendiskussion in der Stadt. Die BZ sprach mit Jürgen Kessing über Sport und Sportpolitik.

Herr Kessing, sind Sie schon im Fußball-WM-Fieber?

Jürgen Kessing: Da kann man sich gar nicht entziehen. Als Sportler ist man von solchen Meisterschaften ja immer ein bisschen infiziert und interessiert.

Ihr Tipp, wer wird Weltmeister?

Man hofft natürlich, dass es unser Team wird. Mein Geheimfavorit ist Spanien.

Zu Ihrem sportlichen Kerngeschäft, der Leichtathletik und der anstehenden Europameisterschaft vom 7. bis zum 12. August in Berlin: Wie ist der Stand der Vorbereitungen?

Die Vorbereitungen in Berlin sind in der heißen Phase. Sie laufen ja schon seit 2015. Wir haben extra eine Veranstaltungs-GmbH gegründet, die jetzt vor Ort mit über 50 Personen Tag und Nacht an der Vorbereitung der Wettkampftage arbeitet. Wir sind da voll im Plan. Was uns ein bisschen drückt ist, dass das Stadion richtig voll wird, dass dann eine Stimmung entsteht, wie wir sie im Schwabenland vom früheren Neckarstadion her kannten. Wir hoffen, dass dann auch so eine Gänsehautatmosphäre entsteht.

Es sind rund 200 000 Tickets verkauft. Haben Sie sich ein Wunschziel gesetzt?

Zielgröße sind 300 000 plus x, und dass wir dann an den Wettkampftagen so im Schnitt  50 000 Zuschauer im Stadion haben. Wir kommen auf eine Kapazität von um die 60 000. Wenn wir dann 50 000 im alten und ehrwürdigen Olympiastadion hätten, wäre das eine Atmosphäre, die auch trägt.

Welche Aufgaben warten auf Sie als DLV-Präsident?

Ich bin quasi Gastgeber. Es werden alle Kollegen von der europäischen Vereinigung und vom Weltverband kommen, hinzu kommen die Ehrengäste, die man betreuen darf. Ich werde von den Wettkämpfen wahrscheinlich gar nicht so viel mitbekommen. Ich bin auch froh, dass sich mein Vorgänger (Clemens Prokop, die Redaktion) einbringt. Er hat die Veranstaltung ja an Land gezogen und wird sie nun mit mir zusammen erfolgreich zu Ende bringen.

Sie haben sich vor den Olympischen Winterspielen 2018 wegen der Dopingvorwürfe klar für einen Ausschluss Russlands ausgesprochen. Wie ist Ihre Haltung vor der EM?

Bei der EM sind die Russen ausgeschlossen. Es gibt klare Zulassungsbedingungen für Athleten. Man muss sich vorher unabhängigen Trainings- und Wettkampfkontrollen unterziehen. Wenn das nicht gewährleistet ist, dürfen sie daran nicht teilnehmen. Bei den russischen Athleten, die unter neutraler Flagge starten dürfen, ist das so, die leben auch meist im Ausland, wo der freie Zugang der Kontrolleure möglich ist.

In der Bietigheim-Bissinger Lokalpolitik geht es auch um den Sport, genauer um Wünsche nach neuen Sportstätten. Sie haben gesagt, das sei ein Luxusproblem. Wie dringlich ist denn aus Ihrer Sicht die Situation?

Wir haben eine hohe Anziehungskraft, weil der Sport sehr erfolgreich ist. Wir haben aber auch festgestellt, dass von den 15 000, die bei uns Sport treiben, nur etwa zwei Drittel aus der Stadt kommen, und ein Drittel aus dem Umland. Die Anziehungskraft der Vereine, und dass dort gute Arbeit geleistet wird, führt natürlich zu einer extremen Auslastung. Wir sind noch die letzte Stadt, die keine Nutzungsgebühren erhebt. Wir haben festgestellt, dass wir im Bereich Bäder was tun müssen, da haben wir ein altes Bad, da brauchen wir ein neues. Da muss man sich über die Größenordnung unterhalten. Ein Wunsch ist, von 25 auf 50 Meter zu erweitern, da fragt auch keiner nach den Kosten. Ich habe manchmal den Eindruck, ich bin der Einzige, der versucht, das ganze Bild im Blick zu behalten. Ich verstehe aber auch die Ansprüche. Es gibt den Wunsch, das Stadion mit einer Tribüne zu versehen. Wir sehen an der Auslastung der Trainingskapazitäten, dass wir an den Trainingsstätten etwas tun müssen. In welcher Form und zu welchen Rahmenbedingungen muss die Diskussion ergeben. Wir haben da einen Handlungsbedarf. Das ist so.

Hat die Umfrage zur Prioritätenliste Neues ergeben?

Allein schon die Bestätigung, dessen was man gefühlt oder erahnt hat, ist schon mal ein Erkenntnisgewinn. Man hat jetzt eine wissenschaftliche Basis, auf der man sachlich, vernünftig und ruhig diskutieren kann.

Wird es eine Art Matrix mit Punkten geben?

Wir sind dabei, alles aufzubereiten. Wir werden nach der Sommerpause mit der Liste kommen können. Jetzt werden wir noch die Schulen abfragen. Da kommt unter Umständen  anderes als aus den Vereinen. Zunächst hat die Schule das prä bei der Sporthalle. Und für die Zeit, in der die Schule nicht drin ist, dürfen die Vereine rein. Es geht aber auch darum, was kostet es, und dabei nicht nur um die Investition, sondern auch um die Folgekosten. Man muss schauen, was wir uns dauerhaft leisten können. Die Forderung, alles auf einmal wird nicht gehen.

2020 endet Ihre zweite Amtszeit als Oberbürgermeister? Stellen Sie sich erneut zur Wahl?

Die Frage kommt reichlich  früh, es sind ja noch zwei Jahre hin bis zu diesem Zeitpunkt. Stand heute gibt es keinen Grund, nicht anzutreten. Ich war ja auch ein Verfechter, dass man den Bürgermeistern die Chance einräumt,  wenn sie sich bis zum 65. Lebensjahr nochmals zur Wahl stellen, die Wahlperiode auch zu Ende bringen zu können. Der Gesetzgeber hat das ja gemacht.

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