Aus der Not heraus wurde der Obstbauverein Bietigheim am 13. Januar 1929 gegründet, sagt Traute Theurer. Sie ist Vorsitzende des Obst- und Gartenbauvereins (OGV), wie er seit seiner Neugründung heißt. Denn Mostobst kam zur damaligen Zeit aus dem Ausland und „die Menschen waren abhängig davon.“ Im ganzen Land gründeten sich nach und nach solche Vereine. Oft waren es aber keine Landwirte, so auch in Bietigheim. Der erste gewählte Vorstand setzte sich aus zwei Oberlehrern und einem Handelslehrer zusammen, das zeigten Vereinsunterlagen. Das Ziel des Vereins: „Man wollte sich selbst versorgen“, fasst es Theurer zusammen. Noch dazu sollten die Qualität und die Quantität des heimischen Obstbaus gefördert werden, um besagte Einfuhr von ausländischem Obst zu reduzieren.

Große Not

Wie groß die Not war und das Interesse zeigte die hohe Mitgliederzahl zur Gründung: 72 Mitglieder konnte der Verein nach seiner Gründung aufnehmen. „Danach ging die Mitgliederzahl rasant nach oben“, sagt die Bietigheimerin. Innerhalb von vier Wochen stieg sie auf 125 Mitglieder, 1935 waren es 278. Heute, zum 90-jährigen Bestehen, sind es rund 170. Dabei hat sich der Verein von einer Zweckgemeinschaft zu einer Freizeitgestaltung hin gewandelt, sagt Traute Theurer. „Wir sind in der glücklichen Lage, alles einkaufen zu können. Damals war das nicht so.“ Den Erhalt der eigenen Kulturlandschaft, das fördert der Verein jedoch heute wie damals. Dabei hat er bei manchen mit einem verstaubten Image zu kämpfen, aber nicht bei allen. Zwar räumt die Erste Vorsitzende ein, dass der Altersdurchschnitt der Mitglieder recht hoch ist, aber „unser jüngstes Mitglied ist 19 Jahre alt. Auch Austritte haben wir kaum.“

Dabei half und hilft dem Verein neben einem vielseitigen Angebot auch, dass der Umweltgedanke in der Gesellschaft wieder modern geworden ist. „Im Frühjahr bekomme ich oft Anrufe von Menschen, die gerne einen Garten hätten.“ Als Streuobstwiesen- oder Gartenvermittler sei der OGV allerdings nicht tätig, muss Theurer klarstellen. „Wir bieten Vorträge, Schnittkurse und Ausflüge an“, zählt sie nur einige Aktivitäten auf. Schnittkurse wurden auch zu Gründungszeiten schon angeboten. Denn nicht bewirtschaftete Streuobstwiesen gehen kaputt, sagt Theurer. „Oft fehlt das Wissen, um Wiesen zu bewirtschaften und Bäume zu pflegen.“ Der Wille sei jedoch da und da kommt der Obst- und Gartenbauverein mit seinen Kursen und Vorträgen ins Spiel. „Die Resonanz ist groß. Es ist ja auch eine ideale Freizeitbeschäftigung“, ist Traute Theurer überzeugt, „ich finde es toll, wenn sich Leute dafür interessieren.“ Doch gerade bei Streuobstwiesen sei Verwahrlosung ein zunehmendes Problem. Hier setzt der OGV unter anderem auf die jüngeren Generationen.

Wissen vermitteln

Der Verein hat beispielsweise eine Patenschaft mit dem Schulgarten der Ellentalgymnasien. Vor einigen Jahren spendete der Verein unter anderem Apfelbäume und Johannisbeersträucher. „Regelmäßig gehen wir nun dort hin und machen einen Schnittkurs.“ Auch eine Apfelverkostung wurde bereits angeboten. „Das ist eine Möglichkeit, das Wissen zu vermitteln und weiterzugeben.“ Deswegen bietet der Verein gerade zum 90-jährigen Bestehen diverse Mitmach-Aktionen für Kinder an. Die nächsten sind im September und Oktober. „Wir werden zunehmend in den Jugendbereich einsteigen müssen.“ Dieses Engagement erhofft sie sich auch weiterhin von den Mitgliedern und blickt zuversichtlich auf die nächsten Jahre im OGV. „Ich habe ein sehr gutes Team. Wir brauchen Leute, die mitziehen und das funktioniert hervorragend.“ Auch, weil sich der Verein weiterentwickelt und auf die Bedürfnisse der Mitglieder und Gäste eingeht. „Wir haben dieses Jahr zum ersten Mal einen Rosenschnittkurs angeboten und haben damit dem Freizeitcharakter Rechnung getragen“, erklärt die Erste Vorsitzende.

Der Freizeitcharakter wird zudem durch Ausflüge gefördert. Einer der ersten ging ans Meer. „Diese Aussage ist legendär, weil später niemand mehr wusste, welches Meer“, sagt Traute Theurer. Nicht selten führen die Reisen zu für den Obstbau interessante Orte. 2005 ging es nach Boskoop in den Niederlanden. Dort ist eine der ältesten Apfelsorten entstanden. „Wir versuchen, bei den Reisezielen abzuwechseln.“

Info Zum 90-jährigen Bestehen des Obst- und Gartenbauvereins Bietigheim wird sich der Verein mit einem Umzugswagen am Bietigheimer Pferdemarkt beteiligen. Der Umzugswagen wird mit Obst und Gemüse sowie Blumen geschmückt sein. „Das Obst und Gemüse muss festgeklebt sein“, verrät Theurer, weil sonst immer wieder jemand etwas stibitze. Weitere Informationen zum OGV und zu dessen Veranstaltungen gibt es online.

www.ogv-bietigheim.de